16. November 2007 Trotz so mancher Zwischenerholung laufen die Aktienkurse derzeit im wesentlichen rückwärts. Grund ist nach wie vor die Krise auf dem amerikanischen Immobilien- und vor allem Finanzierungsmarkt, dessen Auswirkungen, vor allem hinsichtlich von Sekundäreffekten, immer noch ungewiss sind.
Bisweilen beruhigen sich die Gemüter und es folgt der Griff zu Aktien, dann wieder ziehen Schatten auf und verdunkelt sich der Himmel, vor allem dann wenn schlechte Nachrichten aus der Konsumgüterbranche an stehen wie am Donnerstag von J.C. Penney, die über einen dramatischen Umsatzrückgang berichteten oder Starbucks, deren Geschäft derzeit nicht allzu rund zu laufen scheint.
Wer ist wichtiger als wie viel
Die Unsicherheit resultiert aus der tiefen Integration volkswirtschaftlicher Systeme, in denen eine Datenveränderung an einer Stelle auch an weit entfernten Orten noch Wellen schlagen kann.
Jan Hatzius, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs für die Vereinigten Staaten, macht dies am Freitag in einer Kurzanalyse nur allzu deutlich. Nicht so dramatisch sei dabei, dass die Schätzungen für das Volumen der Erstrundeneffekte, also der Verluste vorwiegend aus Subprime- und Alt-A-Krediten, deutlich gestiegen seien und derzeit von rund 400 Milliarden Dollar auszugehen sei.
Viel brisanter sei der Verortung der Kredite bei gehebelten Unternehmen wie Banken, Sparkassen, Wertpapierhändlern. Denn während diese Institutionen schätzungsweise weniger als 10 Prozent des inländischen Aktienvermögens hielten, befänden sich deutlich mehr als die Hälfte aller Hypothekenkredite in ihren Büchern.
Und plötzlich ist es viel
Im Unterschied zu Aktienanlegern pflegten diese aber ihre Vermögenspositionen an der Hebelung auszurichten. das bedeutet, dass sie bei einem Absinken ihres Vermögensbestandes auch ihre Kreditvergabe verringerten, und zwar üblicherweise proportional zu ihrer Eigenkapitalquote.
Damit würden rund 200 Milliarden Verlust bei Hypothekenkrediten brutto eine Verringerung der Kreditvergabe von zwei Billionen Dollar nach sich ziehen, was zu entsprechenden Wachstumsverlusten führen könnte, die sich in einer scharfen kurzlebigen Rezession oder einer länger anhaltenden Wachstumsschwäche äußern dürfte.
Änderungen in der Kreditvergabepraxis zeigen sich mittlerweile immer mehr. Mittlerweile müssen amerikanische Banken am Anleihenmarkt höhere Renditen bieten als Industrieunternehmen - zum ersten mal seit wenigstens einem Jahrzehnt. Ihr Renditeaufschlag gegenüber Staatsanleihen belief sich zuletzt auf 149 Basispunkte gegenüber 134 für Industrieanleihen.
Die Rache der Verbriefungswut
Indes gibt es Hoffnungen. So werde ein Gutteil der Verringerung der Kreditvergabe von rund 500 Milliarden Dollar jährlich bereits durch den Einbruch der Immobilien- und Verbraucherkreditnachfrage aufgefangen, so Hatzius. Auch auf Anreize der Regulierungsbehörden setzt der Volkswirt, hält dies aber eher langfristig für wahrscheinlich. Kapitalmaßnahmen will er nicht ausschließen, es sei aber zu früh, um darüber zu spekulieren.
Ungemach droht auch von anderer Seite, denn die Verbriefungswut der vergangenen Jahre scheint sich nunmehr zu rächen. Ein Bundesgericht im Bundesstaat Ohio stoppte jetzt 14 Zwangsvollstreckungen von Immobilien, die die Deutsche-Bank-Tochter National Trust Company beantragt hatte. Das Treuhänder-Institut habe keinen Eigentumsnachweis für die faulen Hypothekenkredite führen können, urteilte Richter Christopher Boyko.
Banken und Investoren hätten ohne einen klaren Eigentumsnachweis für die Hypotheken kein Recht zu einer Vollstreckung. Einige Institutionen scheinen aber gedacht zu haben, dass sie dies dennoch tun können, weil sie dies schon immer so getan haben. Dem schieben wir nun einen Riegel vor, sagte er.
Einzel- oder Präzedenzfall?
Da die Hypotheken zu Tausenden gebündelt und weiterverkauft wurden, müssen jetzt erst die Eigentumsrechte geklärt werden. Weil eine Übertragung der Ansprüche vom ursprünglichen Hypothekengeber an den Pool von Investoren wegen des hohen Verwaltungsaufwands sehr kostspielig war, schreckten viele Institute davor zurück. Ein solcher Eigentumsnachweis werde erst bei einer Zwangsvollstreckung nötig, sagte ein Sprecher der Deutschen Bank in den Vereinigten Staaten. Die notwendigen Papiere könnten nachgereicht und der Antrag dann vor Gericht erneut gestellt werden.
Wenn das Urteil aber Bestand hätte, und es sich nicht um einen Einzelfall handeln sollte, der auf Versäumnisse von National Trust zurückgeht, so könnte dies zu einem weiteren Wertverfall von hypothekarisch besicherten Papieren führen.
Im Endeffekt trifft diese Entwicklung zunächst aber vor allem den amerikanischen Finanzsektor und die Wirtschaft. Zwar macht sich dies auch in Europa in den Bilanzen bemerkbar. Gerade am Freitag erst musste die belgische Dexia einen Gewinneinbruch um 28 Prozent im dritten Quartal vermelden. Ursache sind nicht realisierte Verluste von 191 Millionen Dollar aus verbrieften Hypothekenanleihen.
Nur in zweiter Linie ein europäisches Problem
Doch insgesamt geht die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) davon aus, dass die großen europäischen Banken die Verwerfungen mehrheitlich erfolgreich auffangen können und vergibt einen stabilen Ausblick bei den meisten Bank-Ratings. Jedoch seien die Erwartungen abhängig von der Stärke und Dauer der derzeitigen Markt-Verwerfungen, die Druck auf die Ratings der Banken ausüben könnte.
Wenn sich die Marktbedingungen weiter verschlechtern oder die wirtschaftlichen Aussichten deutlich abschwächen sollten, könnten die Ratings der Banken einem breiterem Abwärtsdruck ausgesetzt sein, erklärte S&P-Analyst Arnaud de Toytot.
Indes blieben die Liquiditäts-Bedingungen am Interbanken-Markt bis mindestens Anfang 2008 weiter schwierig. Die europäischen Banken sähen sich in den nächsten Monaten höheren Refinanzierungskosten und einer knapperen Liquidität gegenüber und die Ergebnisentwicklung werde sich in den nächsten Quartalen voraussichtlich nicht im gleichen Maß wie im ersten Halbjahr 2007 fortsetzen lassen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
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