17. August 2007 Seit seinem Rekordstand im Juli mit 8.151,57 Punkten hat der Dax bislang mehr als zehn Prozent an Wert eingebüßt. Das ist die überfällige Korrektur, sagen Optimisten und raten zum Aktienkauf.
Börsenpsychologe und Cognitrend-Geschäftsführer Joachim Goldberg erklärt, warum man damit noch etwas warten sollte und warum sich Anleger über Verluste viel mehr ärgern als über Gewinne freuen.
Herr Goldberg, in Japan brechen die Aktienkurse massiv ein, in Deutschland gehen sie teilweise sogar nach oben. Was ist derzeit an den Börsen los, ist das alles noch rational?
Wenn man sieht, dass die Aktien in Tokio mehr als fünf Prozent verlieren und der Dax zugleich zulegt, kann man schon den Eindruck gewinnen, dass bei einigen die Sicherungen durchgebrannt sind. Aber ich gehe mehr und mehr davon ab, dass Börsianer irrational sind.
Warum?
Wir konzentrieren uns normalerweise zu sehr auf das, was uns bedrückt, als auf das, was uns helfen könnte…
…und jetzt sollte man mal von der lästigen amerikanischen Hypothekenkrise absehen, die uns über Gebühr bedrückt, meinen Sie?
Nein, natürlich nicht. Aber werfen Sie einen Blick auf die langfristigen Kapitalströme. Große Währungsreserven, zum Beispiel die chinesischen, also einige hundert Milliarden Euro, suchen nach Anlagemöglichkeiten. Da geht auch ein Teil in Aktien. Und das sorgt für steigende Kurse.
Für Anleger heißt das heute also: Kaufen, kaufen, kaufen?
Nein, dafür ist es definitiv noch zu früh.
Zu früh? Wir dachten, Sie seien Optimist.
Wer jetzt reingeht, der muss einen Plan haben. Er muss an neue historische Höchststände glauben.
Und die sind nicht in Sicht, nachdem der Dax seit seinem Rekordhoch im Juli mehr als zehn Prozent eingebüßt hat?
Ja, weil das Chance-Risiko-Profil an den Märkten derzeit noch zu ungleich verteilt ist. Es liegt ungefähr bei eins zu eins.
Was heißt das?
Die Chance dafür, dass es 200 Punkte nach oben geht, ist aktuell genauso groß wie die, dass der Dax weitere 200 Punkte verliert. Für einen Einstieg sollte das Verhältnis aber bei drei zu eins liegen. Ein Verlust von 200 Punkten sollte also so wahrscheinlich sein wie die Phantasie für ein Kursplus von 600 Punkten.
Wie kommen Sie darauf? Ist das eine psychologische Regel?
Das ist eine Erfahrungsregel, und das lässt sich ausrechnen. Die Regel basiert darauf, dass Anleger Verluste normalerweise laufen lassen und Gewinne zu früh mitnehmen. Schon Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman hat herausgefunden, dass Anleger Verluste etwa zwei- bis zweieinhalb mal so stark bewerten wie Gewinne in gleicher Höhe. Der Mensch hat lieber recht als unrecht. Er will lieber in vier von fünf Fällen richtig liegen als in einem von fünf.
Das ist eine Binsenweisheit.
Richtig. Sie hat aber erhebliche Konsequenzen für das Anlegen. Investoren haben mehr Spaß an vielen kleinen Gewinnen als an einem großen. Selbst wenn diese Strategie mit einem unkontrollierbar großen Verlust verbunden ist, und sie am Ende weniger verdienen. Disziplin beim erfolgreichen Anlegen ist häufig mit vielen kleinen Verlusten verbunden, weil man plangemäß verkaufen muss. Das tut weh.
Woher weiß man, wann sich das Chance-Risiko-Profil verändert?
Das lässt sich mit dem Computer ermitteln. Es orientiert sich an bestimmten Bezugspunkten, die wiederum auf Aktien-Einstandspreisen basieren. Man muss die Grenze finden, die Verluste von Gewinnen trennt.
Trotzdem war zu Rekordzeiten bei 8151 Dax-Punkten die Rede davon, jetzt müsse man nur auf eine kleine Korrektur warten, und danach gehe es schon wieder nach oben.
Das ist auch nicht falsch. Die Korrektur ist da. Und wir befinden uns weiterhin in einer mittelfristigen Aufwärtsphase. Nur ist das Vertrauen noch nicht da, dass es zumindest kurzfristig nicht noch weiter nach unten geht. Dieses Vertrauen kommt erst dann, wenn Ruhe am Markt einkehrt. Und nicht täglich neue schlimme Nachrichten auf die Anleger einprasseln.
Klingt eher nach Wunschdenken als nach einer realistischen Einschätzung.
Nein, in den vergangenen Tagen und Wochen sind die Finanzmärkte fälschlicherweise eher beruhigt worden denn richtig informiert. Daran haben auch Finanzinstitutionen ihren Anteil. Das ist psychologisch genauso, wie wenn man einem Menschen erst etwas gibt und dann plötzlich wegnimmt. Das ist schlechter als wenn er es erst gar nicht bekommen hätte. Das ist so, als würde man eine Beruhigungspille plötzlich absetzen.
Sprich: Schlechte Nachrichten werden jetzt negativer interpretiert als sie es verdient hätten.
So könnte man das formulieren.
Alles nur ein Problem der Wahrnehmung?
Nun, das ist ähnlich wie bei Naturkatastophen: Das erste Opfer wird stärker wahrgenommen als die nächsten 10.000. Auf die Wirtschaft gedreht: Die erste Milliarde Verlust ist schlimmer als die folgenden.
Wir müssen also abstumpfen, und dann geht es wieder nach oben?
Ich will jetzt keine Fakten herunterreden. Aber bei denjenigen, die sich von Trends anstecken lassen, läuft es so. Anpassung - Impuls - Anpassung - neuer Impuls. So funktionert der Mensch. Fünf Prozent Verlust beim Nikkei, das ist schon ein starker Impuls. Dass der Anleger darüber das nächste Mal noch erschrickt, dafür müssten es beim nächsten Mal noch mehr sein. Wir gewöhnen uns glücklicherweise an solche Verluste, und indem wir das tun, gewinnt die Zuversicht auch wieder die Oberhand.
Das Gespräch führte Thiemo Heeg.
Text: @tih
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes, FAZ.NET
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