Berichtssaison in Amerika

Wo es zu Überraschungen kommen könnte

Von David Bogoslaw

09. Juli 2009 Der Rücksetzer am Aktienmarkt vom 2. Juli in Reaktion auf den stärker als erwartet ausgefallenen Rückgang der Beschäftigung außerhalb der Landwirtschaft dürfte kaum überrascht haben, zumal der dünne Vorfeiertagshandel die Abgaben vermutlich noch verstärkte. Der enttäuschende Arbeitsmarktbericht deutet jedoch nicht zwangsläufig darauf hin, dass die Berichtssaison zum zweiten Quartal noch schlechter ausfallen wird, als von den meisten Anlagestrategen und Volkswirten im Vorfeld befürchtet.

In einem am 2. Juli veröffentlichten Bericht prognostizierten Thomson Reuters für das zweite Quartal einen Gewinnrückgang für die im Aktienindex S&P-500 vertretenen Unternehmen von 35,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der im Vorjahresvergleich größte Ergebnisrückgang - ein Einbruch um 79 Prozent - werde im Rohstoffsektor auftreten, was angesichts der Verschlechterung der Lage auf den Wohn- und Gewerbeimmobilienmärkten wenig verwunderlich sein sollte.

Die geringsten Rückgänge dürften auf den Gesundheitssektor (minus 2 Prozent) und den Verbrauchsgütersektor (minus 6 Prozent) entfallen. Im Sektor Dauerhafter Konsumgüter sehen die Prognosen einen Rückgang von 29 Prozent vor.

Relativer Optimismus

Der Verlust von 476.000 Arbeitsplätzen im Juni - 100.000 Stellen mehr als vom Markt erwartet und ein wesentlich stärkerer Rückgang als im Vormonat - enttäuschte all jene, die davon ausgegangen waren, dass sich der Trend eines sich verlangsamenden Stellenabbaus ausgehend vom Höchststand im Januar fortsetzen würde. Angesichts der Abschwächung des Beschäftigungsabbaus von 741.000 Stellen im Januar auf 345.000 im Mai „kann man unsere Enttäuschung nachvollziehen“, sagte Art Hogan, Chef-Marktanalyst bei Jefferies & Co.

Hogan könne verstehen, dass sich Unternehmen bei der Einstellung neuer Mitarbeiter zurückhalten, solange sie keine deutliche Verbesserung der Wirtschaftslage erkennen. Er sehe jedoch keinen klaren Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des anhaltenden Arbeitsplatzabbaus und den Unternehmensgewinnen. „Niemand weiß, ob die Gewinne im zweiten Quartal 34 oder 24 Prozent geringer ausfallen werden als vor einem Jahr. Ich denke, es sind einige positive Überraschungen drin“, die allerdings nicht ausreichen dürften, um für weitere Kurssteigerungen zu sorgen, so Hogan.

Die Latte für das zweite Halbjahr wird niedrig gehängt

Das fast völlige Ausbleiben von Gewinnwarnungen in den vergangenen drei bis vier Wochen lasse den Schluss zu, dass die Ergebnisse relativ gut ausfallen könnten, meint Phil Orlando, Chef-Aktienstratege bei Federated Investors. Er gehe jedoch davon aus, dass sich die Führungskräfte der Unternehmen mit positiven Gewinnprognosen für die kommenden Quartale stark zurückhalten dürften. Im gegenwärtigen Umfeld „haben sie keinen Grund dazu“, sagt er. „Es ist besser, die Latte so niedrig wie möglich zu hängen, um im dritten oder vierten Quartal positiv überraschen zu können.“

Die Erzielung höherer Gewinne im späteren Verlauf dieses Jahres dürfte nicht allzu schwierig sein, falls die Rezession im dritten Quartal allmählich nachlassen und das Wirtschaftswachstum in positives Terrain zurückkehren sollte, wovon zumindest Federated überzeugt ist.

