Literaturnobelpreis für Herta Müller

Mit der Tinte die Schatten vertreiben

Von Felicitas von Lovenberg

Herta Müller

Herta Müller

11. Oktober 2009 Die englischen Buchmacher scheinen einen bemerkenswert guten Draht zur notorisch geheimniskrämerischen Schwedischen Akademie zu haben. Denn obwohl sie Herta Müller zuletzt als Favoritin gehandelt hatten, ist die Nachricht, dass die Schriftstellerin, die 1953 im banatschwäbischen Rumänien geboren wurde und 1987 aus der barbarischen Diktatur Ceausescus nach Berlin floh, den diesjährigen Nobelpreis für Literatur tatsächlich erhält, eine absolute Überraschung, ja eine Sensation. Nun ist die Stockholmer Akademie für Überraschungen immer gut, für Sensationen seltener – der Diskussionsstoff, für den ihre Entscheidungen immer wieder sorgen, macht seit hundertundacht Jahren einen nicht unerheblichen Teil des Reizes dieses Preises aus.

Nach Günter Grass vor zehn Jahren und Elfriede Jelinek 2004 ist dies das dritte Mal in einer – nach weltliterarischer Zeitmessung – extrem kurzen Spanne, dass ein Autor deutscher Sprache mit dem wichtigsten Literaturpreis der Welt bedacht wird. Die Auszeichnung von Herta Müller ist, nicht nur, aber auch in der Reihe dieser drei, die einleuchtendste Entscheidung, die von der Stockholmer Akademie seit langem getroffen wurde. Handelt es sich doch um eine eminent literarische und künstlerische überzeugende Wahl – was ihre politische Signalwirkung nicht mindert. In der knappen Begründung heißt es, Herta Müller zeichne „mittels der Verdichtung der Poesie und der Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit“. Anders als das Kuratorium der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchner-Preis vergibt, haben die Schweden ganz offensichtlich nicht nur die bisherigen Werke Herta Müllers gelesen, sondern auch ihren neuen Roman „Atemschaukel“. Und möglicherweise hat dieses Buch den Ausschlag gegeben, der mit sechsundfünfzig Jahren nicht nur nach Akademiemaßstäben jungen Autorin die Auszeichnung gerade jetzt zu verleihen und nicht erst in einigen Jahrzehnten.

Denn mit „Atemschaukel“, dem fiktionalen Bericht des jungen Hermannstädters Leopold Auberger, der mit siebzehn Jahren im Januar 1945 in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert wird, hat Herta Müller ihr großes literarisches Thema des Lebens in der Diktatur nicht verlassen, doch entscheidend erweitert.

Ein Erinnerungsbuch für Oskar Pastior

Das Buch, von einer unerhörten sprachlichen wie gedanklichen Intensität, ist in jeder Hinsicht eine Steigerung, ein Fanal des Hungers, der Kälte und der Einsamkeit. Diese Steigerung, ein Über-sich-selbst-Hinauswachsen im wahrsten Sinn, rührt möglicherweise auch daher, dass Herta Müller diesen Roman weniger für sich als für ihren engen Freund, den großen Sprachschöpfer und Dichter Oskar Pastior, geschrieben hat, der während der Arbeit an dem Buch, das eigentlich eine Gemeinschaftsarbeit werden sollte, starb.

Doch nicht allein ihm hat Herta Müller mit „Atemschaukel“ ein Denkmal gesetzt, sondern sondern auch ihrer Mutter und all jenen Angehörigen der deutschsprachigen Minderheit im Banat und in Siebenbürgen, die als Zwangsarbeiter in sowjetischen Lagern die nationalsozialistischen Verbrechen büßen sollten – ein Thema, das unter Ceausescu zum staatlich verordneten Tabu wurde. Wovon ein ganzes Land bis heute schweigt, davon erzählt Herta Müller ebenso wie von der traumatischen Erfahrung der Diktatur Ceausescus selbst.

Wie man Angst mit Worten bannt

Mit ihren Romanen „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992), „Herztier“ (1994) und „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ (1997) hat die Autorin eine Trilogie über das Leben in einem totalitären Überwachungsstaat geschaffen, der selbst die engsten zwischenmenschlichen Beziehungen unterhöhlt. Dafür wird sie in Rumänien bis heute als Nestbeschmutzerin verunglimpft; noch als sie im vergangenen Jahr nach Bukarest reiste, so hat sie es erst kürzlich in einem zutiefst verstörenden Aufsatz in der „Zeit“ geschildert, wurde sie beschattet.

Das bis heute wiederkehrende Thema ihrer ersten Bücher war ihre Kindheit im Banat, das repressive, paternalistisch-ritualisierte Leben im Dorf, die harte Arbeit der Eltern in der Kolchose. In dem gerade erschienenen Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht“ (Verlag supposé) erzählt Herta Müller im Gespräch von dieser Einübung der Angst, aber auch von der Entdeckung, dass sich die Angst durch Worte bannen lässt. Ein Lehrer, der die Begabung des Mädchens erkannte, sorgte dafür, dass sie in die Stadt aufs Gymnasium kam.

