Lauter Verrisse

Gute Bücher, die wir hassen

Von Claudius Seidl

Auch mancher Klassiker hält böse Überraschungen bereit (Szene aus “Scooby Doo 2“)

Auch mancher Klassiker hält böse Überraschungen bereit (Szene aus "Scooby Doo 2")

08. März 2009 Wenn die Kritiker uneins sind, so oder so ähnlich hat es Oscar Wilde einmal gesagt, dann sei der Künstler ganz bei sich. Und wenn ein Buch nicht umstritten ist, so möchte man hinzufügen, dann ist es tot. Oder zumindest sterbenslangweilig.

Das Gute an den Büchern ist deren lange Haltbarkeit. Das Schlechte daran ist, dass jedes Buch, das nicht ohnehin vergessen wird, irgendwann einmal Einlass findet in den Kanon, wo es dann steht und verstaubt, und kein Mensch, außer Gymnasiasten und Literaturstudenten, spürt mehr die Lust, es aufzuklappen und darin zu lesen. Und wer es doch tut und sich langweilt, sich ärgert und die dämlichen Sätze, die unbeholfenen Verse, die prätentiösen Metaphern nicht fassen kann: Der denkt erst mal, er habe selber Schuld daran; im Land von Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist die Literaturgeschichte auch das Literaturgericht, gegen dessen Urteile keine Revision mehr zugelassen wird.

Der Kleine tritt den Großen

Dem Verriss haftet immer etwas Peinliches an. Wer Vergnügen am Verreißen hat, der setzt sich immer dem Verdacht aus, dass er ein Wichtigtuer sei, ein Anfänger, ein Grünschnabel, ein kleiner Mensch, der einem großen gegens Schienbein tritt, damit er, wenn der Große fällt, auf den herabschauen kann. Dem Werk der Liebe gibt auch der Leser lieber recht, wer hasst, soll damit nicht fremde Leute belästigen.

Es hilft aber alles nichts. Es ist die Liebe zur Literatur und die Hoffnung auf deren Geistesgegenwart, was das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung dazu bewegt hat, anlässlich dieser Leipziger Buchmesse mal nicht die Neuerscheinungen sauber zu sortieren und den Prüfstempel daraufzudrücken. Sondern mit beiden Händen hineinzugreifen in den Kanon, das Qualitätssiegel von den sogenannten guten Büchern abzulösen, uns mit den Zentnerlasten von Rezeptionsgeschichte nicht weiter zu beschweren – und ein paar mehr oder weniger alte Bücher so zu lesen, als läsen wir sie zum erstenmal.

Man muss, was dabei entstanden ist, nicht unbedingt verstehen als Aufforderung, den Kanon völlig neu zu schreiben, die alten Texte auszumisten, um endlich Platz für Neues zu schaffen (das darf man aber auch). Es wäre schon ganz schön viel gewonnen, wenn unsere Leser uns leidenschaftlich widersprächen; wenn sie, was wir verspotten und verreißen, nur umso leidenschaftlicher liebten. Oder auch sich dazu inspirieren ließen, mal in den eigenen Bücherschrank zu schauen. Was da noch alles herumsteht, der „Faust“, „Der Ekel“, Schillers Balladen, Marinettis Tiraden, Kerrs Kritiken, Kisch, Frisch, Malaparte, Müller, kein Ende in Sicht: Ach, es gäbe noch soviel zu verreißen.

Verrisse von Hermann Hesses „Der Steppenwolf“ und von Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ finden Sie hier: Hesses „Steppenwolf“: Heulen, bis der Arzt kommt und hier: Bernhard Schlinks „Der Vorleser“: Heller Schleim. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 8. März zerpflücken wir außerdem Bücher von Albert Camus, Gabriel García Márquez, Wolfgang Borchert, Gotthold Ephraim Lessing, Vladimir Nabokov, Thomas Mann, Heinrich Mann, Alexander Mitscherlich, Joseph von Eichendorff, Hans Jonas, James Joyce, Daniel Kehlmann, Aldous Huxley, Elias Canetti und Tom Wolfe.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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Hesses „Steppenwolf“

Heulen, bis der Arzt kommt

Nobelpreis unter anderem für den “Steppenwolf“: Hermann Hesse

Thomas Mann fand das Buch experimentell gewagt, Generationen junger Menschen haben es verschlungen. Dabei erinnert Hermann Hesses „Steppenwolf“ an eine langatmige Therapiesitzung - und zählt zu den humorlosesten Büchern der Literaturgeschichte. Von Julia Encke

„Der Vorleser“

Heller Schleim

Kate Winslet in der Verfilmung des Schlink-Romans

„Auch ihre Hingabe war einzig. Nicht rückhaltlos; ihren Rückhalt hat sie nie preisgegeben. Aber es war, als wolle sie mit mir zusammen ertrinken.“ Gibt es das eigentlich, Ertrinkenwollen mit Rückhalt? Warum uns Bernhard Schlinks „Vorleser“ an auslaufende Körpersäfte erinnert. Von Patrick Bahners