Schwarzbuch Börse

Ob Long, ob Short - ein Teil vom Geld ist immer fort

07. Februar 2006 Deutschland ist einmalig. Zumindest in einem Punkt, im Markt für verbriefte Derivate. Damit sind Anlagezertifikate, Aktienanleihen, Hebelprodukte, Optionsscheine und andere gemeint. Dieser Markt zeigt seit Jahren ein gewaltiges, anhaltendes Wachstum.

Die Anzahl der von den gut zwei Dutzend Emissionshäusern emittierten und quotierten Produkte unterschiedlichster Art und Ausprägung beläuft sich derzeit auf über 80.000 Titel. Im Gegensatz dazu hört sich die Zahl der rund 1.000 börsennotierten Unternehmen eher bescheiden an.

Emissionswut - kein Zeichen für hohen Anlegernutzen

Ob diese Emissionswut dem Anleger nutzt, kann langsam bezweifelt werden. Denn selbst Profis haben angesichts der Produktvielfalt der teils aberwitzig komplizierten Konstruktionen längst den Überblick verloren. Vielfach läßt sich nicht erkennen, ob ein Produkt überhaupt sinnvoll und ob der Preis fair ist.

„Die Annahme liegt nahe, daß der hiesige Markt mit über 80.000 oft identischen Produkten verschiedener Anbieter nicht so aufgebläht wäre, wenn es für die emittierenden Institute nicht ein glänzendes Geschäft wäre“, schreibt denn auch Markus Straub in der jüngsten Ausgabe des „Schwarzbuch Börse“ unverblümt. Nicht nur die Konstruktionen an sich und die Preisstellung bei der Emission gebe zu denken, sondern auch im Handel.

So würden die Preise von verbrieften Derivaten ausschließlich von einem monopolistischen Market-Maker, das ist in der Regel die Emissionsbank, festgelegt. Selbst an Börsen wie der EUWAX dürften laut Regelwerk keine Geschäfte außerhalb der vom Market-Maker oder Emittenten gestellten Geld- Brief-Spanne abgewickelt werden. Gleichzeitig seien Leerverkäufe und damit preiskorrigierende Arbitragegeschäfte zu gut wie unmöglich. Anleger befänden sich vom Kauf bis zum Verkauf in der Abhängigkeit eines einzigen Marktteilnehmers. Anleger sollten aus diesem Grund nicht von effizienten Preisen ausgehen.

Die Emittenten verdienten vor allem am meist nur für Profis zu durchschauenden Aufschlag auf den fairen Wert. Grundsätzlich gelte, daß die Emittenten den Aufpreis eines verbrieften Derivats zu Beginn seiner Laufzeit am höchsten hielten, da dann von den Anlegern naturgemäß überwiegend gekauft werde. Zum Ende der Laufzeit würden die meisten Anleger eher verkaufen, weshalb dann der Aufschlag zum fairen Wert deutlich reduziert, wenn nicht ganz abgebaut werde.

„Überraschend enttäuschende“ Preisbewegungen nicht ausgeschlossen

Ein gutes Beispiel für eine Reduktion des Aufschlags habe die Commerzbank am 06. September 2005 mit ihrem BMW Call mit der WKN CB1DF9 geliefert. Die Emittentin hatte besagten Optionsschein lange Zeit circa 50 Prozent über den Kursen identischer Produkte konkurrierender Emissionsbanken quotiert und wie die Börsenumsätze belegen, auch verkauft. Dann, am 06. September 2005 um 18:19 Uhr, hat sie schlagartig den Preis ihres Produkts von 0,62 auf 0,41 Euro reduziert, obwohl die zugrunde liegende Aktie sich nicht verändert hat. Diese brachiale Reduktion des Aufpreises auf den fairen Wert sei leider kein Einzelfall und führe besonders deutlich vor Augen, wie gefährlich es sein könne, sich auf die Fairness der Emissionsbank bei der Kursstellung ihrer Produkte zu verlassen.

Bei Anlagezertifikaten seien die prozentualen Aufschläge auf den fairen Wert niedriger, lägen aber auch oft im zweistelligen Bereich. Bei vielen aufwendig konstruierten Produkten sei es Usu, eine verdeckte, für den Kunden nicht sichtbare Vertriebsprovision, meist um die drei Prozent, zu zahlen. Aus Sicht des Anlegers sind alle erwähnten Bestandteile verlorenes Kapital. Die sich daraus ergebende Kostenbelastung sei meist deutlich höher als bei den unter Kostengesichtspunkten auch nicht gerade als günstig geltenden Investmentfonds und beeinträchtigt bei vielen Produkten das Chance-Risiko-Verhältnis ganz erheblich. Auch die Höhe des Spreads könne für Überraschungen sorgen.

Vorsicht bei selbst erstellten Underlyings

Bei einigen Zertifikaten ist ferner zu beachten, daß neben dem Kurs des Derivats auch der Wert des zugrunde liegenden Underlyings allein vom emittierenden Institut festgestellt wird. Es existiere keinerlei externe, unabhängige Kontrolle, ob die Höhe des Underlyings überhaupt korrekt ermittelt werde. Oft könne der Anleger nicht einmal bei Fälligkeit ermitteln, ob der vom Emissionshaus gezahlte Einlösungsbetrag korrekt sei.

Anleger sollten aus diesem Grund originäre Terminmärkte vorziehen. Denn sie sind die Basis für die Konstruktion der ganzen strukturierten Produkte. Oft sind dieselben Effekte, die von den Zertifikateanbietern als der „allerletzte Schrei“ angeboten werden, auch selbst erzielbar. Allerdings zu günstigeren Bedingungen und mit mehr Transparenz. Sollten sie trotzdem auf Zertifikate setzen, dürften einfache, transparente und mit anderen vergleichbare Produkte ratsam sein.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri

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