Technische Analyse

Aktien: Weitere Kursschwankungen voraus

Von Mark Arbeter

Welche Signale geben die Charts?

Welche Signale geben die Charts?

28. Juni 2007 Die Bewegungen am Aktienmarkt folgen weiterhin den Entwicklungen auf dem Anleihemarkt, wobei die Aktienkurse in der vergangenen Woche durch höhere Renditen unter Druck gerieten. Der Aktienmarkt scheint an „Verdauungsproblemen“ zu leiden, und solange er sich nicht an das höhere Renditeniveau gewöhnt, das nach unserer Ansicht zum Normalfall wird, dürften wir noch einige heftige Kursschwankungen erleben. Sobald sich die Renditen jedoch etwas eingependelt haben, könnte dem Aktienmarkt nach unserer Einschätzung ein schöner Sommer ins Haus stehen.

Zu Beginn der vergangenen Woche ging dem S&P-500 in der Nähe seiner Anfang Juni markierten Hochs die Luft aus. Er zog sich daraufhin in den Bereich eines Zwischenhochs zurück, das sich während der kleinen Doppelbodenformation ausgebildet hatte. Unterstützung fand der Index dabei auch vom einfachen 50-Tage-Durchschnitt sowie von einer aus den Märztiefs abgeleiteten Trendlinie. Seit Anfang Juni bewegt sich der S&P-500 eingeklemmt zwischen dem Widerstand bei 1.540 Punkten und der Unterstützung bei 1.490 Zählern.

Ausbidung einer „soliden Plattform“ für künftige Aufwärtsbewegungen?

Auf sehr kurze Sicht gehen wir davon aus, dass die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihen die jüngsten Hochs zwischen 5,25 und 5,30 Prozent testen könnte. Währenddessen dürfte der S&P-500 nach unserer Überzeugung die jüngsten Tiefs in der Zone zwischen 1.490 und 1.500 Punkten ausloten. Wir gehen ferner davon aus, dass der Widerstand am Anleihemarkt vorerst halten und eine neuerliche Gegenbewegung der Renditen nach unten auslösen wird. Daraufhin würde der Aktienmarkt nach unserer Ansicht einen erfolgreichen Test der jüngsten Tiefs vornehmen und dort möglicherweise eine solidere Plattform für künftige Aufwärtsbewegungen bilden.

Der Versorgungssektor - der Sektor mit der größten Zinsempfindlichkeit - testet bereits seine jüngsten Kurstiefs und scheint hierbei einen Doppelboden auszubilden. Dies könnte ein erstes Indiz dafür sein, dass ein vorläufiges Ende des Anstiegs der Anleiherenditen bevorsteht. Auch der börsengehandelte Fonds iShares Lehman 20+ Year Treasury Bond Fund (TLT) lotet sein jüngstes Tief im Bereich zwischen 82 und 83 aus und könnte dabei ebenfalls einen Doppelboden bilden. Der TLT erhält sehr starke langfristige Chartunterstützung in der Zone zwischen 81 und 83, weshalb wir davon ausgehen, dass sich hier eine logische Stelle für eine Kursumkehr bietet.

Wie bereits vor kurzem in einem Kommentar angemerkt, zeigte sich während des Haussemarktes eine sehr starke Sektorbeteiligung, und trotz des Anstiegs der Anleiherenditen behalten alle zehn Sektoren des S&P-500 ihre langfristigen Aufwärtstrends bei. Einige sind auf Allzeithochs vorgestoßen, während andere neue Erholungshochs markierten. Diese breit angelegte Stärke unterscheidet das heutige Szenario von der Situation Ende der 1990er-Jahre, als große Technologiewerte die Haupttreiber der Indizes waren.

