Von Oliver Jungen
03. November 2008 Was für eine Idee! Grandeur! Sich an den Nachbarn, auf die man eben noch geschossen hat, ein Vorbild zu nehmen: Denn unbestreitbar war ja die enorme Bedeutung der im siebzehnten Jahrhundert gegründeten Académie française für die französische Sprache und Literatur, ob nun trotz oder wegen ihres puristischen Dogmas. Ein solcher Zirkel auch in Deutschland? Die größten Sprachgenies der Nation auf Lebenszeit berufend? Fast sechzig Jahre nach Gründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die jedes Jahr mit zwei Tagungen und fünf bedeutenden Preisen hervortritt, scheint es immer noch erstaunlich, dass dem Verband deutscher Autoren dies tatsächlich gelang.
Wie um alles in der Welt aber kam man auf die Idee, diese Institution von den intellektuellen Zentren abzukoppeln und in die hessische Provinz zu verlegen? Hüben Paris, hier Darmstadt. Diese Stadt mit dem hässlichstdenkbaren Namen (weshalb man mittlerweile gerne Wissenschaftsstadt sagt), die nur einige empfindsame Heulsusen hervorgebracht hat, verließ schon der berühmteste Kurzzeitbewohner, Georg Büchner, der hier über Selbstmord philosophierte, fluchtartig. Und auch Johann Heinrich Merck beging in dieser Stadt 1791 Suizid.
Kulturkritik aus allen Rohren
Man kann in Darmstadt aber auch sehr alt werden. Inzwischen hat die Akademie begonnen, der Vergreisung entgegenzuarbeiten durch offensive Integration der mittleren und jüngeren Generation. Im Rahmen der Herbsttagung aufgenommen wurde soeben Daniel Kehlmann, der bei seiner Vorstellung Abbitte dafür tat, etwas so Rohes wie einen Bestseller geschaffen zu haben, der sich schlechthin unsinnig gut verkaufte. Mehr Applaus bekam Neumitglied Jens Malte Fischer, Münchener Kulturwissenschaftler, für den es - arg prätentiös - die Hölle auf Erden bedeutet, im Interschrott zu schlurfen oder sich von Fuzzypedia belehren zu lassen. Gerne goutiert man in diesem Kreis Durchhalteparolen aus dem E-Book-Krieg: Vom Kollaborieren zum Kollabieren sind es nur zwei Buchstaben.
Doch wird man damit in der Welt da draußen noch gehört? Reflexhaft kulturkritisch begann auch die Ansprache des Akademiepräsidenten Klaus Reichert im Darmstädter Staatstheater: Traf die Keule bis vor kurzem noch die Rechtschreibreform, so diesmal die marktwirtschaftliche Destruktion der Hochschulen. Sicher nicht zu Unrecht - aber warum geht man dann gleich wieder zur Tagesordnung über? Selten kommen wohl so viele sprachgewandte und gelehrte Köpfe zusammen: Was sie alles bewegen könnten, wenn sie nur wirklich wollten!
Literatur mit Migrationshintergrund
Doch der Reihe nach: Der Vergabe der Büchner-, Freud- und Merck-Preise geht ja die Tagung voran, die sich diesmal Positionen des Schreibens in unserem Einwanderungsland widmete. Gehört Literatur denn nicht per se zum Weltkulturerbe? Doch nicht derart Grundsätzliches war Gegenstand, sondern die konkreten Erfahrungen solcher deutsch schreibenden Autoren, deren erste Muttersprache nicht das Deutsche ist. Kaum vermeiden ließ sich da wohl der Eiertanz vorauseilender Normalitätsbescheinigung.
So sprach man hartnäckig von sogenannter Migrantenliteratur, betonte, die in Frage kommenden Autoren (da hatte man sehr wohl ein klares Bild im Kopf) seien ganz selbstverständlich Teil der deutschsprachigen Literatur. Man hat sich also ein Thema vorgenommen, das eigentlich keines sein darf. In diese Richtung deuten auch die Beiträge von Sasa Stanisic und Marica Bodrozic in der Materialgrundlage der Konferenz: dem jüngsten Band der Zeitschrift Valerio, in dem sich Schriftsteller mit Migrationshintergrund dem Thema stellen.
Eine Tagung, die in Wirklichkeit eine Ehrung ist
Neu ist die Dialektik von Fremdem und Eigenem nicht, schreibt doch schon Goethe: Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt. Spannend war da gerade die Frage, in welches Verhältnis man sich zu den zentralen philosophischen, psychologischen, soziologischen und ästhetischen Fremdheitstheorien setzen würde. Immerhin befanden sich Kapazitäten wie Harald Weinrich, Odo Marquard, Albrecht Schöne, Kurt Flasch, Ulrich Raulff, Ruth Klüger oder Theodore Ziolkowski im Publikum. Die Antwort fällt leicht: in gar keines. Den theoretischen Gehalt der Herbsttagung unterkomplex zu nennen wäre zu euphemistisch.
