Finanzkrise

Wege aus dem Desaster

Von Christian von Hiller

Erst einmal durchatmen: Dieser Händler an der New Yorker Börse musste raus und frische Luft schnappen

Erst einmal durchatmen: Dieser Händler an der New Yorker Börse musste raus und frische Luft schnappen

30. September 2008 Am Montag wurde durch den Kurssturz an der New Yorker Börse auf einen Schlag die Börsenkapitalisierung um unvorstellbare 1200 Milliarden Dollar verringert. Das ist fast doppelt so viel wie der Rettungsplan von 700 Milliarden Dollar, der am gleichen Tag im Repräsentantenhaus gescheitert war und diese Kursverluste auslöste.

Die Lage sieht düster aus: Die Aktienkurse brechen auf breiter Front ein, und ohne die Hilfe der Zentralbanken wäre eine verlässliche Finanzierung der Banken kaum noch zu leisten. Manche sprechen schon offen von einem Run der Kunden auf ihre Banken, um das Ersparte abzuziehen. Dieser hat in der laufenden Finanzkrise in Singapur oder in Großbritannien bei der untergegangenen Bank Northern Rock schon stattgefunden.

Eine bange Frage treibt Anleger und Bankkunden in diesen Tagen um: Wie tief können die Aktienkurse noch fallen? Und das Schlimmste daran ist: Niemand kann derzeit eine verlässliche Antwort geben. Die Aktienkurse können noch sehr tief fallen, gemessen an den Verwerfungen, die in den vergangenen Jahren an den internationalen Finanzmärkten geherrscht und das Preisgefüge verzerrt haben.

Die alte Finanzwelt löst sich auf

Die Finanzwelt, wie sie sich im Zeichen der Globalisierung in den vergangenen Jahren herausgebildet hat, löst sich auf, und niemand kann sagen, welche Ordnung der Finanzmärkte an die Stelle der alten treten wird.

Es ist verführerisch, die Schuld der Maßlosigkeit einzelner Akteure - den Investmentbankern oder diesem oder jenen Bankvorstand - zuzuweisen. Doch auch diese Verwerfungen sind Ergebnis des Systems, das sich in den vergangenen Jahren etabliert hat.

Der Ökonom Hyman Minsky hat es in seinem Buch „Stabilizing an Unstable Economy“ beschrieben. Die Kombination einer langen Phase hohen und stabilen Wachstums mit niedrigen Zinsen hat zu einem übertriebenen Optimismus geführt. Es ist diese Stabilität selbst, die die Instabilität hervorbringt, meint Minsky.

Blindes Vertrauen

Und den Finanzinnovationen - besonders den Derivaten und anderen Finanzinstrumenten, die erst vor kurzem entstanden sind - kommt laut Minsky eine Schlüsselrolle zu. Das blinde Vertrauen in unregulierte Märkte erwies sich als eine Falle, meinte der Ökonom. Sie haben beispielsweise die Leerverkäufe ermöglicht, die viele Banken noch tiefer in die Vertrauenskrise drückten und die in Europa und den Vereinigten Staaten nun von den Aufsichtsbehörden stark eingeschränkt wurden.

Mit dieser Analyse ist auch vorgezeichnet, auf welchen Wegen das Finanzsystem aus der Krise finden kann. Die exzessiven Bewertungen der Vergangenheit müssen abgebaut werden. Dies zeichnet weitere Preisrückgänge vor, beispielsweise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt.

Schlüssel zur Lösung

Die Krise lässt sich nicht lösen, ohne die Vereinigten Staaten einzubinden. Von dort ging sie schließlich aus, und von dort gehen auch immer wieder neue Schockwellen aus. Das Land ist zu hoch verschuldet oder anders ausgedrückt: Die amerikanische Wirtschaft ist dramatisch unterkapitalisiert.