Höhere Arbeitslosigkeit verzögert längerfristig die Erholung

Mickey Cargile, geschäftsführender Gesellschafter bei WNB Private Client Services, geht davon aus, dass die konjunkturelle Erholung ein langwieriger Prozess sein wird, in dessen Verlauf eine Menge Daten „unsere Entschlossenheit als Anleger auf die Probe stellen werden“. Die Beschäftigungszahlen für Juni waren ein Rückschritt, „nicht so sehr der Bericht selbst, sondern vielmehr die darin implizierte Zeit, bis diese Menschen wieder ins Arbeitsleben zurückkehren“, so Cargile. „Je länger die Arbeitslosigkeit anhält, desto stärker schlägt sich dies in den Unternehmensgewinnen nieder“, da Arbeitslosigkeit zur Konsumzurückhaltung und zu einem Anstieg der Zwangsvollstreckungen führe. Nach Ansicht von Cargile werde die Arbeitslosigkeit in den kommenden sechs Monate ihren Höhepunkt erreichen, während der anschließende Rückgang der Arbeitslosenquote nur langsam erfolgen werde.

Natürlich sind weitere Arbeitsplatzverluste und eine höhere Arbeitslosigkeit nicht dazu angetan, die Gewinnsituation von Banken auf absehbare Zeit zu verbessern. Nach Verlust ihres Arbeitsplatzes würden manche Menschen versuchen, kurzfristig weiter von ihren Kreditkarten zu leben, was bankseitig zu weiter steigenden Ausfallraten bei Kreditkarten führe, sagt Jaime Peters, Bankanalystin bei Morningstar Funds. Trotz aller vom Staat für Hypothekenkreditgeber geschaffenen Anreize zur Darlehensrestrukturierung gilt: „Wenn ein Kreditnehmer sein Darlehen aufgrund von Arbeitsplatzverlust nicht mehr bedienen kann, wird jede Darlehensmodifikation hinfällig. Es wird dann zu einer Zwangsversteigerung kommen“, so Peters.

Wie entwickeln sich die Rückstellungen der Banken?

Von zentraler Bedeutung für die Gewinnsituation ist, ob Banken weitere Rückstellungen bilden werden, um für mögliche künftige Ausfälle gewappnet zu sein, sagt Peters. Bislang beliefen sich die gebildeten Rückstellungen der Banken auf 60 bis 100 Prozent ihrer tatsächlichen Abschreibungen, sie frage sich jedoch, ob die Rückstellungen selbst für den Fall steigender Ausfälle zurückgeführt werden könnten. Jede Verringerung der Rückstellungen würde sich positiv auf die Bankgewinne auswirken.

Thomson Reuters prognostiziert für die im S&P-500 vertretenen Finanzdienstleister einen Gewinnrückgang von 52 Prozent im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr. Einige Strategen sehen in diesem Sektor jedoch schon allein aufgrund der konservativen Analystenprognosen größeres Potential für positive Gewinnüberraschungen als in jedem anderen Sektor.

Robert Patten, Analyst bei Morgan Keegan, geht davon aus, dass die Banken „klägliche“ Gewinne ausweisen würden, dass sich die Nettozinsspanne jedoch durchweg verbessern und sich bei einigen Banken sogar merklich ausweiten dürfte, „begünstigt durch niedrig verzinste Einlagen zur Vergabe von Krediten, die zu deutlich besseren Zinsspannen erneuert werden“.

Vor zwei Jahren wären Banken durch zunehmenden Wettbewerbsdruck gezwungen gewesen, Darlehen mit einem Aufschlag von 1 Prozent über dem Londoner Interbankensatz Libor zu vergeben, während sie nun in der Lage seien, einen Aufschlag von 2 bis 3 Prozent über dem Libor zu verlangen, so Patten.

Patten rechnet mit einem Anstieg der Rückstellungen für mögliche künftige Ausfälle, da die Banken von Seiten der Aufsichtsbehörden zu Abschreibungen auf Gewerbeimmobilien und unerschlossene Grundstücke gezwungen würden. Dies sei das Ergebnis des Drucks auf die Branche der Immobiliengutachter aufgrund von Gerichtsprozessen um überhöhte Immobilienbewertungen, so Patten weiter.