Haussemärkte neigen sich in der Regel ihrem Ende zu, wenn die Sektorbeteiligung gering ausfällt oder nicht auf Hochtouren läuft.
Zusätzlich zu den breiten Bewegungen der Sektoren zeigen sich auch die internationalen Aktienmärkte von ihrer starken Seite. Neben dem amerikanischen Aktienmarkt beobachten wir auf technischer Basis auch die maßgeblichen europäischen und asiatischen Märkte. Analog zum S&P-500 stieß auch der Xetra-DAX unlängst auf ein Allzeithoch vor, bevor er kurze Zeit später unter Gewinnmitnahmen leidend zurückwich. Der FTSE-100 steht kurz davor, ein Retracement seines gesamten Baissemarktes zu vollziehen. Während wir die jüngsten Kursschwankungen vor allem von der Entwicklung auf dem Anleihemarkt beeinflusst sehen, sind wir jedoch auch der Auffassung, dass die Kursvolatilität aufgrund von Gewinnmitnahmen nervöser Anleger immer dann zunimmt, wenn ein maßgeblicher Index in die Nähe einer entscheidenden Kursmarke gelangt oder sie schließlich übersteigt.

Vitalität der europäischen Aktienmärkte

Neben der Vitalität der europäischen Aktienmärkte beobachten wir auch starke Entwicklungen auf den asiatischen Märkten. Der Hang-Seng-Index brach zu Beginn vergangener Woche auf neue Allzeithochs aus und scheint noch Kraft für weitere Zuwächse zu haben. Bevor der Index nach oben ausbrach, bildete er mit einer inversen Kopf-Schulter-Formation ein relativ ungewöhnliches Muster unweit der Kurshochs aus. Dieses Muster tritt üblicherweise nach einer Korrektur auf, in diesem Fall diente es jedoch als Fortsetzungsmuster. Wenn der S&P-500 im Bereich um 1505 Punkte anhält und dann auf ein höheres Niveau ausbricht, wird sein Muster in etwa dem des Hang-Seng ähneln.

Der iShares FTSE/Xinhua China 25 Index (FXI) verzeichnete ebenfalls einen eindrucksvollen Ausbruch auf neue Allzeithochs, wobei wir das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sehen. Es dauerte einige Zeit, doch schließlich gelang es dem Index, sich durch hartnäckige Chartwiderstände in der Zone zwischen 110 und 118 durchzukämpfen. Neben diesen Widerständen nach oben überwand der FXI außerdem einen aus den Hochs seit 2005 abgeleiteten längerfristigen Trendlinienwiderstand. Eine Beschleunigung der Aufwärtsbewegung halten wir für möglich.

Nicht zu vergessen ist der japanische Aktienmarkt, der kurz vor einem Ausbruch auf ein neues Erholungshoch steht. Der Nikkei-225-Index durchbrach einen kurzfristigen Chartwiderstand nach oben und befindet sich nun unweit eines maßgeblichen Widerstands, der sich aus den Schlusshochs von Ende Februar ableitet. Der Index hat ein aufsteigendes Dreieck vollendet, ein in unseren Augen bullisches Zeichen einer möglichen Aufwärtsbewegung der Aktien zu neuen Erholungshochs. Daneben bewegt sich der Nikkei weiterhin in mittel- und langfristigen bullischen Trendkanälen.

Die Rohölpreise haben den maßgeblichen Widerstand im Bereich zwischen 67 und 68 Dollar nach oben durchstoßen. In dieser Zone waren bedeutende Chart- und Fibonacci-Widerstände angesiedelt. Die Preise verzeichnen nun ein Retracement von mehr als 61,8 Prozent des Rückgangs von Juli bis Januar, was die Möglichkeit eines vollständigen Retracements auf die alten Hochs bei 77 Dollar eröffnet. In den vergangenen Tagen scheiterte der Ölpreis an der Marke von 70 Dollar/Barrel, wir rechnen jedoch damit, dass diese im weiteren Verlauf überschritten wird. Die Momentum-Indikatoren auf Tages- und Wochenbasis signalisieren nach unserer Deutung höhere Preise, und keiner der Indikatoren befindet sich in überkauftem Terrain.

In den Sommermonaten ist ein hohes Niveau der Rohölpreise nicht ungewöhnlich, weshalb diese saisonale Stärke wenig verwundern dürfte. Im Vorjahr erreichten die Ölpreise ihren Zenit im Juli und August, bevor eine kräftige Korrektur eintrat. Im Jahr 2005 gipfelten die Preise gegen Ende August, 2004 trat der Höhepunkt erst im Oktober ein, 2003 wurde im Sommer ein zweites Hoch erzielt und im Jahr 2000 wurde der Gipfel im September erklommen.

Mark Arbeter ist Charttechniker und technischer Chefstratege bei Standard & Poor's.



Text: Business Week Online

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