Es wäre verführerisch, zur Lösung dieses Problems frisches Geld zu schaffen und die Welt mit noch mehr Dollar zu fluten. Die Folge wäre im schlimmsten Fall eine Hyperinflation globalen Ausmaßes, eine gigantische Verwertung enormer Vermögenswerte und würde zu einer Verschlimmerung der Verwerfungen führen.

Vielmehr müssen die amerikanischen Verbraucher dazu gebracht werden, ihre Sparquote anzuheben. Dies ist unvermeidlich, wird jedoch politisch schwer durchzusetzen sein. Genauso muss der amerikanische Staat seine übermäßige Auslandsverschuldung zurückführen. Die unvorstellbare hohe Summe von 10 Billionen Dollar liegt als Devisenreserven bei asiatischen und arabischen Notenbanken.

Globale Ebene

Eine Lösung der Krise müsste diese Länder einbinden: China, Japan, Kuwait, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate, damit diese für eine Rekapitalisierung der amerikanischen Wirtschaft gewonnen werden. Genauso wie die Finanzkrise längst eine globale geworden ist, muss die Lösung auf globaler Ebene gefunden werden.

Wie hoch der Kapitalbedarf ist, hängt davon ab, wie schnell der Finanzbranche die Entschuldung gelingt. Manche Volkswirte schätzen den Bedarf auf 5 bis 8 Billionen Dollar. Doch auch diese Zahlen sind nur grobe Näherungen und hängen letztlich vom weiteren Verlauf der Finanzkrise und der Entwicklung der Preise für viele Finanzprodukte ab.

Gleichzeitig kommt es darauf an, neue Regeln für Finanzsystem der Zukunft zu finden. Das Institute for International Finance (IIF) hat diese in einem Bericht skizziert. Die Eckpunkte sind Risikomanagement, die Vergütung der Banker und der Verkauf von Kreditrisiken.

Vernünftige Vorschläge

Die Vorschläge klingen vernünftig. Das Risikomanagement der Bankbranche war insgesamt katastrophal, die Bezahlung von Investmentbankern und Bankvorständen unverantwortlich, die Kreditverkäufe führten zu einer verantwortungslosen Auflösung von Kundenbeziehungen.

Ob ein wirklich gangbarer Weg aus der Krise gefunden wird, wird in hohem Maße davon abhängen, wie schnell und wie konsequent die Vorschläge des IIF verwirklicht werden. Damit ist der Staat gefordert - und damit neben der amerikanischen Regierung auch die europäischen. Diese können dazu beitragen, die Krise abzukürzen oder zu vertiefen, und sie können durch eine neue Regulierung der Finanzmärkte und der Banken darüber mitbestimmen, wie stabil eine neue Finanzordnung sein wird.

Finanzkrisen sind unvermeidlich

Vor diesem Hintergrund muss auch die Frage gestellt werden, ob die Regierungen notleidende Banken auffangen sollen und wenn ja, in welchen Fällen sie es tun sollten. War es richtig, dass Washington Lehman Brothers fallen ließ und AIG nicht? Hätte Deutschland den Untergang der Hypo Real Estate riskieren sollen? Diese Fragen zählen wohl zu den folgenschwersten, die sich derzeit stellen. Und sie dürfen nicht nur tagesaktuell beantwortet werden. Sie müssen vor dem Hintergrund gestellt werden, welche Regulierung in Zukunft wünschenswert ist. Denn die Rettung einer Bank kann langfristig genauso schädlich sein wie kurzfristig ihr Untergang.

Eine der Lehren aus dieser Finanzkrise könnte sein, dass der Staat sich aus einer Regulierung der Finanzbranche nicht heraushalten kann. Doch werden sich die Anleger auch daran gewöhnen müssen, dass in freien Märkten die Krise kein Unfall, sondern selbst ein wichtiges Regulierungsmittel ist. Wer Krisen in Zukunft ganz verhindern will, tut dies um den Preis der wirtschaftlichen Freiheit. Dies stünde in völligem Widerspruch zu einem Zusammenwachsen der Weltwirtschaft und der vielen neuen Freiheiten, die damit für die Bürger verbunden sind.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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