Interview

„Die russische Börse neigt traditionell zu Übertreibungen“

Händler an der Moskauer Börse

Händler an der Moskauer Börse

01. Dezember 2005 Der russische Aktienmarkt hat die mit der Zerschlagung des Ölkonzerns Yukos verbundenen negativen Schlagzeilen längst hinter sich gelassen. Statt dessen befindet sich die Börse inzwischen wieder auf Rekordjagd. Der richtungsweisende RTS-Aktienindex kommt in diesem Jahr bereits auf ein Plus von annähernd 70 Prozent.

Als Antriebsfaktoren für diese Hausse gelten neben dem hohen Ölpreis eine gut laufende Konjunktur und eine im internationalen Vergleich günstige Bewertung. Und da diese Argumente weiter gültig sind, hat die russische Börse nach Ansicht vieler Experten weiter Potential. Zu den Optimisten zählt auch Al Breach, Chefstratege bei der vielfach preisgekrönten Moskauer Investmentbank Brunswick UBS.

Brunswick-Analyst Al Breach: „Ausländer können Rußland oft nicht richtig einschätzen”

Brunswick-Analyst Al Breach: „Ausländer können Rußland oft nicht richtig einschätzen”

Zwar spielt die Yukos-Affäre derzeit an der Börse keine große Rolle mehr. WelcheLehren kann man aber rückblickend für die Zukunft daraus ziehen?

Chodorkowskij war der zweitstärkste Mann in Rußland. Er hat die Regierung durch sein forsches Auftreten auch auf politischer Ebene herausgefordert. Seine schwache Stelle war seine Vergangenheit. Denn wie er an sein Vermögen gekommen ist, war doch sehr zweifelhaft. Letztlich sollte an ihm ein Exempel statuiert werden. Es war somit ein rein politisches Thema.

Für ausländische Anleger war es dennoch ein Schock. Das hat auch damit zu tun, daß es im Westen über Rußland generell keine ausgewogenen Meinungen gibt. Das Land wird entweder als großartig oder als schrecklich dargestellt. Und in der Tat sind die Russen auch extremer. Sie lachen lauter, sie trinken mehr und sie kämpfen härter.

Vielleicht neigen die Akteure am Aktienmarkt als Konsequenz daraus auch immer zu Übertreibungen. Wenn es mit den Kursen nach unten geht, dann richtig. Ebenso rasant geht es bei steigenden Kursen zu. Da Rußland eine andere Kultur und eine andere Geschichte hat, können Ausländer manche Dinge nicht sofort richtig einschätzen. Sie neigen dann dazu, geschockt zu reagieren und alles in einem schlechten Licht zu sehen. Die Russen selbst haben beispielsweise die Bedeutung der Yukos-Äffare viel schneller durchschaut als die Ausländer. Sie kennen ihre Kultur und können mit Ereignissen wie diesen besser umgehen.

Wie beurteilen Sie die weiteren Kursaussichten?

Der Markt macht derzeit einen ziemlich stabilen Eindruck. Wir sehen momentan noch zehn Prozent Aufwärtspotential bis zum fairen Wert. Das starke Wirtschaftswachstum im Zusammenspiel mit den günstigen Bewertungen läßt aber auch ein Kursplus von 15 Prozent denkbar erscheinen. Aber es handelt sich inzwischen mehr um einen Markt für Stockpicker als um einen generell unterbewerteten Markt.

Welche Branche favorisieren Sie und welche Einzeltitel gefallen Ihnen am besten?

Tendenziell bevorzugen wir aktuell auf das Inland konzentrierte Konsumtitel. Aber auch viele Rohstoffaktien sind noch interessant. Speziell bei einem Bewertungsvergleich mit den internationalen Konkurrenten schneiden sie noch immer gut ab. Auf Basis der Einzelwerte gefallen uns im Ölsektor TNK, Lukoil und Transneft sowie der Düngemittelproduzent Acron. Was die inlandsorientierten Titel angeht, setzen wir auf das Kreditinstitut Sberbank, die Holding Sistema, den Medienkonzern RBC und auf die lokalen Mobilfunkgesellschaften Center, Northwest, Volga und Siberia. Weniger gut gefällt uns dagegen ein Wert wie der Milch- und Fruchtsafthersteller Wimm-Bill-Dann.

Was ist derzeit das wichtigste Gesprächsthema an der Börse?

Am meisten wird derzeit über die Frage debattiert, in welchem Ausmaß der Staat den Rückkauf früher privatisierter Unternehmen fortsetzen wird und was für wirtschaftliche und finanzielle Wirkungen die bisher getätigten Rückkäufe haben. Oder anders ausgedrückt: Werden die staatlich dominierten Gesellschaften künftig effizienter arbeiten und aktionärsfreundlicher agieren oder bleiben sie ineffizient und rückwärtsgewandt? Die Entwicklungen hier werden neben dem Ölpreis mitentscheidend für die mittelfristigen Kursaussichten an der russischen Börse sein.

Wie gut sind die Ergebnisse für das dritte Quartal bisher ausgefallen?

Die Bekanntgabe von Quartalsberichten ist in Rußland noch sehr unzuverlässig. Die Zahlen nach den russischen Rechnungslegungsstandards (RSA) werden zwar ziemlich zügig veröffentlicht. Aber wegen der darin enthaltenen dünnen Datenbasis und der fehlenden Konsolidierung sind sie für analytische Zwecke kaum zu gebrauchen. Zahlen nach dem internationalen Rechnungslegungsstandard IAS hat bisher noch kein Unternehmen für das dritte Quartal vorgelegt. Die auf dem RSA-Standard basierenden Zahlen sind bisher wie erwartet ausgefallen. Aber da wir praktisch kein Unternehmen auf dieser Basis bewerten, haben sie keinen großen Einfluß.

Was ist das dringendste Problem, um das sich die Regierung kümmern muß?

Am wichtigsten sind die Bekämpfung der Korruption sowie eine Erhöhung der Effizienz und der Transparenz in den staatlichen Einrichtungen. Doch mit Erfolgen rechnen wir hier nicht unbedingt. Dafür ist die Politik auf der makroökonomischen Ebene gut und stabil. Auch die Steuergesetzgebung kann als unternehmerfreundlich bezeichnet werden.

Das Gespräch führte Jürgen Büttner



Text: @JüB
Bildmaterial: Bloomberg, Brunswick, picture-alliance / dpa

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