Buchbesprechung

Die Öko-Revolution ist schon da

Ron Pernick und Clint Wilder schreiben darüber, wie grüne Technologien unser Leben verändern und wie Anleger davon profitieren.

Ron Pernick und Clint Wilder schreiben darüber, wie grüne Technologien unser Leben verändern und wie Anleger davon profitieren.

09. Januar 2008 Buchautoren reden gern von Revolutionen. Das hört sich so schön dramatisch an. Was hatten wir denn schon? Computer, Internet und Biotech - waren das alles grundlegende Umwälzungen? Ohne Frage, und nun kommt nach Ansicht von Ron Pernick und Clint Wilder eine vierte auf uns zu: die Öko-Revolution. „Durch saubere Technologien bringt die Öko-Revolution nie dagewesene Chancen für Wertschöpfung, dynamische Karriereentwicklung und innovative Lösungen für eine ganze Reihe globaler Probleme.“

Cleantech nennen es jene schon, die damit zu tun haben. Und sie verkünden großspurig: Firmen, Investoren, Arbeitssuchende und Regierungen haben die Wahl. Sie können entweder diese schöne neue Welt der sauberen Technologie-Innovationen gegrüßen und eine Führungsrolle übernehmen. Oder andernfalls riskieren sie, gegenüber Scharen von Konkurrenten ins Hintertreffen zu geraten.

Was Cleantech eigentlich ist

Ein grosser Teil der Rapsernte wird zu Biodiesel verarbeitet. Die neueste Generation von Diesel aus Biomasse koennte theoretisch ein Fuenftel des Kraftstoffbedarfs in Deutschland decken.

Ein grosser Teil der Rapsernte wird zu Biodiesel verarbeitet. Die neueste Generation von Diesel aus Biomasse koennte theoretisch ein Fuenftel des Kraftstoffbedarfs in Deutschland decken.

Große Worte, doch wer sagt eigentlich, wo die Saubermänner sich tummeln dürfen und wo nicht. Den Autoren zufolge umfasst Cleantech vor allem vier Bereiche: Energie, Verkehr, Wasser und Material. Ohne eine vollständige Aufzählung zu liefern geht es um Photovoltaik, Windkraft, Biokraftstoffe, biobasierte Kunststoffe, fortschrittliche Lithium-Ionen-Batterien, Wasserentsalzung, Gezeitenkraftwerke, siliziumbasierte Brennstoffzellen, dezentrale Wasserstofferzeugung, Plug-In-Hybridfahrzeuge und Materialien auf der Basis von Nanotechnologie.

Wie rasch dieser Sektor expandiert, zeigt sich auch an der Literatur über ihn. Im Jahre 2000 hätte eine Suche nach den Worten „Cleantech“ oder „Clean Technology“ nur wenige einschlägige Fundstellen erbracht. Heute würde eine Suche im World Wide Web mehr als eine halbe Million Treffer erzielen.

Wo saubere Technologien unser Leben schon umkrempeln

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Cleantech Der saubere (Börsen)Boom
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„In der ganzen Welt erkennen wir in großen und kleinen Trends den Beginn einer Umwälzung, die unsere Arbeitsplätze und Wohnungen, die von uns hergestellten und verkauften Produkte und die Entwicklungspläne von Städten, Regionalregierungen und Ländern rund um den Globus verändert“, schreiben die Autoren. Um dies zu bestätigen genügt ja fast schon der tägliche Blick in die Zeitung. Dennoch klingt es im ersten Moment völlig übertrieben, wenn sie schreiben: „Die Revolution steht nicht bevor, sie ist schon da.“ Es ist allerdings immer wieder überraschend zu sehen, was schon alles passiert.

Was wir schon sehen

Über die Hälfte der Amerikaner lebt in Bundesstaaten, die ihre Versorger angewiesen haben, stärker auf erneuerbare Energien zu setzen.

Dänemark generiert 20 Prozent seines Strom aus Windkraft

Wo ist der Traktor? Unter den Windrädern bei Tundersleben in der Magdeburger Börde verschwindet er fast.

Wo ist der Traktor? Unter den Windrädern bei Tundersleben in der Magdeburger Börde verschwindet er fast.

Die Volumen der Solarbranche (Produktion und Montage) erreicht bereits 16 Milliarden Dollar. Und es soll in absehbarer Zukunft um 30 Prozent pro Jahr weiter wachsen.

Der Hybrid-Antrieb bei Autos ist stark im Kommen. Sogar das Hotel-Sternchen Paris Hilton redet. Und natürlich Toyota, der Marktführer. Bald sollen mehr als eine Million davon produziert werden.

Seit 2000 wurden in Amerika mehr als 700 Immobilien zu grünen Gebäuden erklärt. Viele tausend Immobilien sollen noch grün werden.

Biobasierte Materialien sind in kleinen Genossenschaften üblich. Nun erobern sie auch die Regale von Supermärkten wie Wal-Mart.

