350 Jahre Robinson Crusoe

Die Piraten kamen nie

Von Jürgen Kaube

Er bleibt ein einsamer Held: Robinson Crusoe in der Verfilmung von Luis Buñuel

Er bleibt ein einsamer Held: Robinson Crusoe in der Verfilmung von Luis Buñuel

29. September 2009 Man landet nicht zweimal an demselben Strand. Im Oktober 1704 erreichten die britischen Schiffe „St. George“ und „Cinque Ports“ auf der Suche nach Süßwasser und frischen Vorräten die unbewohnte Insel „Más a Tierra“ („Festlandnächste“) vor der chilenischen Küste. Die Mannschaft bestand aus zwielichtigem Personal. Es waren sogenannte Bukaniere, eine Art Auftragspiraten, die, mit Kaperbriefen der jeweiligen verfeindeten Krone ausgestattet, in südlichen Gewässern Jagd auf englische, spanische oder französische Schiffe machten.

Kapitän der „St.George“ war William Dampier, der auch als Naturkundler in die Geschichte eingegangen ist; Humboldt wie Darwin stützten sich später bei ihren Studien auf seine Reisetagebücher und biologischen Beobachtungen. Als Seeräuber war Dampier weniger erfolgreich. Immer wieder überwarf er sich mit seinen Mannschaften. Diesmal war es sein schottischer Segelmeister, der vor einer Weiterfahrt warnte. Bohrwürmer hatten den Rumpf der „Cinque Ports“ beschädigt. Der Streit über das entstandene Risiko endete damit, dass der Navigator, der sich auch zuvor schon über zu geringe Beute beschwert hatte und als Raufbold wie Säufer bekannt war, auf der Insel zurückgelassen wurde – kurz darauf sank das Schiff. Vier Jahre und vier Monate blieb Alexander Selkirk, ausgestattet mit einer kolonialen Grundausstattung – Handwerkszeug, Schusswaffe, Bibel –, auf der Insel.

Mythos ohne Held

Illustration aus einer frühen deutschsprachigen Ausgabe des Romans

Illustration aus einer frühen deutschsprachigen Ausgabe des Romans

Heute aber heißt nicht dieses Eiland „Alexander-Selkirk-Insel“, sondern das Archipel „Más Afuera“ („Weitestdraußen“), das 150 Kilometer weiter westlich im Meer liegt und auf das Selkirk niemals einen Fuß gesetzt hat. Denn was nur in einem Roman möglich ist, der sich als Wirklichkeit ausgibt: Fünfundvierzig Jahre vor dem Original wurde Selkirks berühmterer Nachfolger an die Küste der „Festlandnächsten“ gespült. „Als ich etwa zehn oder zwölf Tage dort war“, notierte er in seinem Reisebericht, „fiel mir ein, dass ich aus Mangel an Papier, Feder und Tinte die Zeitrechnung verlieren und wohl gar die Sonntage nicht mehr von den Werktagen unterscheiden würde. Um das zu verhindern, schnitt ich mit meinem Messer in großen Buchstaben in einen dicken Pfahl: ‚Ich kam hier an Land am 30. September 1659.‘“ Vor dreihundertfünzig Jahren strandete der berühmteste Schiffbrüchige der Weltliteratur: Robinson Crusoe. Und seit 1966 ist „Más a Tierra“ deshalb nach ihm benannt.

Ein Sieg der Literatur? Ian Watt, Autor eines der nach wie vor klügsten Bücher über die Ursprünge modernen Erzählens („The Rise of the Novel – Studies in Defoe, Richardson and Fielding“, 1957), nennt Robinson Crusoe mehr einen Mythos als eine Romanfigur. Tatsächlich steht Robinson neben Faust, Don Giovanni, Don Quijote oder Frankenstein, neben literarischen Figuren also, die sich abgelöst haben von den Werken, denen sie entsprangen. Sie sind eingegangen in zahllose andere Bücher, Opern, Filme. Ein „Weltbuch“ hat man das 1719 erschienene Werk darum zu Recht genannt – und zu Unrecht, denn Robinson und seine Geschichte kennen auch alle, die das Buch nie gelesen haben, geschweige denn etwas über dessen Autor Daniel Defoe wissen.

Die Wirkungen des Romans gingen schnell ins Exemplarische. Schon 1731 bezeichnet Johann Gottfried Schnabel in seiner „Insel Felsenburg“ eine ganze literarische Gattung nach ihm: die Robinsonade, als Erzählung über der Zivilisation Abhandengekommene. Danach wurde „Der Schweizerische Robinson“ (1812) erfunden, „L’Oncle Robinson“ (1870), „I Robinson italiani“ (1896) und der Science-Fiction-Film „Robinson Crusoe on Mars“ (1964), um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ende des neunzehnten Jahrhunderts zählte die Forschung siebenhundert Ausgaben von Defoes Text. In Frankreich heißen große Regenschirme „Robinsons“, auch wenn sie nicht wie die bei Defoe aus Ziegenfell sind, und weltweit tragen seinen Namen viele Urlaubsresorts, die fingierten Zivilisationsabbau (Perlengeld, Animation, kurze Hosen, Leben im Sand) bei zugleich erhöhtem Komfort versprechen – also das Gegenteil von dem, was der Schiffbrüchige durchmachte.

Anders aber als Faust, Don Juan oder Frankenstein entbehrt die Figur des Robinson jeder mythologischen Größe. Ihr Schicksal ist nicht durch eine Idee bestimmt, es geht ihr, wenn Heldentum mehr als Selbsterhaltung ist, jeder Heroismus ab. Robinson möchte nicht mehr sein, als er scheint, weshalb seinem Charakter auch jegliches Gefälle fehlt. Und recht betrachtet, kennt der Text auch nur ein Spannungsmoment: Der Leser wartet die meiste Zeit darauf, ob endlich einmal etwas passiert.

Nichts als Alltag

Der Roman ist insofern das beste Beispiel für das, was der Anglist Franco Moretti den Einsatz von „fillers“, also Füllmaterial, im Unterschied zu „Wendepunkten“ nennt. An jeder Erzählung kann man unterscheiden, an welche ihrer Elemente man sich leicht und woran man sich nach kurzer Zeit kaum mehr erinnert. Wer die Probe an „Robinson Crusoe“ und sich selbst macht, wird mit wenig mehr dastehen als: Schiffbruch, Selbsterhaltung, Freitag, Abreise. Anders formuliert: Anfang, Mitte, Ende. Aber dazwischen? Hunderte von Seiten, auf denen über nichts als Ziegenzucht, das Schnitzen von Mobiliar, das Wetter oder das Fieber des Insulaners berichtet wird. Einmal heißt es: „Während der nächsten fünf Jahre begegnete mir nun nichts Außergewöhnliches.“ Die Chronik der achtundzwanzigjährigen Gefangenschaft ist ein unerhörter Vorgang, der aus fast nichts als Alltäglichkeit besteht. Wie sollte es auch anders sein, bei einem Buch, das in zwei Dritteln seines Umfanges jegliche Sozialität ausschließt?

Schaut man sich den vollständigen Titel von „Robinson Crusoe“ an, so scheint es, als hätte Defoe das Buch selbst zunächst ganz anders geplant: „Das Leben und die merkwürdig überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe, Seemann aus York, der 28 Jahre lang ganz allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste Amerikas lebte, nahe der Mündung des großen Stromes Orinoko, wohin er als einziger Überlebender eines Schiffbruchs verschlagen wurde, bei dem alle anderen Männer starben, nebst einem Bericht über seine genau so merkwürdige Befreiung durch Piraten, aufgezeichnet von ihm selbst“. Auf der Insel gibt es aber außer einer Begegnung mit Kannibalen kaum merkwürdige Abenteuer – es sei denn, man rechnete das Essen von Schildkröten dazu – und gar keine Rettung durch Piraten. Selbst die Begegnung mit dem Wilden, Freitag, wird sogleich in die Ordnung des Alltags überführt; Freitag besetzt eine Stelle, die für ihn schon geschaffen war, als sich Robinson zuvor in seiner Einsamkeit einmal ein Gegenüber wünschte – aber dabei nicht an eine Gefährtin oder einen Freund dachte, sondern an einen Sklaven, der ihm die Arbeit erleichtern würde!

Geniale Unzulänglichkeit

Was ist das für ein Buch, das Ursprung des modernen Romans wurde, wie oft gesagt wurde, weil Defoe angeblich als Erster ohne literarisches Vorbild auskam? Ein Abenteuerroman, in dem es so gut wie keine Abenteuer gibt? Ein früher Bildungsroman, in dem der Protagonist seine Bildung schon nach einem Viertel der Erzählung mit der Einsicht abgeschlossen hat, Unzufriedenheit sei das größte aller Übel? „Mein ganzes Leben ist ein Memento für all diejenigen, die an dem allgemeinen Übel der Menschheit kranken, von dem, so weit ich sehe, die Hälfte alles ihres Unglücks kommt; ich meine das Übel, dass sie nicht mit dem Lebenszustand zufrieden sind, in den sie Gott und die Natur versetzt haben.“ Von Charles Dickens stammt die hellsichtige und nicht als Lob gemeinte Bemerkung, „Robinson Crusoe“ sei das einzige weltweit populäre Buch, das niemanden zum Lachen und niemandem zum Weinen bringe.

Defoe selbst präsentierte sein Werk überhaupt nicht als Roman – „kein Anschein von Fiktion findet sich darin“, heißt es im Vorwort –, sondern als von ihm herausgegebenen Bericht des Seefahrers selbst. Die Schmucklosigkeit und Redundanz des Mitgeteilten gehört insofern zur Form, die gerade nicht kunstvoll sein will. Man komme nicht auf die Idee, dass jemand so etwas erfunden haben könnte, denn weshalb sollte er, nur um uns zu amüsieren, sich in so unamüsanten Details verlieren, lobte Thomas de Quinceyspäter gerade die Unzulänglichkeiten des Buches als genialen Trick. Defoe war Journalist und stand, wie der Anglist Lennart Davis einmal formulierte, mit einem Bein in der Welt der Neuigkeiten (news) und mit dem anderen in der des Erfindens (novels). Kaum war das Werk heraus, wurde es gleichwohl als Fiktion attackiert. Berühmt war damals der Unterhosen-Fehler: Defoe lässt Robinson sich seiner Kleider entledigen, um besser zum Schiffswrack schwimmen zu können, auf dem Wrack aber stopft er sich dann Schiffszwieback in die Taschen der Hosen, die er gar nicht mehr anhat. Darüber erregte sich der wohl auch ein wenig neidische Schriftsteller Charles Gildon sofort in einem Pamphlet. Man merke an solchen Unstimmigkeiten, dass Defoe der Autor sei, nicht jener Herr Crusoe.

Moral der Vorgeschichte

Im Vorwort zum dritten Band der Geschichte treibt Defoe in seiner Antwort aus Gildon die Verwirrung dann auf die Spitze, indem er Crusoe entgegnen lässt, dass es einen Menschen gebe, dessen Leben und Taten der Gegenstand der Bände seien und dem er, Crusoe, seinen Namen gegeben habe. Denn hätte er von jemandes Schicksal berichtet, den alle kennten, würde niemand hingehört haben.

Das Werk sollte also gleichzeitig wahr, erfunden und allegorisch sein. Lennart Davis schließt, Defoe habe vor dreihundert Jahren, als „news“ und „novels“ noch nicht hinreichend getrennt waren, über keinen Begriff für eine „realistische Erzählung“ verfügt, die zugleich eine belehrende Wirkung hat. Für Defoe war die Vorgeschichte des Schiffbruchs ein Schlüssel zur Moral, auf die er zielte, eine Vorgeschichte, die auch zu dem gehört, an was sich fast kein Leser mehr erinnert. Crusoes Vater mahnt ihn zu Beginn des Buches, Abenteuer seien nur etwas für Ober- und Unterschichten, aber nichts für den Mittelstand. Das schlägt Robinson in den Wind, erleidet ersten Schiffbruch, wird von Mauren verschleppt, versklavt, entkommt, lebt unter wilden Tieren, wird Zuckerpflanzer in Brasilien, wo er sich in jenen Mittelstand emporarbeitet, dem er zuvor schon angehörte – „ich sagte mir oft, dass ich das, was ich hier tat, ebenso gut in England unter meinen Freunden hätte tun können“ –, und vergleicht sein Leben in der Fremde doch mit dem auf einer einsamen Insel. Das alles geschieht auf den ersten sechzig Seiten des Romans, die restlichen vierhundertfünfzig sind, darauf bezogen, die Bußerzählung, die aber nur in das Buch, nicht den Mythos eingegangen ist.

