Anlagestrategie

Börsen arbeiten an vorläufigem Kursboden

31. Oktober 2008 An den Börsen ist am Freitag mit wenigen Ausnahmen die Kaufwut ausgebrochen. Die europäischen Märkte liegen am späten Nachmittag mit Kursgewinnen von bis zu 3,5 Prozent im Plus. Auch die Kurse an der Wall Street laufen nach anfänglichem Zögern nach oben.

Die Kursgewinne stehen im Widerspruch zu den konjunkturellen Daten. Denn die amerikanischen Konsumentenausgaben gehen weiter zurück, die Hauspreise fallen immer tiefer und die Stimmung in der Wirtschaft wird gemessen an den verschiedenen Einkaufsmanagerindizes immer schlechter.

Schwache konjunkturelle Aussichten ...

In Europa ist die Lage nicht besser. Vorlaufende Indikatoren der OECD deuten auf eine deutliche wirtschaftliche Abschwächung hin. Das gilt sowohl für die großen und wirtschaftlich dominierenden Staaten wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und insbesondere auch Italien. In Deutschland ist der Ifo-Index, der sich auf die Geschäftsaussichten der befragten Unternehmen bezieht, im Oktober auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebung gefallen. Selbst in Osteuropa trüben sich die Aussichten angesichts der andauernden Turbulenzen deutlich ein.

So bleibt zu vermuten, dass Fondsgesellschaften und institutionelle Anleger dazu tendieren, ihre Monatsbilanzen kurzfristig durch den gezielten Kauf von Wertpapieren in letzter Sekunde vor dem Ultimo optisch zu schönen.

Auf der anderen Seite scheinen spekulative Anleger vor dem Wochenende kurzfristig ihre Positionen zu bereinigen. Angesichts der sehr lockeren Geldpolitiken der Zentralbanken und der Eingriffe der Regierungen - Leitzinssenkungen, massive Liquiditätsschübe in die Geldmärkte, Kreditvergabe gegen zweifelhafte Sicherheiten und Aufweichung der Bilanzierungsstandards - scheinen sie die Wetten auf fallende Kurse zu reduzieren.

Die extremen Maßnahmen, die sich in den Vereinigten Staaten dadurch auszeichnen, dass sich der Leitzins inzwischen wieder auf dem Greenspanschen Rekordtief von gerade noch einem Prozent und deutlich unter der von der Taylor-Regel implizierten Marke befindet, scheinen langsam Wirkung zu zeigen. Immerhin kommen die Zinssätze an den Geldmärkten etwas zurück. Der Ein-Monats-Euribor liegt mir 4,43 Prozent deutlich unter dem jüngsten Hoch von 5,2 Prozent- Der Ein-Monats-Libor liegt bei 4,42 Prozent, nach einem Hoch von 5,18 Prozent.

... gegen massive fiskalische und geldpolitische Stimuli

Gleichzeitig haben aufgrund der Staatsgarantien die Risikoprämien, die für die Absicherung gegen Kreditausfälle von Finanzunternehmen verlangt werden, sowohl in den Vereinigten Staaten, in Asien als auch in Europa vielfach abgenommen. Selbst bei vielen Schwellenländerstaaten gehen sie zurück, während die Renditen europäischer Staatsanleihen auseinanderlaufen. Italien muss inzwischen für zehnjährige Staatsanleihen eine Rendite von 5,13 Prozent bieten, während Deutschland 3,9 Prozent zahlt.

Es gibt zwar viele Anzeichen darauf, dass die vom schwachen amerikanischen Immobilienmarkt ausgehende Kredit- und Wirtschaftskrise tiefer sein und länger dauern wird, als vielfach angenommen. Fundamentale Daten hindern jedoch die Börsen nicht daran, zwischenzeitlich deutlich nach oben zu laufen, wenn die Anleger in ihrem notorischen Optimismus davon überzeugt sind, es werde schon nicht so schlimm werden. Nach dem Motto „in der Vergangenheit haben sich die Börsen immer rasch von Kursrückschlägen erholt, wieso sollte es angesichts der massiven monetären und fiskalischen Impulse diesmal anders sein“ scheinen sie zu Käufen zu tendieren.

Aus technischer Sicht spricht tatsächlich einiges für eine vorläufige Bodenbildung. Immerhin befinden sich die Volatilitätsindizes schon seit Tagen auf Rekordniveaus, neigen jedoch zu einer Mäßigung. Auf der anderen Seite sind wichtige Indizes wie der S&P 500 inzwischen unter ihre langjährigen Trends gefallen. Das lässt selbst wertorientierte Anleger inzwischen wieder zu Aktienkäufen neigen.

Sollten sich diese Ansätze bestätigen, dürften Trendfolgesysteme einsetzen und zumindest kurzfristig für eine mächtige Kursrally sorgen können. Ob sie angesichts der fundamentalen Wirtschaftschwäche nachhaltig ist, kann bezweifelt werden. Aus diesem Grund sind Absicherungsstrategien gegen mögliche Rückschläge ratsam. Grundsätzlich scheint jedoch auch eine neue Welle der Vermögenspreisinflation denkbar zu sein, sollten die Zentralbanken ihre überaus weit geöffneten Geldschleusen nicht rechtzeitig wieder schließen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Deutsche Bundesbank; Banque de France; EoniaSwap.org, Europäische Zentralbank, FAZ.NET, GMO, M.M.WARBURG INVESTMENT RESEARCH

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Einbruch, Feuer oder Blitzschlag - schützen Sie Ihr Hab und Gut gegen Schäden. Jetzt vergleichen!

nach oben

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2009 Medienpartner: NZZ Online

Quellen: Technologie und Kursdaten von der TeleTrader Software AG sowie Fondsdaten aus der FWW-Fondsdatenbank, FWW GmbH. Dieser Service ist powered by X.finance GmbH & Co. KG, © 2009. Alle Börsendaten werden mit mindestens 15 Minuten Verzögerung dargestellt.