Ehrlicherweise muss man sagen, dass die Tagung nur eine sogenannte ist, zumindest, was ihren öffentlichen Part angeht: Im Grunde handelt es sich um eine Reihe von Lesungen mit kleinem Themenrahmen. Am Eröffnungsabend sprach ein jugendlich wirkender, achtzigjähriger George-Arthur Goldschmidt über seine Abkehr von und Rückkehr zu der deutschen Sprache, die sinnlich und konkret sei im Gegensatz zum leichten, abstrakten Französisch. Er monierte die Vergewaltigung des Deutschen durch die Nationalsozialisten. Ob man es sich so einfach machen darf, fragte Moderator Klaus Reichert nicht. Eine einzige Enttäuschung waren die Vorträge der beiden Vizepräsidenten der Akademie: Ilma Rakusa und Uwe Pörksen. Beide replizierten lediglich Autorenpositionen aus dem Valerio-Heft. Das lief auf die müde These des ästhetischen Mehrwerts durch kreative Umdeutung des Deutschen (à la Kanak Sprak) hinaus. Die Berlinerin Yoko Tawada führte indes vor, wie poetisch und erhellend zugleich ein genauer Blick - ob nun japanisch geprägt oder nicht - auf das Sprachmaterial sein kann.
Schulze lobt das Müller-ABC
Am letzten Tag machte die Herbsttagung einen qualitativen Sprung: Die mitunter quälenden Moderationen - der Tiefpunkt wohl Lerke von Saalfelds Beharren darauf, Dmitré Dinevs brillante, oft komische Texte seien typisch balkanisch - waren schnell vergessen angesichts der rhetorisch glänzenden Reden. Den Auftakt machte Ingo Schulze mit einem Lothar Müller ABC, worin er charmant das Talent des Merck-Preisträgers hervorhob, Texte transparent zu machen . . ., so dass sie von innen zu leuchten beginnen. Der Literaturkritiker bedankte sich mit der funkelndsten Rede des Nachmittags, ein Bekenntnis zur Bibliothek als geistiges Waffenlager: Die radikale Kulturkritik habe der Literatur um 1800 durchaus genützt. Heute halte man nurmehr elektronische Medien dieser Skepsis für würdig (Stichwort Fuzzypedia), während man die Literatur gar einer resoluten Herbergsmutter anvertraute, die den literarischen Enthusiasmus aus dem Geist des Imperativs bewirtschaftet und große Ausrufezeichen hinter das Lesen setzt.
Mit tiefsinniger Attitüde vorgetragen, aber eigentlich nur einen elf Jahre alten Aufsatz ausschlachtend, folgte Horst Bredekamps Laudatio auf den Wissenschaftshistoriker Michael Hagner. Im Übrigen liebe er, Bredekamp, nicht nur das Deutsche, sondern auch das Englische und sorge sich um dessen durch Internationalisierung bedrohte Schönheit: gern gehört in der Akademie. Der Freud-Preisträger quittierte dies mit einer ähnlichen Warnung vor dem Monolingualismus, was auch als Laudatio auf Bredekamp hätte durchgehen können.
Den Selbstmord aufschieben
Als Laudator auf den Büchnerpreisträger Josef Winkler war der jüngst verstorbene Germanist Wendelin Schmidt-Dengler vorgesehen, an dessen Stelle Ulrich Weinzierl sprach. Dieser rekapitulierte die verhaltenen Reaktionen der Feuilletons auf die Preisentscheidung und hielt dagegen, Winklers Schriften seien von bestürzender Aktualität: Die Kärntner Reaktionen auf den Unfalltod Jörg Haiders zeigten, dass die Welt, gegen die Winkler geradezu manisch-obsessiv anschreibt, bis heute existiere. Weinzierl wollte der existentiellen Leichenprosa aber auch Tröstliches abgewinnen.
Winkler, wie um das zu bestätigen, hatte seinen parataktisch-litaneihaften Lebensrespektive Thanatostext in die Dankesrede fortgeschrieben: die Bücher- und Bildungsfeindschaft des Elternhauses und die Beschäftigung mit Dichtung als ein einziger Aufschub des ersehnten Selbstmords. Vielleicht passt Winkler damit ja doch besser nach Darmstadt, als es die Darmstädter wahrhaben wollten - die öffentliche Lesung des Preisträgers war nicht eben überlaufen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa