11. Februar 2008 Die hohen Bonuszahlungen der Investmentbanken geraten zunehmend in die Kritik. Seitdem bekannt wurde, dass die fünf größten amerikanischen Investmentbanken der Wall Street ihren Mitarbeitern für das vergangene Jahr die Rekordsumme von 39 Milliarden Dollar als Boni auszahlen werden, werden auch innerhalb der Branche immer mehr kritische Stimmen laut. "Wir sollten das korrigieren", fordert der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, in Anspielung auf die trotz heftiger Finanzkrise, Milliardenverlusten der Banken und einem ebenso hohen Schaden für die Bankaktionäre weiter steigenden Boni.
Das Fass endgültig zum Überlaufen brachte der Fall Jérôme Kerviel. Einen Bonus von 300.000 Euro stellten die Vorgesetzten dem 31 Jahre alten Händler der französischen Investmentbank Société Générale Ende vergangenen Jahres in Aussicht. Denn Kerviel hatte 1,4 Milliarden Euro Gewinn für seinen Arbeitgeber erzockt. Doch nur einige Wochen später hatte Kerviel der Bank fast 5 Milliarden Euro Verluste beschert. Die Politik fand klare Worte. Das System der Bonuszahlungen müsse in Frage gestellt werden, ereiferte sich die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde.
Grübeln über Anreizmechanismen
Es sind beileibe nicht nur Politiker, die über die Anreizmechanismen ins Grübeln geraten. Aus dem Prinzip "Zuckerbrot und Peitsche" hätten die Banken "Zuckerbrot und Zuckerbrot" gemacht, wird in der Branche bemerkt. Ist die Bank erfolgreich, erhalten die Mitarbeiter extrem hohe Boni. Ist die Bank verlustreich, erhalten die Beschäftigten ebenso viel Geld. Die Zeche zahlen Aktionäre, Notenbanken und Steuerzahler, so lautet die Kritik. Viele sehen das kurzfristige Anreizsystem der Investmentbanken sogar als einen der Gründe dafür, dass derzeit überhaupt eine heftige Krise auf den Finanzmärkten tobt. Die Bonussysteme der Banken hätten die Übertreibungen an den Finanzmärkten begünstigt, sagte Privatbankier Nicolas Pictet kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Denn ein Banker ist dazu geneigt, hohe Risiken einzugehen, wenn sein Gehalt nicht auf dem Spiel steht.
"Viele Vergütungssysteme sind zu kurzfristig angelegt", sagt Siegfried Drueker, der seine Investmentbank Drueker & Co. kürzlich mit der italienischen Gruppo Banca Leonardo fusioniert hat. "Eine Reform der Kompensationssysteme ist notwendig", fordert der Vorstandschef der in Leonardo & Co. umbenannten Bank. An einem derartigen Branchenstandard arbeitet derzeit der internationale Bankenverband IIF, dessen Vorsitzender Josef Ackermann ist. Bis zum Frühjahr will der Verband einen Katalog von Wohlverhaltensregelungen vorlegen, der auch das Thema Boni berücksichtigen soll.
Für Investmentbanker ist der Bonus elementarer Bestandteil des Gehalts. Ein in der Hierarchie weit oben stehender Managing Director kann zusätzlich zum Fixgehalt von 200 000 Euro das Fünf- bis Sechsfache als Bonus erhalten. Die Investmentbank Goldman Sachs beispielsweise hat 2007 ihren 30 000 Mitarbeitern im Schnitt eine Gesamtvergütung von 661 000 Dollar bezahlt. Allerdings hat Goldman Sachs trotz Finanzkrise den Gewinn gesteigert; andere Banken wie Morgan Stanley haben ihren Bonus-Topf vergrößert, obwohl sie 10 Milliarden Dollar wegen der Hypothekenkrise abschreiben musste. Als erster Bankchef hat Merrill-Lynch-Vorstandschef John Thain daher eine Reform des Bonus-Systems angekündigt.
Das Dilemma der Banken ist, dass nur wenige Sparten - Übernahmefinanzierung, strukturierte Produkte und Anleihehandel - für deren mitunter hohen Verluste verantwortlich waren. Die erfolgreichen Mitarbeiter der anderen Geschäftszweige sollten nicht mit niedrigeren Gehältern bestraft werden, vor allem um eine Abwanderung zu verhindern, lautet die Argumentation. Doch das wollen selbst Investmentbanker nicht gelten lassen: "Das ist nur die Entschuldigung des raffgierigen Managements gegenüber ihren Aktionären", sagt ein Deutschland-Chef einer ausländischen Investmentbank. Zumal die Abwanderungsgefahr seit der Krise kaum noch vorhanden ist. "Derzeit stellt ohnehin kaum jemand neue Leute ein. Die Frage ist doch eher, wer wird gefeuert." Hinzu kommt, dass die lange boomenden Hedge- und Private-Equity-Fonds nun selbst mit Problemen kämpfen und daher zögerlicher werden dürften, den Investmentbanken die besten Talente mit horrenden Gehältern abzuwerben.
Ackermann: Der Bonus muss atmen
Auch Ackermann will seine Branche nicht aus der Pflicht entlassen. "Der Bonus muss atmen", fordert er - sprich in schlechten Zeiten muss er ebenso schnell fallen, wie er in guten Zeiten steigt. Jedoch steht dies im Widerspruch zu der häufig gestellten Forderung, den Bonus an langfristige Ziele zu knüpfen. Als schwierig haben sich aber Modelle erwiesen, bei denen die Mitarbeiter ans Unternehmen gebunden werden sollen, indem der Bonus erst nach ein paar Jahren ausbezahlt wird. "Wenn jemand abgeworben wird, zahlt der Wettbewerber diesen Bonus eben vorab, und der Banker erhält einen goldenen Handschlag", sagt Björn Robens, Vorstandsmitglied der BHF-Bank. Zudem verschieben die verzögerten Zahlungen die Personalkosten in die Zukunft.
Als Faustregel gilt, dass die Banken knapp die Hälfte ihres Bruttoertrags als Bonus ausschütten. Kosteneffiziente Investmentbanken wie Goldman Sachs, Greenhill oder die Deutsche Bank liegen weit darunter. Wer weitaus mehr auszahlt, ist zumindest in Amerika den Aktionärsvertretern ein Dorn im Auge. Äußerst ineffiziente Häuser haben in schlechten Jahren sogar mehr Leistungsanreize bezahlt, als sie an Erträgen eingespielt hatten.
Das Kernproblem: In vielen Häusern gibt es eine Fixierung auf Umsatz- und kurzfristige Quartalsziele. Ein plastisches Beispiel dafür ist die Beratung von Fusionen und Übernahmen. Meistens erhält der Beschäftigte eine Belohnung, wenn er so viele Übernahmen wie möglich zum Abschluss bringt. Das Problem: Manchmal wäre ein Abbruch der Transaktion der richtige Rat des Investmentbankers. Druekers Investmentbank hat daher ein ausgeklügelteres Belohnungssystem eingeführt: "Unsere Banker können auch noch kurz vor dem Abschluss ohne Einbußen von der Transaktion abraten." Stattdessen hängt der Bonus von der Kundenzufriedenheit ab, die durch einen externen Berater erfragt wird. "Das ist ein einfaches System - dennoch ist es für viele Investmentbanken Neuland", sagt Drueker.
Text: F.A.Z., 12.02.2008, Nr. 36 / Seite 19
Bildmaterial: Bloomberg
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