FAZ.NET-Spezial: Schwarzbuch Börse

Gebührenfalle Anlagezertifikate?

Hohe Gebühren schmälern den Anlageerfolg

Hohe Gebühren schmälern den Anlageerfolg

05. Februar 2007 „An Zertifikaten und strukturierten Produkten aller Art kommt man als Anleger nicht mehr vorbei“ - so oder so ähnlich lautet das Credo der Anbieter solcher Instrumente. Denn sie böten auch Privatanlegern die Gelegenheit zu Strategien, die sonst nur größere, professionelle Anleger verfolgen könnten, so die Argumentation.

Diese mag theoretisch auch aufgehen und eine Erklärung dafür beisteuern, dass dieser spezielle Markt in Europa in den vergangenen Jahren so rasant gewachsen ist. Immerhin scheinen die Anleger mit den erworbenen Produkten Geld verdient zu haben. Fragt sich nur, ob der „Anlageerfolg“ tatsächlich auf die gewählten Produkte oder auf das „Glück“ der im Trend steigenden Börsen zurückzuführen ist.

Vielfach hohe, versteckte Kosten für Anleger

Denn es gibt auch andere Erklärungen. Zum Beispiel die, nach der der Boom der Zertifikatebranche vor allem auf die Gewinnspannen zurückzuführen ist, die die Anbieter mit dem Verkauf ihrer Produkte realisieren können.

Ein Blick in das „Schwarzbuch Börse 2006“ der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK, www.sdk.org) hinterlässt in diesem Zusammenhang ein ungutes Gefühl, das mit einem ähnlichen Report schon im vergangenen Jahr entstanden war. Damals zeigten sich die zum Teil horrenden Kosten verbriefter Derivate, welche die Emissionsbanken vorwiegend über intransparente Preisaufschläge in ihren Produkten verstecken können.

Der Blick auf Anlagezertifikate, mit denen die Emissionsbanken vor allem konservative Privatanleger mit längerfristigem Anlagehorizont ansprechen, scheint diese Einschätzung wieder einmal zu bestätigen. „Auch hier sind die eingebauten Kosten meist erdrückend hoch, weshalb die Anbieter verbriefter Derivate mittlerweile mit Zertifikaten fast immer deutlich mehr Profit erzielen als mit Optionsscheinen und sonstigen spekulativen Hebelprodukten“, heißt es in der aktuellen Ausgabe des Schwarzbuchs.

Preisvergleiche praktisch unmöglich

Die hohen Margen könnten leicht erwirtschaftet werden, da die meisten Anlagezertifikate einzigartige Ausstattungsmerkmale aufwiesen. Preisvergleiche würden dadurch praktisch unmöglich gemacht, der Wettbewerb außer Kraft gesetzt. Allenfalls bei einige Discount- und Indexzertifikate ist dies anders und führe daher zu niedrigeren Margen und Kosten für die Anleger.

Insgesamt sei der Zertifikatemarkt besonders attraktiv für die Anbieter, da man im Vergleich zu etablierten Finanzprodukten weitgehend ungestört von staatlicher Aufsicht und Regulierung oftmals um ein Vielfaches höhere Gewinnspannen auf Kosten der Kunden durchsetzen könne als bei konventionellen Anlageprodukten. Im Ergebnis gerate dadurch das Chance-Risiko-Verhältnis vieler Produkte völlig aus den Fugen, heißt es weiter von Seiten der SdK.

Ohne auf komplexe Strukturen einzugehen werden einige Beispiele angeführt. So habe die WestLB ein währungsgesichertes Nikkei-Zertifikate ausgegeben, das mit rund 4,5 Prozent Kosten pro Jahr rund zehn Mal so teuer sei wie ein entsprechender börsengehandelter Indexfonds. Denn Erträge aus der Währungssicherung und Dividendenerträge würden nicht weitergegeben. Grundsätzlich landeten die Dividenden regelmäßig beim relevanten Emissionshaus statt beim Anleger. Anleger sollten deshalb einen weiten Bogen um alle Anlagezertifikate ohne Dividendenberücksichtigung machen, heißt es (siehe auch: Das sollten Anleger bei Zertifikaten beachten).

