Herta Müller im F.A.Z.-Gespräch

Im Erzählen seinen Halt finden

Herta Müller liest aus ihrem neuen Roman “Atemschaukel“

Herta Müller liest aus ihrem neuen Roman "Atemschaukel"

09. Oktober 2009 In ihren neuen Roman „Atemschaukel“, der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, beschreibt Herta Müller die finstere Zeit der Diktatur in ihrem Geburtsland Rumänien. Im F.A.Z.-Gespräch erklärt sie, welche Bedeutung des Thema für ihr Werk und ihre Biographie besitzt.

Frau Müller, welche Bedeutung hat Ihr neuer Roman „Die Atemschaukel“ für Sie?

Herta Müller: Das Thema der Deportation hat mit meiner ganzen Biographie zu tun, weil meine Mutter deportiert war, und nicht nur sie, sondern alle im Alter meiner Mutter. Außer den Männern. Die waren im Krieg. Das war während der Diktatur in den fünfziger Jahren. Es war eine finstere Zeit, in der man wegen jedem Dreck verhaftet werden konnte, und es war verboten, über die Deportation zu sprechen. Wer betroffen war, hat nur in Andeutungen gesprochen. Ich komme aus einem Bauernmilieu, da redet man ohnehin nicht über sich, und darum hat man dafür auch kein Vokabular. Aber meine Mutter erschien mir immer verstört. Das Dorf war ein totes Gefüge, in dem dreihundert Jahre die Wiederholung des immer selben stattfand. Bei denen, die nach der Deportation aus Russland zurückkamen, war alles anders. Die Tracht war abhandengekommen, vom Kahlscheren waren auch die Zöpfe weg. Dieses Bild hat mich immer begleitet, es kommt ja auch schon in den „Niederungen“ vor. Ich hatte immer vor, darüber zu schreiben, habe mich aber auch davor gefürchtet, weil ich nicht wusste wie, außer in diesen pauschalen Klagen, man habe gehungert und gefroren. Ich aber wollte beschreiben, was Beschädigung wirklich ist.

Sie haben die Arbeit an „Atemschaukel“ zusammen mit Oskar Pastior begonnen. Wussten Sie, dass er ebenfalls deportiert worden war?

Ja, ich kannte ihn ja viele Jahre, aber über seine Deportation hat Oskar Pastior nur am Rande gesprochen. Er war ein vom Lager abgerichteter, verängstigter Mensch. Er war von der Angst geradezu dressiert. Persönlich war er sehr schüchtern mit einer großzügigen Diskretion, und ich glaube, das hat ihn daran gehindert, öffentlich darüber zu sprechen.

Wie hat Pastiors überraschender Tod das Verhältnis zu diesem Buch verändert?

Enorm. Ich weiß nicht, was es geworden wäre, wenn Oskar nicht gestorben wäre. Ich habe diesen Menschen sehr, sehr gern gehabt, und ich habe unendlich um ihn getrauert. Als er starb, bin ich in eine Starre gefallen. Ich war total gelähmt. Aber dann fand ich, dass es eine Aufgabe sei, das Buch fertigzustellen, die ich zu erfüllen habe. Oskar Pastior hat die letzten Jahre seines Lebens so viel Zeit investiert. Andererseits habe ich so auch daran gearbeitet, dass er weiterlebt.

Wie wichtig war es für Sie, mit diesem Buch Zeugnis abzulegen?

Gar nicht.

Darf man aus zweiter Hand über die in „Atemschaukel“ beschriebenen Erfahrungen schreiben?

Im Grunde reden wir hier über das Gelingen von Kunst. Insofern geht es nicht um dürfen oder nicht dürfen. Es gibt ja auch Leute, die etwas erlebt haben, und ihre künstlerische Arbeit ist dennoch nicht gelungen. Kunst ist etwas Künstliches. Sie ist nicht die Realität, und die Realität ist nicht Kunst. Ich kann kein anderes Kriterium ansetzen.

Kann Literatur dem Vergessen entgegenwirken?

Selbstverständlich. Alles, was ich über Konzentrationslager, den elendigen Alltag dort und den industriell organisierten Mord an Menschen weiß, stammt aus Büchern. Jene, die es erlebt haben, und jene, die sich dieses Themas annehmen, schreiben immer aus einer inneren Notwendigkeit. „Atemschaukel“ ist nicht meine Geschichte, aber es ist die Geschichte meiner Umgebung, die Geschichte meiner Mutter.

Hat Ihre Mutter „Atemschaukel“ gelesen?

Nein, meine Mutter ist eine einfache Frau. Wir reden nie darüber. Sie weiß, dass ich schreibe, aber wir haben eine andere Beziehung. Das Schweigen ist genauso eine Kraft wie das Erzählen. Es muss jeder für sich selbst bestimmen können, ob er im Schweigen seinen Halt findet oder im Erzählen.

Bücher von Herta Müller

Herta Müllers erstes Buch „Niederungen“ erschien erst 1984 im Westen in der Originalfassung, nachdem die rumänische Zensur zuvor stark in den Text eingegriffen hatte. 1986 folgte die Erzählung „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“. 1989 erschien der bereits in West-Berlin entstandene Prosaband „Reisende auf einem Bein“. 1992 veröffentlichte Herta Müller ihren ersten Roman „Der Fuchs war damals schon der Jäger“, eine Schilderung des Alltags in einem totalitären Land, 1994 den Roman „Herztier“ und 1997 „Heute wär ich mir lieber nicht begegnet“, die beide ebenfalls das Leben unter der Schreckensherrschaft Ceausescus beschreiben. 2000 veröffentlichte sie den Gedichtband „Im Haarknoten wohnt eine Dame“; 2005 folgte mit „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“ ein weiteres Buch mit Gedicht- und Bildcollagen. 2003 erschien der Essayband „Der König verneigt sich und tötet“.

In diesem Jahr kehrte sie mit dem Roman „Atemschaukel“, der auch für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, auf beeindruckende Weise zum Erzählen zurück. Während die jüngsten Bücher im Hanser Verlag veröffentlicht wurden, der auch „Der Mensch ist ein großer Fasan in der Welt“ und „Herztier“ in Neuausgaben herausgebracht hat, sind die meisten der älteren Werke als Taschenbuch bei Fischer erhältlich. Gerade ist zudem das Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht: Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat“ im Supposé Verlag erschienen.

Das Gespräch führte Thomas David



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Nauck

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