Positive Einkommensquellen

Längerfristig geht er jedoch von steigenden Zinsen aus, die zu einer Verbesserung des Gewinns vor Steuern und Rückstellungen beitragen werden „und Banken dabei unterstützen, einen profitablen Weg durch einen sehr schwierigen Kreditzyklus zu finden“.
Eine weitere Quelle steigender Einkünfte im vergangenen Quartal war ein starker Kapitalmarkt - nicht nur in Gestalt von Gebühren für die Durchführung von Aktienemissionen anderer Banken, sondern auch in Form von Mittelzuflüssen aus den Handelsaktivitäten ihrer Rentensparten, sagt Patten.

Die Marktvolatilität führte zu enormen Gewinnen im Handel mit staatsgarantierten Wertpapieren und mit Unternehmensanleihen, da sich die Renditedifferenzen zwischen diesen Papieren und amerikanischen Staatsanleihen auf weiterhin hohem Niveau halten. Vor dem Hintergrund des jüngsten Ansturms von Kreditnehmern, die noch vor einem Zinsanstieg Refinanzierungsmöglichkeiten nutzen wollten, sollten auch die Hypothekensparten der Banken einen hohen Gewinnbeitrag geleistet haben.

Enttäuschungspotential im Technologiesektor...

Der Technologiesektor, der während des konjunkturellen Abschwungs bislang zu den Sektoren mit der besten Wertentwicklung zählte, berge Enttäuschungspotential, schon allein aufgrund der aggressiven Analystenerwartungen, sagt Uri Landesman, Chef-Aktienstratege bei ING Investment Management. Thomson Reuters schätzt den Gewinnrückgang der im S&P-500 vertretenen Technologieunternehmen auf 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

„Der Technologiesektor wird sehr genau beobachtet“, insbesondere da er von einigen Marktakteuren als Frühindikator für die Gesamtwirtschaft betrachtet werde, so Landesman. Der Technologiesektor besitze vielleicht nicht das größte Potential für negative Überraschungen, doch „hier könnten negative Gewinnüberraschungen eine Menge Schaden anrichten“, sagt er.

...oder auch nicht?

Ryan Jacob, Manager des 35 Millionen Dollar schweren Jacob Internet Fund, ist anderer Ansicht: „Ich denke, dass eine größere Zahl von Technologieunternehmen die Erwartungen übertreffen wird, anstatt sie zu verfehlen.“

Die gute Wertentwicklung von Technologieunternehmen im bisherigen Jahresverlauf sei laut Jacob unter anderem darauf zurückzuführen, dass die im vergangenen Jahr begonnenen Kostensenkungen und das Hinauszögern von Investitionsausgaben ausgereicht hätten, um sich nun in den Gewinnen niederzuschlagen. Jacob geht davon aus, dass sich der Trend signifikanter Gewinnsteigerungen dieser Unternehmen fortsetzen werde.

Die besten Ergebnisse werden weiterhin von Unternehmen wie Red Hat, einem Anbieter von Open-Source-Software, und Salesforce.com, einem Softwareanbieter nach dem Software-as-a-Service-Prinzip (SaaS), kommen. Beide Geschäftsmodelle schlügen sich gut, da sie gegenüber dem traditionellen Softwaregeschäft mit deutlich geringeren Investitionskosten einhergingen und für Geschäftskunden wesentlich flexibler und attraktiver seien, so Jacob.

Jacob meidet große Technologiekonzerne wie Intel und Microsoft, da es für sie nach seiner Ansicht sehr schwierig sei, die Gesamtwirtschaft zu überflügeln, und sie zudem der größten Gefahr durch viele der kleineren aufstrebenden Unternehmen ausgesetzt seien.

David Bogoslaw ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: AFP, AP, F.A.Z., REUTERS

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