Behavioral Finance (7)

Übermut tut dem Portfolio selten gut

Von Hanno Beck

“Wir sind die Coolsten“

"Wir sind die Coolsten"

18. Dezember 2008 Es war ein einfaches Experiment: Man bat die Teilnehmer einer Studie, eine Wette abzuschließen. Sie sollten gegen einen Mitspieler wetten, wer von beiden die höhere Karte von einem Stapel zieht. Den Einsatz sollten sie dem Versuchsleiter vor dem Aufdecken der Karte mitteilen.

Was die Teilnehmer des Experiments nicht wussten: Der Zweite war kein Mitspieler, sondern von den Versuchsleitern instruiert, einmal als Trottel aufzutreten und einmal als sportlicher und gewitzter Zeitgenosse. Und dieses Benehmen machte den Unterschied: Spielten die Versuchspersonen gegen den vermeintlichen Trottel, so waren ihre Wetteinsätze höher als bei den Wetten gegen den intelligenten Gegenspieler. Obwohl der Ausgang der Wette unabhängig war von der Persönlichkeit des Gegenspielers, glaubten die Probanden, dass ihre Wettchancen besser seien, wenn sie gegen einen ihnen unterlegenen Gegner spielen, und wetteten höhere Einsätze.

Herrscher der Welt

Andere Experimente zeigen noch schrägere Ergebnisse: So glaubten Versuchspersonen, dass sie durch Konzentration das Ergebnis eines Münzwurfs beeinflussen konnten oder dass sie Lotterien ein Schnippchen schlagen können. Unter dem Strich blieb bei solchen Experimenten stets der gleiche Eindruck hängen: Menschen glauben, dass sie auf rein zufallsbedingte Ereignisse einen Einfluss haben.

Wenn wir aber schon glauben, dass wir einen Einfluss auf zufällige Ereignisse haben, wie sieht es dann erst aus mit Ereignissen, bei denen wir tatsächlich handelnde, aktiv beeinflussende Personen sind? Genau: So wie Spieler glauben, dass sie den Würfel kontrollieren oder die richtigen Lose aussuchen können, so glauben auch Unternehmensführer, dass sie ein Projekt im Griff haben, glauben Investoren, dass sie den Märkten ein Schnippchen schlagen können, glauben Anwälte, dass sie Prozesse gewinnen können. Kontrollillusion nennen Wissenschaftler dieses Phänomen - wir glauben, dass wir viel mehr Kontrolle über unser Leben haben, als es tatsächlich der Fall ist.

Der Blitz trifft immer die anderen

Ein enger Verwandter der Kontrollillusion ist der sogenannte Überoptimismus, aus dem sich letztlich die Kontrollillusion speist: Die Mehrheit der Menschen schätzt ihre Fähigkeiten auf welchem Gebiet auch immer als überdurchschnittlich ein - was sich nicht mit den Gesetzen der Statistik verträgt.

So glauben Studenten in Befragungen, dass sie höhere Gehälter als ihre Kommilitonen verdienen werden oder dass ihr Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, geringer ist als bei ihren Mitstudenten. Andere Befragungen bringen ähnliche Ergebnisse: Gute Ereignisse stoßen uns in unserer Einschätzung häufiger zu als anderen Menschen, von schlechten Ereignissen fühlen wir uns unterdurchschnittlich bedroht.

Ähnlich überoptimistische Einschätzungen finden sich auch für die Wahrscheinlichkeit von Autounfällen, Lungenkrebs bei Rauchern und die Wahrscheinlichkeit, nicht geschieden zu werden. Wo immer der Blitz einschlägt - in unseren Erwartungen ist es immer das Nachbarshäuschen, nie unser eigenes.

Nur Intelligenzbolzen

Dieser Überoptimismus könnte erklären, warum so viele Menschen trotz hoher Scheidungsraten heiraten oder trotz hoher Insolvenzraten unter neuen Unternehmen eine Firma gründen: Man glaubt einfach daran, dass man zu den Glücklichen gehört, die nicht geschieden werden und nicht pleitegehen - auch wenn die Statistik dagegen spricht.

Ein weiteres Gesicht des Überoptimismus ist die fatale Überschätzung unserer eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse. Bei Experimenten mit Wissensfragen zeigte sich, dass Menschen ihre Fähigkeit, Wissensfragen zu beantworten, überschätzten: Wenn sie sich beispielsweise zu 90 Prozent sicher waren, die richtige Antwort gegeben zu haben, lag der Prozentsatz der tatsächlich korrekt beantworteten Fragen stets darunter. Allerdings muss man der Vollständigkeit halber sagen, dass diese Studien nicht ohne Kritik geblieben sind; vereinfacht gesagt, dreht es sich dabei um die Auffassung von Wahrscheinlichkeit, welche die Versuchspersonen haben.

Hin und Her...

Schenkt man aber der Idee vom Überoptimismus Glauben, so liegen die Folgen für den Investor auf der Hand: Anleger halten sich für überdurchschnittlich gute Investoren, sie glauben, dass sie in der Lage sind, Aktien zu identifizieren, die sich in Zukunft überdurchschnittlich entwickeln werden.

Stimmt die Idee des Überoptimismus, so ist dies nicht der Fall. Eine Studie mit den Daten von 35.000 Haushalten, die Kunden bei einem Online-Broker waren, unterstützt diese Idee: Sie zeigt, dass Anleger viel zu häufig Aktien kaufen und verkaufen, was sie unter dem Strich ärmer macht. Oft ist es also mit unseren Fähigkeiten, an der Börse aktiv Geld zu machen, nicht so weit her.

Im Glauben, der Börse ein Schnippchen schlagen zu können, kaufen und verkaufen wir wild Aktien und machen uns dabei in Wirklichkeit nur die Taschen leer. Die Studie zeigte auch, dass Selbstüberschätzung an der Börse männlich ist: Männer handeln 45 Prozent mehr als Frauen, was die Wertentwicklung ihres Portfolios im Schnitt um 2,65 Prozentpunkte je Jahr reduziert.

Wettervorhersagen machen realistisch

Wie stark man der eigenen Überheblichkeit zum Opfer fällt, lässt sich nur durch eine rigorose Selbstkontrolle der eigenen Portfolio-Dispositionen feststellen: Die Investments aufschreiben, die Argumente, warum man sie getätigt hat, ebenfalls dokumentieren und nachträglich eine kritische Selbstanalyse betreiben.

Das klingt einfacher, als es ist. Aber offenbar kann es helfen, wie das Beispiel der Meteorologen zeigt: Studien zeigen, dass Meteorologen weniger anfällig für Überoptimismus sind. Der Grund dafür dürften Lernprozesse sein: Ein Meteorologe sagt heute das Wetter voraus und bekommt am Tag darauf die direkte Rückmeldung, wie gut er mit seiner Prognose gelegen hat. Das sorgt auf Dauer für ein deutlich realistischeres Selbstbild.

Deswegen ist das Phänomen des Überoptimismus überall dort weniger virulent, wo man eine rasche Rückmeldung auf seine Prognose bekommt und wo die Umweltbedingungen konstant sind, denn nur in einem konstanten Umfeld können wir aus den Folgen unserer Handlungen lernen, weil wir nur dann jedes Mal auf die gleiche Handlung auch die gleiche Rückmeldung erhalten. Schaut man sich diese Bedingungen an, so steht zu vermuten, dass es am Tollhaus Börse extrem schwierig sein dürfte, der Versuchung des Überoptimismus zu entgehen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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