23. November 2007 Am russischen Aktienmarkt spielt neuerdings die Musik bei den vom Öl und Gas unabhängigen Sektoren sowie bei den Nebenwerten. Ein Spezialist für russische Nebenwerte ist Thies Ziemke. Er beschäftigt sich seit 1970 mit Russland und lebt seit Mitte 2004 auch wieder in Russland. Ziemke verwaltet bei ParusKreml Capital Management den als Hedge Fonds konzipierten und seit Oktober 2005 existierenden Sokol Russian Equity Opportunity Fund (ISIN: KYG825351086). Außerdem ist er Berater für die in Deutschland börsennotierte Beteiligungsgesellschaft Kremlin AG.
Per Oktober war der Sokol Fund gut 21 Millionen Dollar schwer. Das in diesem Jahr bis dahin eingefahrene Kursplus belief sich auf Dollar-Basis auf 37 Prozent. Insgesamt verwaltet die Gesellschaft mehr als 50 Millionen Dollar. Der Fonds hat zwar keine Vertriebszulassung für Deutschland, ist aber transparent und folglich nicht mit steuerlichen Nachteilen behaftet. Die Mindestzeichnungssumme beträgt 250.000 Dollar, die Managementgebühr beträgt 1,8 Prozent und die Performance Fee 20 Prozent. FAZ.NET sprach mit Thies Ziemke in Moskau am Rande einer UBS-Investorenkonferenz über die weiteren Aussichten der russischen Börse.
Herr Ziemke, verglichen mit anderen Ostbörsen hat sich der russische Aktienmarkt in diesem Jahr lange Zeit nicht so gut geschlagen. Woran liegt das?
Diese Wahrnehmung hat zunächst einmal vor allem mit der Indexmessung zu tun. In den großen Aktienindizes sind Öl- und Gaswerte überproportional stark vertreten. Und diese Werte sind nicht so gut gelaufen, weil der Staat bei steigenden Ölpreisen vieles davon wegbesteuert. Außerdem war das Indexschwergewicht Gazprom zuvor ganz einfach sehr stark gestiegen, weshalb es zuletzt zu einer Konsolidierung gekommen ist. Außerdem hat sich der geopolitische Wind etwas gegen Russland gedreht. Dabei war Insidern schon immer klar, dass Russland und der Westen unterschiedliche geopolitische Interessen haben. Der Blick auf die großen Aktienindizes greift aber zu kurz und ist nicht richtig. Viele Nebenwerte und Branchen außerhalb des Öl- und Gassektors sind sehr gut gelaufen. Unser Fonds, der sich auf Nebenwerte spezialisiert, hat jedenfalls auf Dollar-Basis um 37 Prozent zugelegt.
Sie haben die Politik bereits angesprochen. Wie beurteilen Sie die politische Entwicklung Russlands?
Für Russland selbst ist es zuletzt alles ganz gut gelaufen. Wir müssen uns mal abschminken, dass es für dieses Land aktuell das wichtigste ist, ob es sich nun in Richtung Demokratie entwickelt oder nicht. Auch sollten wir aufhören, Führung und Volk gegeneinander zu stellen. Die Zustimmungswerte für Putin sind jedenfalls einmalig hoch. Früher war das hier alles ein Hauen und Stechen. Verglichen damit ist vieles besser geworden.
Insgesamt blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. Allerdings ist Russland auch immer wieder für extreme Geschichten gut. Das liegt vielleicht auch am Charakter des Volkes. Insgesamt ist mir um die Zukunft Russlands aber nicht Bange. Das hat auch mit den Jugendlichen zu tun, mit denen ich hier Kontakt habe. Diese sind zu großen Teilen sehr weltoffen und haben ein hohes Bildungsniveau.
Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Perspektiven?
Die Aussichten bleiben auch für die kommenden Jahre gut. Es handelt sich inzwischen um einen selbst tragenden Aufschwung und die Investitionsneigung erreicht mit Zuwachsraten von 20 Prozent fast chinesische Verhältnisse. Auch von der Olympiade in Socchi gehen natürlich positive Impulse aus. Wenn ich die noch immer relativ große Schattenwirtschaft mit einbeziehe, dann würde ich das Wirtschaftswachstum sogar ein bis zwei Prozentpunkte über den offiziell ausgewiesenen Werten veranschlagen. Als größtes Risiko erachte ich eine Politik, bei der Geld nach dem Gießkannenprinzip verteilt würde und ein zunehmendes Problem stellt zudem die steigende Inflation dar. In der Kredit- bzw. Liquiditätskrise sehe ich keine allzu große Gefahr, weil genügend Geld vorhanden ist, das im Bedarfsfall in das System gepumpt werden kann.
Das hört sich nach positiven Rahmenbedingungen für die Börse an. Wie schätzen Sie die weiteren Kursaussichten ein?
Auch in dieser Hinsicht blicke ich sehr entspannt und positiv nach vorne. Der Markt ist vergleichsweise niedrig bewertet und die Gewinne der Unternehmen wachsen. Weitgehend meiden würde ich allerdings bis auf Gazprom die Ölwerte. Gut gefallen mir dagegen die Telekommunikationsaktien wie der Mobilfunkanbieter MTS. Für ausgesprochen spannend halte ich auch die Holding AFK Sistema. Denn hier beträgt der Abschlag, den die ADR/GDRs zum Wert der einzelnen Konzernteile aufweisen, immerhin 30 Prozent. Und der Abschlag der lokalen Aktien ist sogar noch höher. Hier kann man eigentlich investieren ohne groß nachzudenken. Zumal das Kursrisiko wegen des hohen Abschlags begrenzt erscheint.
