Im Gespräch: Joachim Paul Schäfer

„Werterhalt ist das Gebot der Stunde“

Er sieht sich als Realisten, nicht als Pessimisten: Joachim Paul Schäfer, Partner der PSM Vermögensverwaltung

Er sieht sich als Realisten, nicht als Pessimisten: Joachim Paul Schäfer, Partner der PSM Vermögensverwaltung

04. Juli 2009 Die Kurse an den internationalen Aktienmärkten haben sich in den vergangenen Wochen kräftig erholt. Doch während manche Börsenexperten in der Aufwärtsbewegung das Ende der Finanzkrise erkennen, bleiben andere skeptisch. Zu ihnen zählt der Börsenprofi Joachim Paul Schäfer. Eine Bestandsauffassung der Finanzmärkte.

Herr Schäfer, Sie trauen dem Kursanstieg an den Aktienmärkten seit März nicht. Wie pessimistisch sind Sie?

Ach, wissen Sie, die Börse kennt meist nur Optimisten und Pessimisten. Wir bei PSM dagegen sind flexible Realisten, die versuchen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und daraus Anlagemöglichkeiten abzuleiten. Und dann werden wir in die Schublade der Pessimisten gesteckt. Dabei sehen wir jetzt die alte Börsenweisheit bewahrheitet: Man braucht nur wenige Gelegenheiten, um ein Vermögen aufzubauen, aber es genügt eine, um es zu vernichten. Das hat sich jetzt wieder gezeigt.

Gilt das auch für Ihre Kunden?

Wir trauen uns kaum, es in dieser Marktlage offen zu sagen. Aber wir haben auch im vergangenen Jahr Geld für unsere Kunden verdient. Der Wert unserer Kundendepots ist zwischen 5 und 10 Prozent gestiegen.

Was haben Sie anders gemacht als die anderen?

Der Ehrlichkeit halber muss ich sagen, dass auch wir schwere Jahre hinter uns haben. Als es an den Finanzmärkten in den Jahren um 2004 und 2005 aufwärts ging, haben wir deutlich weniger verdient, als möglich gewesen wäre, weil wir unsere Kundenvermögen nicht den damals schon latent vorhandenen Risiken aussetzen wollten. Heute zahlt sich unsere Vorsicht aus. Aber damals war sie oft erklärungsbedürftig. Wir haben sehr früh auf einen fallenden Dollar, einen steigenden Goldpreis sowie auf Anleihen erster Güte gesetzt. Schon 2003 haben wir angefangen, Gold ganz vorsichtig in unsere Portfolios hineinzunehmen. Heute haben wir 6 bis 10 Prozent Gold in unseren bestehenden Depots, bei neuen naturgemäß noch weniger. Wir fingen bei 400 Dollar je Feinunze an zu kaufen und prognostizierten schon damals einen Anstieg des Goldpreises auf 1000 Dollar bis 2008.

Wo der Goldpreis zeitweise auch stand. Jetzt liegt er noch bei 929 Dollar.

Ja, aber er wird weiter steigen, auch wenn wir kurzfristig einen Rückschlag Richtung 800 nicht ausschließen dürfen.

Welchen Preis halten Sie für realistisch?

Wir gehen davon aus, dass der Goldpreis in den nächsten fünf Jahren unter Schwankungen auf 2000 bis 3000 Dollar steigen kann.

Das ist eine mutige Prognose.

Ich halte sie für realistisch. Schauen Sie: Im Jahr 1980 erreichte Gold ein historisches Hoch bei 850 Dollar je Unze, während die Staatshaushalte noch deutlich positiver aussahen. Das wären inflationsbereinigt heute rund 2500 Dollar. Damit relativiert sich unsere Prognose deutlich.

Warum sollten die Anleger jetzt Gold kaufen?
Wir gehen davon aus, dass die Menschen wieder nach Sachwerten suchen werden, die sich nicht beliebig vermehren lassen - quasi eine Art Komplementärwährung zum Papiergeld. Wir glauben also an die Wertigkeit von Gold. Im Alten Rom konnte man sich mit einer Unze Gold eine Tunika kaufen. 1924 kostete ein Maßanzug eine Unze Gold, und heute bekommen Sie für eine Unze Gold immer noch einen Maßanzug. Dabei hat der Dollar allein in den vergangenen hundert Jahren 99 Prozent an Wert verloren. Geschadet hat dies bislang allerdings niemandem, da gleichzeitig Produktivität und in der Folge auch der Wohlstand enorm gestiegen sind. Wir sollten Inflation also nicht per se verdammen, sondern müssen uns nur entsprechend positionieren.

Und wie investieren Sie in Gold? Viele Anleger haben ja Barren oder Münzen gekauft und diese in einen Safe gelegt.

Davon halten wir nicht so viel. Wir investieren in diesem Markt über Xetra-Gold, das wir über die Deutsche Terminbörse kaufen. Der Vorteil davon ist: Diese Kontrakte werden wie Gold gehandelt, und die Seriosität der Deutschen Börse halten wir für so groß, dass wir dieses Adressenrisiko eingehen. In den nächsten Jahren werden wir bei unseren Goldinvestments auch Aktien von Gold- und Silberminen einbeziehen. Das machen wir jedoch erst, wenn die Zeit reif dafür ist.

Wie sollten sich die Anleger an den Märkten positionieren?

Wer noch Aktien besitzt, sollte Danke sagen und die Kursverluste, die er bisher erlitten hat, realisieren. Die ersten Verluste sind immer noch die besten. Wir haben den Boden am Aktienmarkt noch nicht gesehen. Die nächste große Bewegung an den Weltbörsen wird höchstwahrscheinlich nach unten gehen. Umgekehrt gilt jedoch auch: Wer nur Anleihen besitzt, wird auf lange Sicht auch nicht glücklich damit werden. Der Aktienmarkt kommt wieder, aber in der Breite erst, wenn die Inflation als Folge der enormen Neuverschuldung einsetzt. Inflation werden wir bekommen, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, da sonst kein Schuldendienst mehr möglich ist. Augenblicklich aber liegt die Kapazitätsauslastung im Keller. Das bedeutet Deflation, und die dauert voraussichtlich noch zwei oder mehr Jahre.

Was bleibt den Anlegern dann noch?

In unseren typischen Kundendepots sind wir bis zu 70 Prozent in festverzinslichen Staats- und Unternehmensanleihen allererster Güte investiert und zwischen 6 bis 10 Prozent in Gold. Bei Staatsanleihen nehmen wir nur beste Schuldner aus dem Euroraum: Deutschland, Frankreich, Niederlande. Und bei Unternehmensanleihen, die wir kaufen, achten wir darauf, dass die Unternehmen regelmäßige, nicht zyklische Mittelzuflüsse haben: Coca-Cola, RWE und Nestlé beispielsweise gefallen uns gut.

Wann halten Sie wieder einen Einstieg in die Aktienmärkte für gerechtfertigt?

Wenn entweder Inflation oder ein größerer Nachfragesog kommt, dann würde ich die Aktienmärkte wieder anders bewerten und aus den Rentenmärkten rausgehen. Ersteres dauert noch, und Zweiteres ist im Prozess der Entschuldung in den Vereinigten Staaten nicht in Sicht. Grundsätzlich gilt: Krisenjahre sind Chancenjahre, aber nur für wenige. Und zwar für diejenigen, die sich in ihren Anlagedispositionen eine hohe Flexibilität erhalten. In den nächsten Jahren geht es darum, die Chancen, die sich bieten, flexibel wahrzunehmen. Bis dahin werden wir keine nachhaltige Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten sehen. Wir befinden uns in der größten Finanzkrise aller Zeiten. Da muss man anders vorgehen. Man kann auch hier Geld verdienen, aber das Wichtigste ist jetzt, das Vermögen zu erhalten, vor allem durch Vermeidung von Verlusten. Heute geht es darum, eine Kombination aus akzeptabler Rendite und höchster Sicherheit zu finden. In ein paar Jahren mag das anders sein. Aber jetzt ist die Strategie des Werterhalts höchstes Gebot.

Das Gespräch führte Christian von Hiller.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: PSM Vermögensverwaltung

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