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Finanzkrise? Was für eine Finanzkrise?

Der IWF lässt die Erde beben, doch keiner zittert

Der IWF lässt die Erde beben, doch keiner zittert

08. April 2008 Vor einigen Wochen hätte an den Finanzmärkten noch die Erde gebebt, am Dienstag nahmen sie es allenfalls am Rande zur Kenntnis. Fast eine Billion amerikanische Dollar an Verlusten, so schätzt der Internationale Währungsfonds (IWF) werde die Finanzkrise in der Welt bescheren.

Allein durch sinkende amerikanische Immobilienpreise und Hypothekenausfälle seien 565 Milliarden Dollar Verluste zu erwarten, schreibt der IWF in seinem am Dienstag in Washington vorgelegten Bericht zur Stabilität der weltweiten Finanzmärkte. Würden mit Geschäftsimmobilien verbundene amerikanische Wertpapiere sowie Kredite für Verbraucher und Firmen hinzugezählt, könnte sich eine Summe von 945 Milliarden Dollar (603 Milliarden Euro) ergeben.

Trostpflaster von Morgan Stanley...

Der Dax, der sich aufgrund eines miserablen Starts in die amerikanische Berichtssaison schon auf Tauchfahrt befand, reagierte gar nicht, die anderen europäischen Börsen ebenso wenig und die amerikanischen Börsen eröffneten wie erwartet im Minus und bewegten sich dann nach oben.

Denn immerhin hatte John Mack, der am Dienstag mit überwältigender Mehrheit bestätigte Vorstandschef der Investmentbank Morgan Stanley, gesagt, er sehe Licht am Ende des Tunnels. Die Schwierigkeiten im Hypothekengeschäft und mit dem stockenden Verkauf von Kreditrisiken an Investoren näherten sich dem Ende. Die Probleme mit amerikanischen Ramschhypotheken (Subprime) seien dagegen fast ausgestanden.

Das klang besser in den Ohren der Aktienanleger, die gerne kaufen und reich werden möchten. Und das kann man ja nicht dann, wenn man sich mit dem Vorwurf einer supranationalen Organisation an fast die gesamte weltweite Finanzbranche von Banken, Anleiheversicherern und Hedge-Fonds auseinander setzen muss, kollektiv bei der Bewertung des Ausmaßes der Risiken versagt zu haben.

... und Alan Greenspan...

Da hält man sich lieber am früheren Notenbankchef Alan Greenspan fest, der noch für das laufende Jahr eine Stabilisierung des amerikanischen Häusermarkts verkündet hat. Auch wenn es mindestens bis Anfang 2009 dauern werde, bis das Überangebot abgebaut sei, würden sich die Preise sehr wahrscheinlich deutlich früher stabilisieren.

Wer indes genauer hinschaut, müsste feststellen, dass die Dinge nicht so gut stehen, wie es scheinen mag. Mack meint nämlich auch, dass die Krise die Finanzbranche noch einige Quartale belasten werde. Das heißt im Klartext: Vergesst 2008! Sorge bereite ihm derzeit vor allem das Geschäft mit gewerblichen Immobilienkrediten, die Lage einiger mittelgroßer amerikanischen Banken und der europäische Kreditmarkt. Die Turbulenzen an den Märkten seien die gravierendsten seit mindestens vier Jahrzehnten.

... auf ein gebrochenes Bein

Und Greenspan, der sich gegen Kritik verteidigen muss, durch seine massiven Leitzinssenkungen 2001 die Blase am Immobilienmarkt überhaupt erst ermöglicht zu haben und am Montag in einem Artikel in der Financial Times schrieb „Die Fed ist an der Immobilienblase unschuldig“?

Der bezeichnet die Kreditkrise immerhin als schlimmstes derartiges Ereignis der vergangenen 50 Jahre und nennt als Bedingung für eine Erholung der Finanzmärkte und des Häusermarkts, dass die Realwirtschaft nicht in eine ernste Rezession abrutscht. Und das ist noch keineswegs ausgemacht. Ein Aufschwung werde langsam und zögerlich verlaufen. „Haben wir einen Punkt erreicht, an dem die Preise stabil sind? Das werden wir noch einige Monate lang nicht wissen“, sagte er.

Das Loch ist zu groß

Vielleicht ist es aber einfach nur die Macht der Zahlen, die die Anleger zum Abschalten bewegt. 500.000 Dollar Verlust sind eine Tragödie, 500 Milliarden sind eine Statistik. Gehen die Zahlen des IWF auch weit über das hinaus, was an tatsächlichen Verlusten und entsprechenden Prognosen bekannt ist, so ist es kaum vorstellbar.

Es erinnert ein wenig an eine Szene aus einem Sketch des hessischen Komiker-Duos „Badesalz“ mit dem Titel „Am Abgrund der Dummheit“: „Ach, des Ozonloch, ich hab noch keins gesehe'“.

