Großbuchhändler in der Krise

Kein Einfachhandel

Von Marguerite Seidel

Zweitgrößter Buchhändler Deutschlands seit 2007: Die DBH-Handelsgruppe

Zweitgrößter Buchhändler Deutschlands seit 2007: Die DBH-Handelsgruppe

05. Juli 2009 Als Heinrich Hugendubel 1964 die Buchhandlung am Münchener Salvatorplatz übernahm, die sein Urgroßvater mehr als siebzig Jahre zuvor gegründet hatte, hatte er einen Traum. Er wollte der größte Buchhändler aller Zeiten werden. Gemäß seines Mottos „Stillstand ist Rückschritt“ eröffnete er immer mehr Filialen und schuf 1979 am Marienplatz in München die erste Großbuchhandlung Deutschlands mit Rolltreppen, Leseinsel und Kaffeebar. Heute zählt seine „Welt der Bücher“ mit deutschlandweit 37 Filialen zu den Buchhandelsriesen und bildet unter dem Dach der DBH-Handelsgruppe zusammen mit Buch Habel, Weiland, Weltbild, Jokers und Wohlthat eine gigantische Verkaufsfront. Nach wie vor scheint gerade das Hugendubel-Modell die Kunden scharenweise anzulocken: Die Filiale in der Frankfurter Innenstadt jedenfalls ist zu Stoßzeiten in diesen Tagen wie immer überfüllt; vor den Kassen stauen sich die Kunden.

Doch nun gerät der Buchhandelsriese ins Wanken. So verkündete zunächst die Schwesterfirma Weltbild Ende Mai, dass in ihren 330 Buch-Discountern 322 von 1571 Stellen, also rund zwanzig Prozent, gestrichen werden. Als Anfang Juni der Arcandor-Konzern Insolvenz anmeldete, dessen Buchabteilungen in den Karstadt-Warenhäusern von Hugendubel und Weltbild bespielt werden, gab auch Hugendubel einen massiven Stellenabbau bekannt. Gründe nannten die Geschäftsführung, die nach Heinrich Hugendubels Tod vor vier Jahren an seine Kinder Nina und Max Hugendubel überging, mehrere: die inflationsbereinigt rückläufigen Umsätze des Buchhandels, das Flächenwachstum im Einzelhandel, die starke Online-Konkurrenz sowie verändertes Einkaufsverhalten. Ungefähr 400 Beschäftigte bei Hugendubel, vor allem im Berliner Raum, und 106 Beschäftigte der Schwesterfirma Buch Habel sollen davon betroffen sein, sprich ein Drittel der Belegschaft. Überdies wurden die Verträge der Auszubildenden aufgelöst, die im Herbst beginnen sollten.

Selbstverstümmelungsmaßnahmen

Immer gut besucht: Die Leseinseln in der Hugendubel-Filiale in Frankfurts Innenstadt

Immer gut besucht: Die Leseinseln in der Hugendubel-Filiale in Frankfurts Innenstadt

Das ist überraschend: Zwar profitieren von ungefähr viertausend Buchhandlungen in Deutschland nur die allerwenigsten von den trotz Wirtschaftskrise immer noch stabilen Umsätzen der Branche, aber neben dem Online-Buchhandel sind in den letzten Jahren gerade die großen Ketten gewachsen, allen voran die Marktführer Thalia und DBH. So sprachen auch die Hugendubels vor einigen Monaten noch von einem überraschend guten Start ins neue Jahr, während der schwindende Mittelstand ums Überleben kämpft. In Frankfurts Innenstadt beispielsweise musste nach dem Zuzug von Hugendubel im Jahr 1990 ein Bucheinzelhandel nach dem anderen schließen. Von den größeren Buchläden ist hier einzig Carolus übrig geblieben - „dank eines klaren Profils“, wie die Geschäftsführerin Karin Lademann mit Nachdruck betont. Neben Belletristik, Taschenbüchern und Kinderbüchern, die auch bei Hugendubel zu finden sind, hat sich Carolus auf weibliche Themen, religiöse Literatur und Devotionalien spezialisiert, die der Großfilialist in diesem Umfang nicht anbietet.

Was bedeutet nun ein solch drastischer Personalabbau und Ausbildungsstopp im zweitgrößten Buchhandelsunternehmen Deutschlands für die Branche? Zunächst einmal folgt auf die Schlankheitskur der DHB-Filialen eine buchhändlerische Selbstverstümmelung: Wenn an Service- und Beratungspersonal gespart wird, muss folglich das Sortiment eine stärkere Zugpferdrolle spielen. Wie „selbstbedienungsorientiert“ kann Weltbild aber überhaupt noch werden? Während die Filialen mit schmalem Angebot, niedrigen Preisen und kaum Personal heute schon spartanische Resterampen sind, will sich Hugendubel künftig auf Unterhaltung, Kinderbücher, den Bereich „Besser leben“ und sogenannte Non-Books, also Geschenkartikel, Schreibwaren und ähnliches, konzentrieren.

Buchhändler vom Aussterben bedroht

Weniger Buchhändler, weniger Bücher, mehr Selbstbedienung - dies setzt einen Kurs fort, vor dem die Initiative Probuch München schon länger warnt: der Demontage des Buchhändlerberufes speziell bei Großfilialisten. Weil Buchhändler dort mehr und mehr zu Gemischtwarenhändlern würden und nur noch auspacken, was andere bestellen, sieht dieser Zusammenschluss angestellter und selbstständiger Buchhändler die Entwicklungen der Branche kritisch.