Welche Branchen gefallen Ihnen am besten?
Mir gefällt der Düngemittelsektor, weil die Düngemittelpreise steigen und der Düngemittelverbrauch in Russland erst wieder 30 Prozent des Niveaus zu Sowjetzeiten erreicht hat. Interessant ist etwa Acron. Das Unternehmen kommt auf einen Börsenwert von 1,8 Milliarden Dollar, davon bestehen aber eine Milliarde aus werthaltigen Beteiligungen. Und die eigenen Umsätze belaufen sich auf rund zwei Milliarden Dollar. Spannend sind auch Uranaktien wie Priagunsk Mining, allerdings sind diese Titel aber auch sehr spekulativ. Generell interessant ist auch das Thema Infrastruktur, aber es gibt in diesem Bereich nur begrenzt Auswahl an der Börse. Und die Werte, die gelistet sind, behandeln die Privatanleger oft schlecht. Ein gutes Unternehmen ist sicherlich Sibirskiy Cement, allerdings ist dieser Titel sehr illiquide.
Auf welchen Einzelwert setzen Sie momentan besonders?
Bei den Nebenwerten lassen sich wirklich noch Titel mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von eins finden. Das ist kein Vergleich mit Ländern wie Vietnam, wo sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis oft in einer Größenordnung von 50 bis 60 bewegt. Hier in Russland sind Nebenwerte oft noch für einen Apfel und ein Ei zu haben. Das hat zwar teilweise auch seine Gründe, wie geringe Liquidität, schlechte Corporate Governance oder das Verschieben von Gewinnen, aber wenn sich ein Unternehmen auf dem richtigen Weg befindet und auf den Kapitalmarkt zusteuert, dann können die Kurse mitunter auch um das Zehn- oder Zwanzigfache steigen.
Eine dieser Perlen ist für mich Yuzhural Nickel. Dieser Nickelproduzent gehört zwar in den Einflussbereich des Bergbau- und Metallurgieunternehmens Mechel, das zuletzt schon versucht hat, die Kleinaktionäre herauszudrängen. Das hat aber nicht geklappt und trotz des gesunkenen Nickelpreises halte ich das Unternehmen für sehr günstig bewertet. Yuzhural Nickel kommt auf einen Börsenwert von gerade einmal 800 Millionen Dollar. Davon sind Barmittel von 300 Millionen Dollar abzuziehen, so dass 500 Millionen Dollar übrig bleiben. Dem steht in diesem Jahr aber bei einer Produktion von 26.000 Tonnen Nickel vermutlich ein Gewinn von 300 Millionen Dollar gegenüber.
Wie schwierig ist es, an die nötigen Informationen zu kommen?
Sprechen kann man hier eigentlich mit allen und auch das Verhältnis zu anderen Großinvestoren ist gut. Teilweise verbünden wir uns sogar mit ihnen, um unsere Interessen durchzusetzen. Was die Informationsgewinnung angeht, ist das Problem eher, ob man letztlich auch wirklich sachdienliche Auskünfte bekommt. Bei der Suche nach unterbewerteten Nebenwerten handelt es sich aber um eine sehr spannende Arbeit und ist viel interessanter als nur große Werte wie Lukoil zu kaufen. Man fühlt sich manchmal dabei wie ein Detektiv oder wie ein Trüffelschwein.
Das Gespräch führte Jürgen Büttner.
Text: @JüB
Bildmaterial: FAZ.NET, Tim Wegner, Frankfurt
| Anlage- schwerpunkt | Fond- anzahl | Mon. Performance | |
|---|---|---|---|
| Top % | Flop % | ||
| Aktien | 3.147 | +0,00 | -25,02 |
| Andere | 5.673 | +0,00 | -9,43 |
| Derivative | 51 | +0,00 | -5,84 |
| Geldmarkt-/nahe | 227 | +3,68 | -3,41 |
| Gemischte | 264 | +1,03 | -15,20 |
| Renten | 1.363 | +4,61 | -8,80 |
| Quelle: Morningstar | |||
| Tops & Flops | Prozent |
|---|---|
| Renten HKD | +4,61 |
| Geldmarkt/-nahe Fonds GBP | +3,68 |
| Renten JPY | +3,61 |
| Aktien Russland & CIS | -25,02 |
| Aktien Brasilien | -22,82 |
| Aktien Österreich | -21,10 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 4.544,31 | -7,01 |
| TecDax | 516,75 | -4,81 |
| DowJones | 8.451,19 | -1,49 |
| Nasdaq | 1.649,51 | +0,27 |
| STOXX 50 | 2.421,87 | -7,86 |
| Nikkei 225 | 8.276,43 | -9,62 |
| S&P 500 Zert. | 8,83 | -10,45 |
| Euro/Dollar | 1,34 | +0,00 |
| Bund Future | 114,67 | -1,44 |
| Gold | 847,40 | +0,00 |
| Öl | 76,65 | -7,49 |
Gestern sah ich AMERICAN DREAMZ mit Hugh Grant...
22:43Der Markt ist nicht gut und nicht böse
22:42