Anlegerverhalten

Schafsköpfe sind manchmal gar nicht so dumm

Von Nadine Oberhuber

11. Februar 2008 Am Ende sind Anleger auch nur Menschen. Und menschlich ist, dass sie nicht jede Entscheidung mit dem Kopf treffen, sondern dass sie auch mal dem Bauch folgen. Oder der Meute. Denn in bestimmten Situationen zeigen Anleger einen ausgeprägten Herdentrieb, und sie werfen - ganz instinktgesteuert - von einer Sekunde zur nächsten ihre bisherigen Ansichten über den Haufen.

Das haben Wissenschaftler festgestellt, die das Verhalten von Anlegern untersuchen. Für viele Marktbeobachter ist nach den Ereignissen der vergangenen Wochen klar: An den Börsen ist derzeit Herdenverhalten in Reinform zu beobachten. Seit zwei Wochen sei die Bärenherde los. Weil ein paar Vorreiter ihre Aktien verkauft hätten, stürmten nun lauter Panikverkäufer hinterher, die blindlings ihre Wertpapiere aus dem Depot würfen. Ist das wirklich so?

Der Strom fließt nicht immer in die falsche Richtung

Wie schlimm wird es dann noch? Und was hieße das für diejenigen, die bisher noch nicht hinterherjagten, weil sie - und das ist ebenfalls ein biologisches Phänomen - noch in Schreckstarre verharren? Sollen sie sich der bereits davongaloppierten Masse jetzt noch anschließen und zu mittlerweile weit abgesackten Kursen noch verkaufen? Oder sich bewusst gegen den Trend stemmen?

Denn, so zumindest sagt die Theorie, klassisches Herdenverhalten dauert ohnehin nie lange an. Früher oder später würde die Masse erkennen, dass die Richtung nicht mehr stimmt und dass es mehr als eine Richtung gibt: Wenn die Kurse auf breiter Front sinken, ist das ein Einstiegssignal. Und dem folgen dann wiederum sehr viele Anleger. Zumindest im Augenblick ist das eine schöne Aussicht.

Aber keine, die so eintreffen muss. Denn das Szenario setzt voraus, dass es wirklich der Herdentrieb war, der an den Märkten einsetzte. Da aber sind sich längst nicht alle einig. „Es war eine impulsive Handlung vieler Anleger: Wenn es brennt, versuchen alle, schnell wegzukommen“, sagt Fritz Strack, Sozialpsychologe von der Universität Würzburg.

Rationales Herdenverhalten

„Klassisches Herding war es wohl nicht“, sagt Andreas Roider, der an der Uni Bonn zum Herdentrieb forscht. „Endgültig wissen wir das erst in ein paar Monaten, wenn wir die Folgen davon beobachten können“, bestätigt auch Martin Weber, Professor für Finanzwirtschaft an der Uni Mannheim.

„Zumindest ein Fall irrationalen Herdenverhaltens war es nicht“, ist für Andreas Park klar, der als Professor an der Universität von Toronto seit Jahren nach Ursachen und Folgen von Herdenbewegungen an den Finanzmärkten sucht. Das nämlich liegt vor, wenn Anleger massenhaft die Flucht aus den Märkten antreten, ohne dass ein erkennbarer Grund vorliegt. Meist folgen sie dann blind einem Verkäufer, ohne dessen Handeln zu hinterfragen. „Solche Ausschläge können heftig sein, sie halten aber meist nicht länger als ein paar Stunden oder Tage an“, sagt Park. Dafür dauert die jetzige Wanderungsbewegung schon zu lange.

Schafe sind nicht immer dumm

Diesmal spielten auch Überlegung und viele Informationen eine Rolle, sagt Thorsten Hens, er ist Professor für psychologisches Anlegerverhalten und Direktor des Swiss Banking Institute. Die meisten Anleger haben schon seit den Krisenmeldungen im Sommer Marktinformationen gesammelt und sich daraus eine Meinung gebildet.

Das spricht noch nicht unbedingt gegen die These vom Herdentrieb. Denn den kann es auch geben, wenn alle rational handeln: etwa wenn ein Investor aus Imagegründen das Gefühl hat, dass es besser ist, mit der Masse zu laufen und nicht als Außenseiter aufzufallen. Bei Fondsmanagern beobachten Psychologen das oft. Oder wenn Anleger schnell sein müssen, weil es nur eine begrenzte Summe zu verteilen gibt, wie bei einer Bankenpleite. Oder aber wenn eine neue Information auftaucht, die zuerst wenige Gutinformierte haben und die erst langsam streut. Auch dann schwenkt die Masse um.

Der Montag ist nicht zufällig

Doch welche soll das zu Beginn des kräftigen Kurseinbruches vor zwei Wochen gewesen sein? Die Zahlen zur amerikanischen Krise lagen schon auf dem Tisch. Neue gab es zunächst nicht, als die Anleger am Montagmorgen panisch aus den Märkten flohen, nachdem sie seit Sommer darin ausgeharrt hatten. Vielleicht waren sie einfach erschöpft. Nach all den schlechten Nachrichten haben sie wohl die Geduld verloren und ihre Strategie übers Wochenende noch einmal gründlich durchdacht, vermutet Hens. Es ist übrigens nicht ungewöhnlich, dass heftige Kursstürze gerade an Montagen passieren.

Ob dieser nun wirklich die Folge davon war, dass Hunderttausende Kleinanleger nur das Verhalten weniger Großinvestoren imitierten, „was man zumindest nicht ganz ausschließen kann“, wie Roider sagt. Oder ob nicht alle zur gleichen Zeit zufällig denselben Entschluss gefasst haben, das wird sich so schnell nicht klären lassen. Letzteres aber würde bedeuten, dass kein Herdentrieb, sondern ein größeres Umdenken stattgefunden hätte, dem nicht zwangsläufig bald eine Gegenbewegung folgen muss.

Was die Oma schon wusste

Obwohl - oder gerade weil - die Unsicherheit groß ist, fallen die Handlungsempfehlungen der Experten für Anlegerpsychologie aber eindeutig aus: „Irgendwann werden die Leute sagen: Jetzt sind die Aktien billig, jetzt steigen wir wieder ein. Aber solange keine positive Information in den Markt kommt, geht es weiter abwärts“, sagt Herdenexperte Roider, „also: abwarten.“ Jetzt zu kaufen, rate er niemandem, winkt auch Hens ab: Der Trend, den viele gern reiten würden, sei stets schneller, als Anleger ihm folgen könnten.

Die bessere Strategie für Langfristanleger ist für Finanzprofessor Weber: „Augen zu und durchsegeln, bis sich der Markt beruhigt hat. Schon meine Oma wusste: Solange du nicht sicher bist, lass die Finger davon.“ Alles andere lohne sich schon wegen der Kosten fürs Umschichten und den späteren Wiedereinstieg oft nicht.

Wer also nicht gerade jetzt auf sein Geld angewiesen ist, sondern langfristig für die Altersvorsorge spart, der sollte die Krise lieber aussitzen. Denn dass mit diesem Crash gleich der ganze Aktienmarkt abstürzt, das zumindest glauben Herdenforscher nicht. Das drohe nur, wenn sich die Anleger anhaltend von Instinkten und Angst leiten ließen und aus dem Herdentrieb eine globale Börsenflucht werde.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.02.2008, Nr. 5 / Seite 43
Bildmaterial: dpa

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