Welche Kräfte die Einführung von sauberen Technologien treiben: Die sechs K's

Das sind nur wenige Beispiele für das, was wir schon sehen können, wenn wir wollen. Doch welche Kräfte stecken hinter diesen Entwicklungen? Die Autoren haben sechs Triebkräfte identifiziert. Im Englischen sind es prägnant die sechs C's: Costs, Competition, Climate, China, Capital, Consumer. Im Deutschen könnte man daraus diese sechs K's machen. Zu den einzelnen Treibern:

1. Kosten

Dies ist der vielleicht einflussreichste Faktor, urteilen die Autoren. Denn der Trend geht hin zu sinkenden Kosten für saubere Energien, da die Kosten für fossile Brennstoffe steigen. Am besten lässt sich das am Beispiel Wind erklären: Wind selbst wird niemals etwas kosten. Kapital verzehrt nur die Technik, die zur Nutzung und zur Lieferung der Energie benötigt wird. Eine Reihe von Experten glaubt, dass saubere Energiequellen wie die Sonne einer Art Moore'schem Gesetz folgt. Dieses berühmte Axiom des Intel-Mitbegründers Gordon Moore besagt, dass ein Chip der gleichen Größe nach einer bestimmten Zeit, etwa 18 Monaten, zu mehr oder minder gleichen Kosten die doppelte Rechenleistung liefern wird. Einer der ganz großen Vorteile sauberer Technologien wie der Photovoltaik ist zudem, dass die Preisstabilität bei der Energiegewinnung, wenn die Zellen einmal installiert sind.

2. Kapital

Milliardenbeträge fließen inzwischen in saubere Technologien. Große Konzerne wie General Electric, BP, Iberdrola, Acciona oder Toyota investieren gewaltige Beträge. Immer mehr Geld fließt in nachhaltige Investmentfonds. Das Volumen der in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum Vertrieb zugelassenen nachhaltigen Publikumsfonds stieg allein von 9,2 Milliarden Euro Ende 2005 auf rund 30 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Dies ergibt sich aus einer Aufstellung des Sustainable Business Institute (SBI). In Europa waren allein schon 2006 etwa 1700 Milliarden Euro im weiteren Sinne nachhaltig angelegt. Im Jahr davor waren etwa 400 Milliarden weniger. „Damit liegt der Anteil des nachhaltigen Investments am Gesamtvolumen aller in Europa verwalteten Mandate und Fonds zwischen fünf und zehn Prozent - je nach Einschätzung des Gesamtvolumens aller verwalteten Vermögen“, bilanziert das SBI.

3. Kampf

Viele Länder und lokale Verwaltungen liefern sich inzwischen einen gnadenlosen Subventionswettlauf um die Vormachtstellung in bestimmten Bereichen sauberer Technologien - und damit auch um die Jobs der Zukunft. In Deutschland ist der Osten ein Thema, in Amerika ist es Kalifornien, aber auch China, Kambodscha, die Türkei oder Schweden machen mit. In China will die Zentralregierung, dass bis 2020 drei Mal soviel erneuerbare Energie verwendet werden soll wie Atomkraft. Island will zu ersten Volkswirtschaften gehören, die ganz ohne fossile Brennstoffe auskommen. Schweden will bis 2020 ölfrei werden.

4. K wie China

Das Riesenreich der Mitte ist das Symbol schlechthin für den Wandel in der Weltwirtschaft. Weil Chinas Hunger nach Fortschritt und Wachstum einhergeht mit einem gewaltigen Energiebedarf, treibt dies die Öko-Revolution in besonderem Maß an. Denn das hohe und schnelle Wachstum in China treibt die Preise herkömmlicher Ressourcen und Rohstoffe in die Höhe. Und es forciert die Suche nach günstigeren und langfristig nachhaltigeren Alternativen. Den Chinesen und Indern bleibt gar nichts anderes übrig, als jede Energiequelle zu nutzen, die verfügbar ist. „Der Konflikt zwischen etablierten Energiequellen und neueren, sauberen Lösungen verschwimmt“, schreiben die Autoren. „Wind, Sonne, kleine Wasserkraftwerke, Biogas, Biokraftstoffe - was es auch sei, wir brauchen alles, scheinen diese Nationen zu rufen. Soviel wie möglich, so schnell wie möglich und vor allem so billig wie möglich.“ Die Folge ist klar: „Die wachsenden, energiehungrigen Mittelschichten der Schwellenländer machen groß angelegte neue Wasser- und Energie-Infrastrukturprojekte erforderlich, ob nun Windparks vor der indischen Küse, Ethanolfabriken in China oder Entsalzungsanlagen in Algerien“, schreiben Pernick und Wilder. „Auch die ländlichen Kommunen, die immer noch knapp 50 Prozent der Weltbevölkerung stellen, suchen verzweifelt kreative Lösungen, um den Ressourcenbedarf ihrer Einwohner zu erfüllen.“ In Indien haben zum Beispiel mehr als die Hälfte der 700 Millionen Landbewohner keine zuverlässige Stromversorgung. Das Paradebeispiel bleibt jedoch China, vor allem deshalb, weil das Land billige Produktionsbasis von sauberer Energie wie ein gewaltiger Nachfrager zugleich ist.