„Die gegenwärtigen Turbulenzen sind mehr als nur ein Liquiditätsproblem. Sie decken tiefliegende Schwächen in den Bilanzen und dünne Kapitaldecken auf“, befindet der Bericht des IWF. Der Fonds warnt vor dem Risiko „einer ernsthaften Finanzierungs- und Vertrauenskrise, die droht, sich über eine erhebliche Periode hinweg fortzusetzen“.

Probleme aus dem Anleihenmarkt kommen erst noch

Zugleich sieht der Währungsfonds mit wachsender Sorge die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft. „Dünnere Kapitalpuffer und Unsicherheit über das Ausmaß und die Verteilung der Bankenverluste (...) belasten die private Kreditaufnahme, Geschäftsinvestitionen und Vermögenswerte wahrscheinlich schwer“, schreibt der Fonds. Das wirke sich dann wiederum auf den Arbeitsmarkt, Wirtschaftswachstum und Unternehmensbilanzen aus.

Konkret ist haben die aus dem Anleihenmarkt resultierenden Probleme kaum begonnen. Ob Citigroup, Bank of America oder Wells Fargo, die Kapitaldecke ist die dünnste seit sieben Jahren und wird voraussichtlich weiter strapaziert. Sheila Bair, Vorsitzende der amerikanischen Einlagensicherung Federal Deposit Insurance (FDIC), vertritt die Ansicht, dass die Kapitalquote der Institute durch Herabstufungen von Anleihen so beeinträchtigt werden wird, dass einige der größten Banken nicht mehr als kapitalstark oder „well capitalized“ betrachtet werden können.

Als „well capitalized“ gelten Banken, die nicht mehr als das Zehnfache ihres Eigenkapitals in risikogewichteten Aktiva halten. Bisher fallen mehr als 99 Prozent aller amerikanischen Banken in diese Kategorie. Sollten die Banken unter die von den Aufsichtsbehörden vorgeschriebene Mindestkapitalquote sinken, droht ihnen eine so enge Kontrolle durch die Behörden, wie sie es noch nicht erlebt haben.

Noch vor der Kreditklemme?

„Das ist ein Alptraum für das Land“, sagt William Isaac, von 1981 bis 1985 Vorsitzender der FDIC. Die Banken „werden so viel Kapital einsammeln wie sie können, dann werden sie ihr Wachstum begrenzen und weniger Kredite vergeben, und was eine milde Rezession sein sollte, wird eine sehr viel schwerwiegendere.“ Auch Notenbankchef Bernanke bezeichnete die Kapitalanforderungen an die Banken Anfang April vor dem Kongress als den „Kern des Problems“.

Die Ratings für Wertpapiere sind deshalb bedeutsam für die Kapitalquote, weil diese sich an risikogewichteten Aktiva orientiert. So wird ein hypothekenbesichertes Wertpapier im Volumen von 100 Millionen Dollar mit einem Rating von „AAA“ oder „AA“ risikogewichtet nur als Aktivum mit 20 Millionen Dollar angesetzt. Wenn das Rating dieses Papiers aber auf „BBB+“ fiele, müsste es mit den vollen 100 Millionen Dollar angesetzt werden, weil ein Zahlungsausfall wahrscheinlicher ist. Dabei genügt es, wenn nur eine Ratingagentur ihre Note senkt, denn wenn ein Papier unterschiedlich benotet wird, verwenden die Aufsichtsbehörden das niedrigste Rating.

Europa: Im Schatten der Krise, die Krise im Schatten

Und in Europa sieht es kaum besser aus. Die Privatbankenerwarten kein schnelles Ende der Finanzkrise. „Auch 2008 wird für die Banken ein nicht nur schwieriges, sondern sehr anspruchsvolles Jahr“, sagte der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB), Klaus-Peter Müller, am Montag in Berlin. „Die Situation muss weiter als äußerst angespannt bezeichnet werden, und die Krise wird uns wohl noch eine ganz Zeit beschäftigen“, sagte Müller.

Das Thema Finanzkrise ist mitnichten vorbei. Weitermachen wie vorher ist keinesfalls angesagt. Wer das glaubt, bewegt sich auf dünnem Eis. Selbst der Finanzinvestor Terra Firma erwartet erst 2010 eine Erholung der Private-Equity-Branche von den Folgen der Finanzkrise. Die Finanzierungsbedingungen blieben auf absehbare Zeit schwierig, was größere Zukäufe mindestens bis Ende 2009 erheblich erschwere. Zudem sei sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa eine Rezession wahrscheinlich.

Seit Monaten scheuen Banken davor zurück, größere Zukäufe von Private-Equity-Firmen zu finanzieren, da sie die riskanten Kredite im aktuellen Marktumfeld nicht mehr an Investoren weiterverkaufen können. Die jahrelang erfolgsverwöhnte Branche bekommt Milliardendeals kaum mehr gestemmt.

Damit fallen sie als Kurstreiber aus, während die Rezession noch gar nicht begonnen hat. An der Börse wird zwar die Zukunft gehandelt. Doch wie sagte der Fensterputzer, der aus dem 44. Stockwerk stürzte an jedem Fenster, an dem er vorbeikam: „So weit, so gut“.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: mho
Bildmaterial: dpa

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