Interessenkonflikte bei der Berechnung der Basiswerte

Viele Emissionsbanken kreieren nicht nur Zertifikate, sondern auch gleich noch das dazugehörige Underlying selbst und bestimmen auch dessen Wertentwicklung. Ob diese korrekt sei, können von Außenstehenden kaum nachvollzogen werden. Die meisten Emittenten schlössen außerdem in den Verkaufsprospekten die Haftung für Berechnungsfehler außer bei schwer zu beweisender grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz aus. Es bestehe daher nicht nur die Gefahr der mutwilligen Schönrechnung durch Mitarbeiter der Emittenten, sondern auch die sehr realistische Möglichkeit, dass Anleger aufgrund von tatsächlichen Berechnungsfehlern einen zu niedrigen Rückzahlungsbetrag erhielten. Trotz der massiven Interessenkonflikte und Fehlerpotentiale finde aufgrund fehlender gesetzlicher Regelungen nicht die geringste unabhängige Kontrolle oder Aufsicht statt.

Ein weiteres Problem sei die Bonität der Zertifikateemittenten, da Zertifikate rechtlich Inhaberschuldverschreibungen darstellen, für deren Zahlungsversprechen im Falle einer Insolvenz des Emittenten kein Einlagensicherungsfonds aufkomme. Daher läge es auf der Hand, dass Zertifikate, die von kleinen Anbietern wie der Wertpapierhandelsbank Lang & Schwarz ausgegeben würden, für eine Langfristanlage nicht in Frage kämen. Denn das stark erhöhte Ausfallrisiko dieses Anbieters werde nicht durch entsprechende Preisabschläge beim Produkt-Pricing weitergegeben, wie es an einem funktionierenden Markt zu erwarten wäre.

Ausfallrisiken der Anbieter werden bei der Preisbestimmung nicht berücksichtigt

Aber selbst bei bekannten und renommierten „Adressen“ sei eine gewisse Vorsicht angebracht. So begebe Goldman Sachs als größte Investmentbank der Welt ihre verbrieften Derivate in Deutschland über eine eigens gegründete Tochtergesellschaft ohne sonstige Einnahmequellen aus, die lediglich über ein haftendes Stammkapital in Höhe von gut 50.000 Euro verfüge. Die Kapitalausstattung der Emissionsgesellschaft entspreche also nicht mal der Größenordnung einer gut geführten Wechselstube. Eine Patronatserklärung der Muttergesellschaft, die diesen Malus heilen würde, gebe es nur für einen kleinen Teil der Produktpalette. Beim Großteil ihrer Derivate warne Goldman Sachs in den Verkaufsprospekten daher auch ausdrücklich vor der schlechten Bonität der emittierenden Gesellschaft.

Die Erfahrung zeige, dass unter bestimmten Umständen auch von großen Anbietern Reputationsschäden billigend in Kauf genommen werden. „Daher sollten Anleger vor Erwerb eines Zertifikats auch immer anhand des Verkaufsprospekts prüfen, wer für die Zahlungsversprechen gerade steht“, heißt es im Schwarzbuch. Die beste Bonität helfe allerdings nicht, wenn überhaupt kein Zahlungsversprechen existiere. So böten einige Emittenten Produkte an, welche keinerlei Rückzahlungsanspruch verbrieften.

Zusammenfassend lägen bei vielen Anlagezertifikaten Strukturierung, Emission, Preisbildung und Berechnung des Basiswerts allein in der Hand der jeweiligen Emissionsbank. Das sei ein einmaliges Konglomerat an Interessenkonflikten, die zudem so gut wie keiner staatlichen Regulierung und Aufsicht unterlägen. Diese Rahmenbedingungen würden von immer mehr auf den Markt drängenden Emissionsbanken dazu genutzt, private Anleger mit hohen, meist versteckten Kosten zu übervorteilen, welche oft jede Chance auf eine risikoadäquate Verzinsung von Anfang an zunichte machten, so der SdK. Diesem Fazit ist kaum noch etwas hinzuzufügen, außer: Anleger sollten einfache, transparente und kostengünstige Produkte anderen vorziehen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: dpa

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