„Wenn nun schon nicht einmal mehr ausgebildet werden soll, sind in diesem System überhaupt noch Buchhändler nötig?“, fragt auch ein Hugendubel-Mitarbeiter, der nicht genannt werden will. Bisher könnten die Beschäftigten über Hugendubels Zukunft allerdings nur mutmaßen, weil genaue Informationen noch fehlten, so der Betriebsratsvorsitzende Uwe Kramm: „Viele Kollegen sehen vor allem die rasante Expansion des Unternehmens in den letzten Jahren kritisch.“ Gewiss ist für ihn indes eines: Sollten die Planungen so umgesetzt werden, würde sich Hugendubel radikal verändern.

Wie das genau aussehen könnte, möchte man sich der Frankfurter Hugendubel-Filiale lieber nicht ausmalen, in der bald vielleicht ein Viertel der hundert Beschäftigten gehen muss: Gerade die Infotheke ist in diesen Tagen gut besucht. Wo er die Håkan-Nesser-Krimis finde, will ein älterer Mann wissen. Ein junges Mädchen fragt nach einem Roman in persischer Übersetzung. Eine Frau erkundigt sich nach den lieferbaren Taschenbuchausgaben einer Autorin. Eine Buchhändlerin bietet einem Kunden an, den gewünschten Band bis zum Montag zu bestellen. Die klassische Frage „Können Sie mir etwas empfehlen?“, die den Buchhändler als kulturelle Navigationshilfe auszeichnet, ist hier aber schon jetzt so gut wie ausgestorben.

Zwischen Tante-Emma-Laden, Buchtempel und Buchautomat

Stapelware bald ohne Händler?

Stapelware bald ohne Händler?

Diese Frage stellen zu können sei in manchen Bereichen sehr wichtig, berichtet Karin Lademann allerdings von ihrer täglichen Arbeit bei Carolus: „Wenn Sie zum Beispiel ein Kinderbuch verschenken wollen, dann ist ein geeigneter Titel nicht so einfach im Internet zu recherchieren.“ Dass Hugendubel auch in Frankfurt Stellen streichen wird, stimmt sie deshalb trotz der Konkurrenzsituation nicht glücklich: „Für die Kunden ist es wichtig, Alternativen zu haben. Sie sind nicht treu, sondern entscheiden sich mal für das eine, mal für das andere Konzept.“ Deshalb würden Änderungen bei Hugendubel sich auf ihr eigenes Geschäft wohl nicht auswirken. Die Probleme des stationären Buchhandels durch Internethandel oder kostenfreie Online-Inhalte und die Wirtschaftskrise machten sich überall bemerkbar, auch bei Carolus: „Kunden kaufen weniger“, stellt Lademann fest und verzichtet deshalb vorerst auf die geplante Umgestaltung des Ladens. „Wir werden aber auf keinen Fall an den Serviceleistungen sparen“, sagt sie, denn dies sei schließlich die Chance des Facheinzelhandels.

Auch kleinere Buchhändler in Gebieten, die von der bisher krisenfesten Thalia-Gruppe dominiert werden, glauben nicht, dass ihre Situation sich durch Umstellungen bei den Großfilialisten signifikant verändern würde. So oder so, Einzelhandel sei kein Einfachhandel, meint etwa Annerose Beurich, die vor einem Jahr in Hamburg-Eppendorf den Buchladen Stories! eröffnet hat. Sie orientiere sich vielmehr an den großen Buchtempeln und versuche, die Seele eines Tante-Emma-Ladens mit deren modern gestylter Inneneinrichtung, Café und Lesesaal zu kombinieren. Christiane Hahn ist mit ihrer Buchhandlung Anakoluth vor einem Jahr aus Berlin-Mitte sogar in ein Ladengeschäft schräg gegenüber von der Thalia-Filiale in Prenzlauer Berg gezogen. Wie Lademann in Frankfurt und Beurich in Hamburg setzt sie auf persönliche Beratung und eindeutige Sortimentsschwerpunkte: „Das Entscheidende ist, dass eine Buchhandlung ein Gesicht hat“, sagt Christiane Hahn, die neben Belletristik und gut gehenden Titeln vor allem Reise-, Frauen- und lesbische Literatur führt. Wenn Großfilialisten eines Tages allerdings wirklich nur noch kassieren und nicht mehr beraten sollten, dann hegt Christiane Hahn doch die leise Hoffnung, dass dies eine positive Auswirkung auf den stationären Einzelhandel haben könnte.

Im Moment droht durch Hugendubels Stellenabbau und Konzeptänderung aber vor allem eines: Ein großes Familienunternehmen, das einst Wert auf buchhändlerische Kompetenz legte und dessen ehemaliger Geschäftsführer 1999 noch zum „Buchhändler des Jahrhunderts“ gekürt wurde, wandelt sich, wie ein aufgebrachter Nutzer in einem Internetforum überspitzt vorhersagt, in „Filialen ohne Mitarbeiter mit Buchautomat und einer Kasse mit Selbstbezahlung.“ Das ist kein gutes Signal für die gesamte Branche - das wissen auch die kleineren Buchhändler.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben