Versicherungen

Verbraucherschützer halten viele Bürger für falsch versichert

25. November 2004 Die meisten Deutschen sind nach Ansicht des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV) falsch versichert. "Die meisten Bürger haben Versicherungen, die sie nicht brauchen oder die bei existenzbedrohenden Schadensfällen nicht zahlen", sagte VZBV-Chefin Edda Müller am Mittwoch in Berlin. Als Ursache nannte sie falsche Anreize für Versicherungsvermittler sowie eine Benachteiligung der Verbraucher im geltenden Versicherungsrecht.

Ein Beispiel für Fehlentwicklungen im Versicherungsmarkt sind nach Müllers Ansicht die Kapitallebensversicherungen. Bis zu 80 Prozent dieser Versicherungen würden vor Vertragsablauf meist unter erheblichem Verlust für die Kunden gekündigt oder beitragsfrei gestellt. In den ersten fünf Jahren nach Vertragsabschluß werde bereits die Hälfte der Verträge gekündigt oder beitragsfrei gestellt. Ein Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bezeichnete diese Zahlen als nicht nachvollziehbar.

Kritik an Kapitallebens- und Unfallversicherungen

Die Lebensversicherungen, die häufig als zentraler Pfeiler der privaten Altersvorsorge geplant sind, seien nach Ansicht von Müller für einen großen Teil der Kunden ein Verlustgeschäft. Es sei oft teuer, aus den Verträgen auszusteigen, weil von den Prämienzahlungen zunächst die Provision des Vermittlers bezahlt und nur wenig angespart werde. Die Verbraucherschützerin forderte deswegen, die Abschlußkosten zunächst auf fünf Jahre, dann auf die gesamte Laufzeit des Vertrags umzulegen. Dann wäre eine Kündigung nicht mehr mit Verlusten verbunden. Außerdem will der Verband die Abschlußprovision künftig offengelegt sehen. Derzeit stehen nach Angaben Müllers nur 130 unabhängige Versicherungsberater 500.000 unternehmensgebundenen Versicherungsvertretern gegenüber, die mehr oder minder von Provisionen leben.

Falsche Provisionsanreize führten auch in anderen Versicherungssparten zu voreiligen Abschlüssen, kritisierte der Verband weiter. So hätten derzeit 17 Millionen Bürger Unfallversicherungen, obwohl die Gefahr, durch einen Unfall seine Arbeitskraft zu verlieren, relativ gering sei. An einer Haftpflicht- oder an einer Berufsunfähigkeitsversicherung fehle es dagegen bei vielen. Rund drei Viertel der Haushalte seien nicht gegen die Folgen von Berufsunfähigkeit abgesichert. Gerade diese wichtigen Versicherungen lohnten sich für Versicherungsvertreter aber kaum. "Die geringsten Provisionen gibt es ausgerechnet für Versicherungen, die zu den wichtigsten Policen gehören", sagte Müller.

Veränderungen beim Versicherungsrecht stehen an

Das Versicherungsrecht soll im kommenden Jahr reformiert werden. Deutschland muß dann eine EU-Richtlinie in nationales Recht umsetzen, die das Vermittlungsrecht neu regelt. Vertreter sollen dann einen Sachkundenachweis erbringen. "Heute wird den Leuten in Trainingslagern nur beigebracht, wie sie besonders erfolgreich ihre Produkte verkaufen können", sagte Müller. Außerdem will die Regierung bis zum Frühjahr 2005 einen Gesetzentwurf für ein neues Versicherungsvertragsrecht vorlegen.

Text: cag., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.11.2004, Nr. 276 / Seite 15

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