27. Juni 2009 Es regnet nicht mehr. Der Himmel über Klagenfurt hat sich aufgehellt, in der Ferne tauchen aus letzten Nebelschaden die schroffen Gebirgszüge der Karawanken auf, und auch das Klima des Literaturbetriebs, der sich dieser Tage zum Bachmann-Wettbewerb in der Stadt aufhält, ist fühlbar um einige Grade gestiegen - schon weil man in den Pausen die altbekannten Plätze wieder aufsuchen kann, die der Regen freigegeben hat, den Strand und die Restaurants am Wörthersee oder Stand 17 auf dem Markt, wo Brigitte ihre legendäre Erdbeersuppe mit Balsamico kredenzt.
Aber vor allem die Autoren haben an diesem zweiten Klagenfurt-Tag Schwung in den Wettbewerb gebracht. Nach dem ermüdenden Auftakt, dem auch Philipp Weiss` medial kalkulierte Papier-Esserei kein Erregungspotential hinzufügte, konnten am Freitag drei von fünf Texten überzeugen bis begeistern. Der Romanauszug Der Fotoeffekt des promovierten Physikers Ralf Bönt, vorgeschlagen von der stets sachkundig argumentierenden Jurorin Meike Feßmann, erzählt aus der kühnen Perspektive eines Phonons, also eines Elementes aus der Teilchenphysik.
Welt aus den Fugen und grantelnde Juroren
Es ist eine moderne Faustgeschichte über zwei Wissenschaftler, Michael Faraday und Heinrich Hertz, die für ihre Suche nach Wahrheit - in Form von Quecksilberexperimenten - mit dem Leben bezahlten. An Bönts Text schied sich die lust- wie niveauvoll streitende Jury. Während sich Ijoma Mangold stark beeindruckt zeigte, allerdings die berechtigte Frage stellte, ob sich nach Daniel Kehlmanns Vermessung der Welt ein Autor an eine Doppelbiographie zweier Forscher des neunzehnten Jahrhunderts wagen sollte, fühlte der spitzfindige Paul Jandl sich bei der Lektüre von einem permanenten Drehschwindel ergriffen, der ihm bis zuletzt verschleierte, was mir dieser Text eigentlich erzählen will.
Zwei weitere herausragende Texte, die ein ähnliches Motiv hatten, wenn auch gänzlich anders erzählt, hatten das Pech, direkt aufeinanderzufolgen, weshalb die Jury immer wieder versucht war, sie miteinander zu vergleichen. Der Berliner Autor und Journalist Andreas Schäfer hatte einen Text mitgebracht, der von einem Flugkapitän handelt, dessen Welt durch den Tod seines Sohnes aus den Fugen gerät. Während die Wiener Jurorin Karin Fleischhanderl in gewohnte Manier herumgrantelte und den Text als so pannen- wie spannungsfrei geißelte, lobte ihr Schweizer Kollege Alain Claude Sulzer, dass hier endlich eine Figur einmal einen ordentlichen Beruf habe, und hob die klare und präzise Sprache hervor, die sich nicht um Originalität bemühe.
Befremden über die Moderatorin
Bis dass der Tod von Jens Petersen schließlich erzählt in beklemmender Nahperspektive, geschrieben im Präsenz und gespickt mit zahlreichen Erinnerungen und Reminiszenzen, von einem Mann, der das qualvolle Sterben seiner Freundin begleitet, bis er dem Grauen ein Ende setzt. Eine Figur von ungeheurer zeitgenössischer Tragik sah Burkhard Spinnen in dieser Euthanasie- und Selbstmordgeschichte, während Paul Jandl den Kitsch-Verdacht zumindest in den Raum stellte.
Der Schlagabtausch auf der Bühne spitzte sich dann aber in ganz anderer Weise zu. Denn die erstmals in Klagenfurt agierende Clarissa Stadler, die ihre Rolle als Moderatorin durch manch unglücklichen Einwurf bereits arg strapaziert hatte, wurde nach einem neuerlich unkorrekten Resümee vom Jury-Vorsitzenden Spinnen in ihre Schranken gewiesen. Clarissa Stadlers aufgekratzte Art hatte schon einige im Saal befremdet, die sich mit Stadlers Vorvorgänger Ernst A. Grandits prompt einen Moderator der alten Schule herbeisehnten.
Bildmaterial: AP