Einsamer Pragmatiker

Die These, „Robinson Crusoe“ sei eine Predigt und seine formalen Vorbilder lägen nicht in der Reise-, sondern in der religiösen Unterweisungsliteratur, hat dazu geführt, das Vorbild für den Helden nicht in Selkirk, sondern in Defoes Schulfreund Timothy Cruso zu finden. Dessen puritanische Zurechtrückungsbücher – darunter der schöne Titel: „The Necessity and Advantage of an Early Victory over Satan; with some Rules for the Obtaining it“ von 1693 – kannten solche Dialoge zwischen abenteuerlustigen Söhnen und ihren Vätern.

Doch die meisten Leser über die Jahrhunderte hinweg waren für diesen Aspekt ebenso wenig zu gewinnen wie für den zweiten und dritten Band, den Defoe seinem Erfolg hinterherschickte. Anders als bei Ödipus, Faust oder Don Quijote fand die Frage, wie es mit dem Helden weiterging, kein Interesse. Es war die Situation eines Jedermann auf dem Eiland, nicht der Jedermann selber, der die Phantasie beschäftigte. Folgerichtig hat Jean-Jacques Rousseau, gefordert, Ausgaben zu benutzen, die nur die Jahre auf der Insel enthalten sollten. „Ich hasse Bücher“, heißt es in seinem „Émile“ 1762, „sie bringen den Leuten nur bei, über Dinge zu reden, die sie nicht verstehen.“ Aber da man in der Erziehung trotzdem Bücher verwenden müsse, gebe es eines, dass der Zögling zuerst lesen solle: „Robinson Crusoe“. So nämlich wie Crusoe alle Dinge auf ihre Nützlichkeit prüfe, so müsse es auch der in Gesellschaft lebende junge Mensch lernen. Aber zunächst eben diesseits der Gesellschaft.

Der homo oeconomicus mit sich allein

In der Gesellschaft leben, als lebte man nicht in ihr: Die Geschichte von Robinson wäre, so verstanden, eine Übung in methodologischer Einsamkeit, der die Frage zugrunde liegt: Was würde ich machen, wenn ich niemandem als mir selbst vertrauen könnte? Der schottische Moralphilosoph James Beattie machte 1783 als erster die dazu passende Beobachtung, „Crusoe“ widerlege die Behauptung, nur Liebesgeschichten machten einen Roman interessant. Das Buch ist das hervorstechende Beispiel für eine Tradition des modernen Individualismus, die ihn nicht in Selbstentfaltung, der Suche nach Intimität und in ästhetischem Empfinden, sondern im Erwerb gegründet sieht. Freilich ist es, auf der Insel zwangsläufig, ein Erwerb ohne Handel, was den Erziehungseffekten des methodologischen Solipsismus Grenzen setzt. Ein prototypischer „homo oeconomicus“, wie oft geschrieben, kann Robinson jedenfalls nur für Anhänger der Arbeitswertlehre sein, die Tausch und Markt für sekundäre Erscheinungen halten.

Abenteurer, Puritaner, Selbsterzieher, homo oeconomicus – im Variantenreichtum der Deutungsgeschichte liegt selbst ein Hinweis auf die Eigenschaft, die „Robinson Crusoe“ zu einem Weltbuch gemacht hat. Der Held ist gerade darum Identifikationsfigur, weil aus seiner Person wie aus dem Fortgang seiner Geschichte jede Exzentrizität und jede tiefere Bedeutung entfernt ist. Es war Edgar Allan Poe, der notierte, dass Defoe auf diese Weise alle Aufmerksamkeit vom Autor abziehe und auf Robinson hinlenke. Man lese das Buch nicht wie Literatur. Das hat aber nicht nur den Effekt, den Defoe damit beabsichtigt haben dürfte: dass wir es für wahrscheinlich halten. Es betrifft, so Poe, auch unsere ganz unwahrscheinliche Freude daran. „Wir schließen das Buch und sind ziemlich zufrieden damit, es selbst geschrieben haben zu können.“

Weit draußen im tiefen Blau des Ozeans und doch als „Festlandnächste“ benannt: die Robinson-Insel vor der Küste Chiles
Weit draußen im tiefen Blau des Ozeans und doch als „Festlandnächste” benannt: die Robinson-Insel vor der Küste Chiles

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Sammlung Richter, Google Earth

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