Aktienfonds

Im Bollywood-Fieber

Von Christian Siedenbiedel

21. Januar 2008 Sie belegen zurzeit die Spitzenplätze vieler Vergleichstabellen und werden in den Internet-Chats als Tipps gehandelt: Indienfonds erfreuen sich derzeit großer Beliebtheit. Auf den ersten 14 Plätzen im Sechsmonatsvergleich der Internetseite Fondsweb etwa finden sich derzeit ausschließlich Indienfonds. Unter die Top 30 fürs vergangene Jahr bei e-fundresearch.com kommen immerhin zwölf von ihnen.

Zwar sind die indischen Aktien, auf die sie sich stützen, auch nicht gänzlich ungeschoren aus der internationalen Finanzkrise gekommen. Dennoch können die Fonds im Vergleich zu den meisten anderen eine beeindruckende Performance vorweisen - zumal wenn man einen etwas längeren Zeitraum betrachtet.

Die meisten Fonds sind nicht besser als der Index

Der Grund für den Erfolg der Fonds liegt im rasanten Wachstum der Wirtschaft auf dem asiatischen Subkontinent. Der indische Leitindex Sensex stand Ende 2002 bei 3900 Zählern, heute notiert er mehr als viermal so hoch. Innerhalb der vergangenen drei Jahre verdreifachte er dabei seinen Wert. „Hätte man vor drei Jahren 100 Euro in einen Exchange Traded Funds auf den indischen Leitindex investiert, wären dies jetzt 300 Euro“, sagt Alexander Ehmann, Indienfonds-Experte bei der Finanzdatenagentur Morningstar. Das entspricht einer jährlichen Rendite von 44 Prozent.

Die meisten Indienfonds schaffen es zwar auf lange Sicht nicht, den Leitindex zu schlagen, so Ehmann. Dafür ist ihr Risiko geringer. In Deutschland hat der Anleger, der in reine Indienfonds investieren will, die Auswahl zwischen einem börsengehandelten Indexfonds, dem Lyxor ETF MSCI India (Isin: FR0010361683), und knapp 30 von Fondsmanagern verwalteten Aktienfonds.

Wer eine Anlage in ein einzelnes Schwellenland zu riskant findet, der kann auf Emerging Market Fonds ausweichen, die mehrere Länder abbilden: auf Südostasienfonds etwa oder auf „BRIC“-Fonds mit Aktien aus Brasilien (B), Russland (R), Indien (I) und China (C).

Optimisten versus Pessimisten

Für Anleger, die bei reinen Indienfonds einsteigen wollen, dürften zwei Fragen im Augenblick besonders wichtig sein: Behalten die Mahner recht, die schon seit längerer Zeit vor einer Überbewertung der indischen Aktien warnen und eine Blase sehen, die zu platzen droht? Immerhin liegt das durchschnittliche Verhältnis von Kursen zu Gewinnen in Indien bei 25 (zum Vergleich: im Dax deutlich günstiger bei 13). Und zweitens: Wird es der indischen Wirtschaft gelingen, sich von der Entwicklung in Amerika abzukoppeln, oder wird sie im Strudel mitgerissen?

So ganz einfach zu beantworten sind beide Fragen offenbar nicht. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, immerhin ist zuversichtlich, dass die starke Dynamik der indischen Wirtschaft die hohen Bewertungen der Aktien rechtfertigt. „Das Risiko, dass die Euphoriephase bald zu Ende ist und ein Platzen der Blase am Aktienmarkt droht, sehen wir nicht.“

Hoffnung auf richtige Weichenstellungen

Als Begründung führt er die hohe Eigenkapitalrendite indischer Unternehmen, die robuste Binnennachfrage und die steigenden Unternehmensgewinne an. Walter glaubt zwar nicht, dass sich die indische Wirtschaft von der Entwicklung in Amerika abkoppeln kann. „Die Exporte in die Vereinigten Staaten sind ein wichtiger Träger des indischen Wachstums und dürften 2008 Einbußen verzeichnen.“

Die indische Regierung reagiere jedoch und werde im Laufe des Jahres voraussichtlich die Zinsen senken, um die Binnennachfrage anzuregen und eine weitere Aufwertung der Währung zu verhindern. Das habe zum Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit des indischen Exports zu stärken. Walter ist optimistisch: So könnten deutliche Verluste des Gesamtwachstums verhindert werden.

Wachstumshemmnis Infrastruktur

Gleichwohl gibt es auch Indien-Experten, die vor Risiken warnen. Sanjiv Duggal etwa, Investment-Direktor einer Anlagetochter der britischen Bank HSBC, meint, der indische Aktienmarkt werde sich in den nächsten 18 bis 24 Monaten negativ entwickeln. „Das Gewinnwachstum indischer Unternehmen geht in den nächsten drei Jahren auf 10 bis 15 Prozent zurück.“ Als Ausweg für Investments in indische Aktien sieht er eine „defensive Ausrichtung auf Wachstumstreiber“. Dazu zählt Duggal vor allem Technologiewerte.

Zu den Dingen, die den Indien-Experten Sorgen machen, gehören die Engpässe der Infrastruktur. „Heruntergekommene Straßen, ein marodes Schienennetz und große Unterkapazitäten an Flug- und Seehäfen sind der Flaschenhals der Volkswirtschaft“, heißt es in einer Analyse von Morningstar. Das Entladen einer Frachtmaschine auf dem Flughafen von Neu-Delhi etwa dauere im Schnitt 15 Tage - der internationale Mittelwert hingegen liege bei zwölf Stunden.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2008, Nr. 3 / Seite 41
Bildmaterial: F.A.Z.

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