An die beengte Kindheit schloss sich mit den ersten schriftstellerischen Versuchen der Studentin nahtlos die Überwachung durch das Regime an. Immer wieder hat sie die Drangsalierungen, Bedrohungen und Strafen durch die Spitzel und Schergen beschrieben, nachdem sie die Zusammenarbeit mit der Securitate verweigert hatte. Es gelang ihr, das Manuskript ihres Debüts „Niederungen“, das ihre Kindheit im Banat nachzeichnet und in Rumänien zensiert worden war, nach Deutschland zu schmuggeln, wo es 1984 erschien und sofort große Beachtung fand. Die Erfahrungen, die ihre Ausreise nach Deutschland begleiteten, verarbeitete sie in der Erzählung „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“ (1986).

Eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist

Herta Müller ist eine genaue Beobachterin, deren scharfer Blick und politische Unerbittlichkeit auch und gerade vor den eigenen Erfahrung nie Halt macht; sie selbst hat diesen autobiographischen Zug ihres Werks einmal als „Autofiktionalität“ bezeichnet. Und noch etwas zeichnet sie aus: moralische Haltung und Deutlichkeit. Die Form des literarischen Essays liegt ihr dabei ebenso wie erzählende Prosa. Wichtig sind ihr aber auch die Collagengedichte, deren Verfertigung mit Schere und Klebstoff das einzelne Wort in den Mittelpunkt rücken: Diese Sprachbastelei sei, wie sie sagt, ihre Freude, die Prosa hingegen richtige Arbeit.

Der Schatten dessen, was sie erlebt hat, die Allgegenwart der Angst, ist lang; Herta Müller sucht ihn nicht zu bannen, sondern er hält sie und sie ihre Leser wach. In der sinnlichen Intensität und Aufmerksamkeit, mit der sie diesen Gespenstern einer Vergangenheit entgegentritt, die im heutigen Rumänien noch immer nicht vergangen ist, liegen die Emotionen nah beieinander, Lachen, Wut und Tränen – ganz wie bei Herta Müller selbst, die von einer impulsiven Gegenwart ist. Legendär etwa ist die Episode, als sie auf dem Bankett nach der Büchner-Preisverleihung an Erich Fried, die Fried durch seinen Protest gegen die „Sinti-und-Roma-Säuberung Darmstadts“ sprengte, den Darmstädter Oberbürgermeister atemlos empört ob seiner „Säuberungspolitik“ herunterputzte. Auch da spürte man die „Schatten“, unter denen sie aufwuchs und gegen die sie ein Schriftstellerleben lang anschreibt. In diesem Schreiben unter Schatten liegt auch der einzigartige Rang und die Bedeutung ihres bisherigen Werkes. Es funkelt dunkel und scharfkantig in eine Szenerie hinein, die ziemlich schicksalslos-locker ihre – im Vergleich zu ihr – doch kleineren Krisen- und Beziehungskreise abschreitet. Insofern formuliert der Nobelpreis für Herta Müller einen Anspruch auch an die ganze gegenwärtige deutsche Literatur, im Sinne von: Werdet wesentlicher!

Gegen das Vergessen anrennen

Im Vorfeld der Vergabe des Deutschen Buchpreises ist verschiedentlich die Frage gestellt worden, ob es überhaupt legitim sei, solche existentiellen Erfahrungen eines anderen zum Gegenstand zu machen – wenn man sie selbst gar nicht durchlitten hat; „Atemschaukel“ schildere das Grauen aus zweiter Hand. Derartige Kritik ignoriert, dass Herta Müller nicht nur von Oskar Pastior ausdrücklich aufgefordert und damit autorisiert wurde, sein Lager-Leben zu verarbeiten, und verkennt die zentrale Aufgabe von Literatur: gegen das Vergessen anzurennen.

Gerade in den letzten Jahren hat eine ganze Reihe von Romanen aus der Enkelgeneration das Leben der von Nationalsozialisten Verfolgten und Vertriebenen nachgezogen. Soll allein der kommunistische Lagerzaun die Grenze sein, die nicht überschritten werden darf? Es kommt ja doch in der Kunst mehr darauf an, wie man derartiges bewältigt. Herta Müller hat mit der „Atemschaukel“ herrlich bewiesen, was die Kraft der Sprache einer zwar fiktionalen, aber das Wahrhafte poetisch durchglühenden Vorstellung und Empathie vermag.

Es bedarf keines Nobelpreises, um das Überragende dieses Werkes zu erkennen (siehe auch Herta Müller: Ihr Werk in F.A.Z.-Rezensionen). Herta Müller ist bekanntlich auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. Gleichgültig, ob sie diese Auszeichnung ebenfalls erhält – das ganze literarische Deutschland kann mit Stolz und Freude auf eine Autorin blicken, der es in ihrem bewegenden Werk gelingt, mit einer hochempfindlichen Sprache Licht in dunkle Zeiten zu bringen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Nauck

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