Gesundheit

Krankenversicherer sehen sich in der Klemme

Von Philipp Kron

27. November 2009 Manch ein privat Krankenversicherter hat sich in den vergangenen Wochen verwundert die Augen gerieben, als er seinen Briefkasten öffnete. Die Post von seinem Versicherungsunternehmen verhieß nichts Gutes: Zum 1. Januar werden für viele Kunden die Beiträge angehoben. Steigerungen um 10 oder gar 20 Prozent sind keine Seltenheit. Vier Jahre lang habe man auf Beitragsanpassungen verzichtet, teilt der Branchenführer Debeka in Koblenz mit. Im kommenden Jahr aber sei durch die steigenden Gesundheitskosten der Anstieg um durchschnittlich 5 Prozent nicht mehr zu vermeiden. Der Branchenzweite, die DKV aus Köln, erhebt sogar durchschnittlich 8 Prozent mehr.

Für die Tochtergesellschaft der Ergo rächt sich jetzt, dass sie im vergangenen Jahr alle Mittel ausgeschöpft hat, um den Beitrag niedrig zu halten, als die durchschnittliche Steigerung nur 2,2 Prozent betrug. Damit wollte man vermeiden, dass Kunden einen Anreiz haben, in den neu eingeführten Basistarif zu wechseln, der zu niedrigeren Tarifen deutlich geringere Leistungen verspricht. Bis zum 30. Juni konnten Bestandskunden zu einem neuen Versicherer wechseln und einen Teil ihrer Alterungsrückstellungen mitnehmen. Die überdurchschnittliche Kostensteigerung zu Anfang 2010 sei auch mit einem Nachholeffekt zu erklären, erläuterte eine Unternehmenssprecherin.

Wachsende Gesundheitskosten und steigende Lebenserwartung belasten

Nicht alle Versicherer haben nach diesem Kalkül gehandelt. Die Nummer 3 und 4 der Branche, die Allianz Private Krankenversicherung und die Signal Iduna, passen ihre Prämien weniger stark an als zuletzt. Die Allianz rechnet damit, dass sie mit 3 Prozent höheren Beiträgen auskommt, nachdem sie ihre Sätze zum Beginn dieses Jahres um 3,5 Prozent erhöht hatte. Auch die Steigerung um 3,6 Prozent für Kunden der Signal Iduna bedeutet, dass ihre Tarife sich zu Beginn des kommenden Jahres weniger stark verteuern als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Dennoch bleiben die Steigerungsraten beachtlich, denn um die einzelnen Kunden wird gerade mit dem Versprechen auf Beitragsstabilität geworben.

Durch die Alterungsrückstellungen, die am Kapitalmarkt angelegt werden, soll gesichert werden, dass dem Versicherten im Alter Beitragserhöhungen erspart bleiben. Allerdings haben die Versicherer das Ausmaß der wachsenden Gesundheitskosten und der steigenden Lebenserwartung nicht vollständig einkalkuliert. Anpassen dürfen die Unternehmen nur dann, wenn auslösende Faktoren eintreffen. Wenn etwa in einer Tarifgruppe die Leistungen um mehr als 10 Prozent ansteigen, kann das Unternehmen für diese Gruppe die Beiträge neu kalkulieren. Mit der jüngsten Gesundheitsreform kam neben den Leistungen ein zweiter Auslöser hinzu: Seither müssen auch veränderte Lebenserwartungen einkalkuliert werden.

Im vergangenen Jahr gaben die deutschen Krankenversicherer 6,7 Prozent mehr Geld für medizinische Leistungen aus. Überdurchschnittlich stark sind mit 7,8 Prozent die Leistungen für den ambulanten Bereich gestiegen. Arztbehandlungen und Arzneimittel haben sich stark verteuert. Zahnersatzleistungen erhöhten sich sogar um 8,6 Prozent. Wer also einen Tarif gewählt hat, der weniger Wert auf Leistungen aus ambulanten Behandlungen oder auf Zahnersatzleistungen legt, kommt bei den Kostenanpassungen etwas besser davon. Regional sind besonders Kunden in Ostdeutschland betroffen, die zum Teil Anpassungen von durchschnittlich 15 Prozent hinnehmen müssen. Weil die Ärztedichte sinkt und sich die Krankenhauskosten dem Niveau in den westdeutschen Bundesländern anpassen, steigen hier die Kosten besonders stark.

Verbraucherschützer sehen Systemfehler

Der Verband der privaten Krankenversicherung beklagt, dass viele Ärzte sich von ihren Mitgliedsunternehmen das zurückholen, was sie durch die abnehmenden Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung einbüßen. Nach Angaben eines Sprechers werden im ambulanten Bereich 83 Prozent der Leistungen für privat Versicherte zum gesetzlich zulässigen Höchstsatz angeboten. Der Verband verlangt von der Bundesregierung, dass die privatärztliche Gebührenordnung geöffnet wird, so dass die Unternehmen mit den Ärzten über die Qualität und ihre Preise verhandeln können.

Einen langfristigen Blick in die Zukunft wagen die Versicherer kaum. Die Debeka allerdings erhofft sich von einem kürzlich geschlossenen Rabattvertrag mit sieben Generika-Herstellern, die Kosten positiv beeinflussen zu können. Anders als in der gesetzlichen Krankenversicherung sind die Ärzte und die Versicherungsnehmer aber nicht daran gebunden, die Arzneimittel zu verwenden, für die Rabattvereinbarungen getroffen worden sind.

Verbraucherschützer kritisieren die dauerhaft steigenden Beiträge als einen Fehler im System. "Die Unternehmen wissen, dass die Bevölkerung immer älter wird", sagt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten. "Das hätte man frühzeitig in die Kalkulation aufnehmen müssen, hat es aber nicht getan, um konkurrenzfähige Preise bieten zu können." Allerdings gesteht selbst der Kritiker der Branche zu, dass sie unter schwierigen politischen Rahmenbedingungen zu leiden hat. Die Einführung des Basistarifs etwa verteuere andere Tarife. Zudem erschwerten es die gesetzlich festgelegte dreijährige Wechselfrist und die hohe Versicherungspflichtgrenze, Neugeschäft abzuschließen und damit Beitragseinnahmen von jüngeren Kunden zu erzielen, die weniger Leistungen in Anspruch nehmen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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