Marktperformance

Optimismus der Börsianer läßt sich hinterfragen

20. Mai 2008 Die Börsianer neigen gemeinhin zum Optimismus. Nur so lässt sich erklären, wieso sie in den vergangenen Wochen ihre Sorgen über die Kredit- und die amerikanische Wirtschaftskrise beiseite schieben und die Börsen nach oben kaufen konnten.

Dabei sieht die Lage bei objektiver Betrachtung der Fakten nicht sonderlich positiv aus. So wären ohne die hohen Gewinne von Ölkonzernen die Gewinne der amerikanischen Unternehmen zuletzt so niedrig ausgefallen wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr.

Deutlicher Gewinnrückgang bei amerikanischen Unternehmen „ex Öl“

Würden ihre Beiträge zur Entwicklung ausgeklammert, wären die Gewinne der Unternehmen im S&P 500 um 26 Prozent beziehungsweise 30,2 Prozent gesunken. Selbst bei den integrierten Ölkonzernen sind die Zeiten nicht mehr rosig: Die Margen gehen zurück und die Fördermenge nimmt ab heißt es von Analystenseite.

Die unterschiedliche Ertragsentwicklung der Ölkonzerne und der übrigen Unternehmen lässt darauf schließen, dass die jüngste Kursrally des S&P 500, der in den vergangenen zwei Monaten rund zwölf Prozent zulegte, nicht von Dauer ist. „Der Ölsektor hat den Markt bislang gerettet“, erklärte Neil Dwane, Investment-Chef von RCM der Nachrichtenagentur Bloomberg. Außer den Ölunternehmen können in den Vereinigten Staaten bisher höchstens Exportunternehmen oder global augestellte Firmen vom schwachen Dollar profitieren. Sie lange das der Fall sein kann, dürfte sich erst noch zeigen müssen.

Bisher liefen die Geschäfte in den Schwellenländern und in Europa noch gut. Allerdings macht sich inzwischen in Märkten wie Brasilien die nachlassende Nachfrage aus den Vereinigten Staaten immer deutlicher bremsend bemerkbar. Sie dürfte künftig kaum zunehmen. Denn die amerikanischen Konsumenten befinden sich in der Defensive: Die Schulden sind gross, die Löhne steigen nicht, die Banken verschärfen die Kreditvergaberichtlinien, der Immobilienmarkt ist schwach und lässt die Extraktion von Liquidität nicht mehr. Gleichzeitig wird die Lage am amerikanischen Arbeitsmarkt immer schwieriger. Die offiziellen Zahlen werden geschönt durch das so genannte Birth-Death-Modell, das in den vergangenen Monaten massiv fiktive Jobs auf dem Papier und nur für die Statistik kreierte und durch die massive Zunahme von schlecht bezahlten Teilzeitstellen.

Schwacher Arbeitsmarkt - geringes Konsumentenvertrauen

Auf Basis solcher Fakten dürfte kaum verwundern, dass sich das amerikanische Konsumentenvertrauen - gemessen am University of Michigan Survey of Consumer Confidence - auf dem tiefsten Stand seit 28 Jahren befindet. Umso verwunderlicher ist die Tatsache, dass die Börsianer gegenwärtig offensichtlich auf die rasche Erholung der amerikanischen Konjunktur, auf den anhaltenden Preisauftrieb bei Rohstoffen und bei zyklischen Werten setzen. Denn vom Export alleine kann die amerikanische Wirtschaft wohl kaum leben.

In Europa herrscht zwar der Eindruck vor, der Kontinent könne sich wirtschaftlich zusammen mit den Schwellenländern von der amerikanischen Malaise abkoppeln. Allerdings hängt die Entwicklung stark am Export, da sich auch die europäischen Konsumenten in der Zwisckmühle zwischen stagnierenden Löhnen und massiv steigenden Preisen befinden. In Großbritannoen, Irland, Spanien und nicht zuletzt auch in Italien drohen rezessive Entwicklungen. In Italien sind die Industrieaufträge im März deutlich gefallen.

In den vergangenen Monaten ist auch die Stimmung unter den Finanzmarktprofis im Trend zurückgegangen. In jüngster Zeit hat sie sich zwar in einzelnen Branchen etwas erholt. Allerdings ist sie in den meisten noch sehr negativ. Wie weit sie wird tragen können, dürfte sich erst noch zeigen müssen. Das zeigt sich am Beispiel der Finanzbranche. Entgegen dem gegenwärtigen Eindruck ist die Finanzkrise noch lange nicht ausgestanden. Viele Banken verstecken in ihren Bilanzen weiteren Abschreibungsbedarf. Zudem dürften sie ihre Geschäftsmodelle und damit ihre Wachstumserwartungen hinterfragen müssen. Der Finanzboom der vergangenen Jahre dürfte sich kaum wiederholen lassen.

Selbst die Entwicklung in den Schwellenländern wirft Fragen auf. Denn früher oder später dürfte die amerikanische Nachfrageschwäche durchschlagen, selbst an den Rohstoffmärkten. Sollte es dort zu Korrekturen kommen, können sie zumindest kurzfristig zu einer Eigendynamik nach unten führen. Insgesamt mag es reizvoll sein, auf die in den vergangenen Wochen neu entstandene, optimistischen Trends zu setzen. Allerdings drängen sich Absicherungsstrategien gegen Rückschläge förmlich auf.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET, Northern Trust

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