5. Konsumenten

Ohne Nachfrage kein Angebot. Saubere Energie kann sich ökonomischen Grundregeln nicht entziehen. Doch inzwischen spielen die Verbraucher eine zunehmend selbstbewußtere und aktivere Rolle in Sachen Klimawandel, Umweltschutz und saubere Energien. Öko-Produkte im weiteren Sinne werden stärker nachgefragt. „Dadurch werden verbraucherorientierte Unternehmen - von Herstellern von Haushaltsgeräten bis hin zu Autoproduzenten - gezwungen, saubere, effizientere Produkte zu bauen und diese aggressiver zu vermarkten“, glauben die Autoren. Tatsächlich passiert dies schon, wenn man sich die zahlreichen Öko-Initiativen anschaut, in Europa schon viel stärker als in Amerika. „Im Cleantech-Bereich entstehen bereits breite, wachsende Massenverbrauchermärkte für Hybrid-Fahrzeuge in Amerika, für solarbetriebene Warmwasseranlagen und Elektroscooter in China und für energieeffiziente Geräte und Leuchtmittel in Europa, Asien und Amerika.“ Hinzu kommen die neuen Konsumentenschichten in den Schwellenländern, die viel Energie brauchen und verbrauchen wollen. „Für die Öko-Revolutionen ist das Motor und Chance zugleich - mit Hybrid-Fahrzeugen, energiesparenden Geräten und mit erneuerbaren Energien beheizten Häusern und Wohnungen, die in wachstumsintensiven Nationen bereits beträchtliche Dynamik entwickeln.“

6. Klima

„Die Debatte um den Klimawandel hat sich von der bangen Frage zur von Fachkreisen bestätigten Realität gewandelt - und vorausschauende Unternehmen reagieren entsprechend.“ Kein Wunder: Von 1995 bis 2006 gab es elf der wärmsten Jahre seit Aufzeichnungsbeginn. Amerika und Japan verzeichneten 2005 die höchste Zahl an extrem Wetterereignissen in Form von Wirbelstürmen und Taifunen. Vor allem die Verwüstungen durch Hurrikan Katrina rückten die Auswirkungen der Erwärmung der Ozeane auf die die Schwere der Stürme ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Poliker aller Länder vereinigen sich nun in Klimakonferenzen, um etwas gegen die globale Erwärmung zu unternehmen. Diese Prozesse sind zäh, doch nachhaltig und unumkehrbar.

Was bedeutet all dies für Anleger?

Glauben Sie als Investor, dass der Klimawandel vom Gesetzgeber ernst genommen wird? „Wenn ja, dann sollten Sie das in Ihre Anlageentscheidungen einfließen lassen. Falls Sie Recht behalten, haben Sie langfristig die Nase weit vorne. Es bei Anlageentscheidungen ganz außen vor zu lassen, wäre mehr als dumm.“ So argumentieren weitblickende Anlageberater. Und dies macht aus heutiger Sicht großen Sinn. Der Klimawandel und die Öko-Revolutionen sind Themen, die Anleger auf Jahre hinaus beschäftigen werden.

Die Buchautoren sagen es so: Bei der Öko-Revolution geht es nicht um umweltschützerisches Gutmenschentum und auch nicht um die Abkehr von Geschäft und Technik. Vielmehr bildet sie eine Symbiose unter Einbezug von Kapital, Unternehmen und technologischer Innovation und bietet einen gangbaren neuen Weg für eine Welt, deren Ressourcen zu Ende gehen und die vor nie dagewesenen Herausforderungen steht. Regierungen, Investoren, Firmen und Unternehmer, welche die Gelegenheit ergreifen, die saubere Technologien bieten, sind gut aufgestellt, um erhebliche Vorteile und Gewinne zu erzielen.“

Die Cleantech-Revolution ist schon da

Und das Fazit: „Von Peking bis Berlin, von San Francisco bis Bangolore ist die Cleantech-Revolution in vollem Schwange. Sie wird entscheiden, welche Regionen vorne liegen und florieren und welche Regionen in ihren eigenen Abwässern untergehen, an ihren eigenen Emissionen ersticken und Mühe haben werden, im Wettbewerb einer Welt zu bestehen, die schlanker, grüner und weniger stark auf fossile Brennstoffe angewiesen ist.“

Im amerikanischen Bundesstaat Nevada ist ein solarthermisches Parabolrinnenkraftwerk mit einer Leistung von 64 Megawatt (MW) entstanden. “Nevada Solar One“ wandelt Sonnenenergie zunächst in Wärme und dann mit Hilfe von Turbinen in Strom um.
Im amerikanischen Bundesstaat Nevada ist ein solarthermisches Parabolrinnenkraftwerk mit einer Leistung von 64 Megawatt (MW) entstanden. „Nevada Solar One” wandelt Sonnenenergie zunächst in Wärme und dann mit Hilfe von Turbinen in Strom um.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht der FAZ-Redaktion wider.



Buchtitel: Cleantech Der saubere (Börsen)Boom
Buchautor: Ron Pernick, Clint Wilder

Text: @stt
Bildmaterial: AP, obs, ZB

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