Strategie

Lage in Großbritannien alles andere als positiv

29. Mai 2008 Die Wirtschafts- und Immobilienkrise in den Vereinigten Staaten bestimmt zwar die Schlagzeilen. Die Lage in Großbritannien ist jedoch kein Deut besser. Auch dort befindet sich die Wirtschaft in der Krise, die die Folge der platzenden Immobilienblase ist.

Die durchschnittlichen Hauspreise sind nach jüngsten Informationen der Nationwide Building Society im Mai im Vergleich mit dem Vorjahr um 4,4 Prozent gefallen auf 173,583 Pfund. Das ist der stärkste Preisrückgang seit dem Jahr 1991. Die Preise dürften weiter fallen, das prognostizierte zumindest Mervyn King, der Gouverneur der Bank of England.

Wirtschaftliches Sturmtief über Großbritannien?

Da im April die Hypothekenbewilligungen um 39 Prozent gefallen sind, dürfte sich der Markt nicht so schnell erholen. Die kritische Entwicklung ist nicht nur auf den britischen Häusermarkt beschränkt. Auch bei kommerziellen Immobilien fallen die Preise schon seit Monaten deutlich.

So braut sich nach Ansicht von kritischen Analysten ein gewaltiges Sturmtief über Großbritannien zusammen. Der für die britische Konjunktur sehr wichtige Immobilienmarkt steuert auf die schlimmste Krise seit Anfang der Neunziger Jahre zu. Schon seit mehreren Monaten berichtet die Immobilienumfrage des Royal Institute of Chartered Surveyors von fallenden Preiserwartungen und einem rückläufigen Interesse potenzieller Käufer, wobei diese Umfrage ein guter Vorlaufindikator für den britischen Immobilienmarkt ist. Zudem sind die Häuser im Vergleich mit den verfügbaren Einkommen noch völlig überteuert.

Die Finanzierungsseite der Hypothekarkredite in Großbritannien seie zwar grundsätzlich etwas solider als in den Vereinigten Staaten, da die britischen Kreditvergabestandards strenger und auch die vereinbarten Zinssätze höher waren. Allerdings sind die britischen Haushalte stark verschuldet. 56 Prozent aller Immobilien in Großbritannien sind mit Hypotheken belastet, die mittlerweile die stolze Summe von 1,1 Billionen Pfund ausmachen. Jeder Haushalt ist mit durchschnittlich 82.000 Pfund verschuldet. Die monatliche Kreditbelastung pro Haushalt stieg auf etwa 675 Pfund, was fast ein Viertel des Haushaltseinkommens ist. Die britischen Verbraucher sind deswegen sehr sensibel für Zinsänderungen.

Aus diesem Grund und auch mit Blick auf die kritische Lage der britischen Banken - das Debakel um Northern Rock spricht für sich selbst - dürfte die britische Zentralbank grundsätzlich zu Zinssenkungen tendieren. Längst hat der Devisenmarkt diese antizipiert und das britische Pfund gegen den Euro abstürzen lassen.

Der Zentralbank sind die Hände gebunden

Angesichts der hohen Energie- und Rohstoffpreise und der nach oben laufenden Nahrungsmittelpreise sind ihr jedoch die Hände gebunden. Der Verbraucherpreisindex ist im April um drei Prozent gestiegen, die Produzentenpreise dagegen legten um 7,5 Prozent zu auf Jahresbasis. Anfang Mai hielt die Zentralbank den Leitzins unverändert bei fünf Prozent, obwohl sie prognostizierte, das Wirtschaftswachstum in Großbritannien werde im ersten Quartal voraussichtlich gerade noch bei einem Prozent liegen auf Jahresbasis.

Dem Immobilienmarktdebakel folgt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Konsumflaute mit einiger Verzögerung. Der Zusammenhang war in der Vergangenheit immer ersichtlich. Er kann diesmal ausgeprägter werden, da die verfügbaren Einkommen von der Inflation, den hohen Hypothekenzinsen und den Kreditrestriktionen im britischen Bankensektor strapaziert werden. Die britische Wirtschaft mag zwar in Teilen von der schwachen Währung profitieren können. Allerdings ist das nur ein schwacher Trost, da die Konjunktur in den Vereinigten Staaten selbst in der Krise steckt und da die Dynamik in Europa in der Tendenz nachlassen dürfte. Die Öffentliche Hand kann kaum investieren, da sie schon in der Vergangenheit zu undiszipliniert war.

Insgesamt dürfte man in Großbritannien weiterhin den gesamten Einzelhandels- und den Finanzsektor weiterhin kritisch betrachten müssen. Nicht umsonst zählen Werte wie HBOS, Persimmon, Royal Bank of Scotland, Marks & Spencer, Carphone Warehouse oder auch die Home Retail Group zu den schlechtesten Werten im FTSE 100. Der Index wurde in den vergangenen Monaten praktisch nur von im Vergleich mit anderen Indizes stark vertretenen Energie- und Rohstoffwerten nach oben gezogen. Schlecht sähe es aus, wenn es auch in diesen Bereichen zu einer Korrektur käme. Im Gegensatz zu Aktienpapieren und der Währungen konnten sich die britischen Staatsanleihen relativ behaupten. Das heißt allerdings nur, dass sie in den vergangenen Wochen etwas weniger verloren haben als beispielsweise deutsche Staatsanleihen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: BNP Paribas, BOE, FAZ.NET, Thomson Financial Datastream, Raiffeisen RESEARCH

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