Ich und Kempowski IV

Er ging wie angestochen durchs Leben

Von Edo Reents

Ausschnitt des Tagungs-Flyers

Ausschnitt des Tagungs-Flyers

03. Mai 2009 Aus Anlass von Kempowskis achtzigstem Geburtstag richtet Rostock die erste internationale Kempowski-Tagung aus. Edo Reents berichtet von der Ostsee - über Vorträge und Spuren des Schriftstellers in seinem Geburtsort, alles unter der Leitfrage: Was hätte Kempowski dazu gesagt?

* * *

Ich erinnere mich daran, wie ich im Juli 2007, wenige Wochen vor dem Tod des Meisters, mit Kempowski in dem so extrem langen Büchergang von Haus Kreienhoop - „Minutenlang ging man hier an Büchern vorbei“, heißt es in den „Hundstagen“ - saß und er mich, weil ihn die Fliegen störten, bat, „doch mal bitte eben“ die Klatsche aus dem Nebenzimmer zu holen. Das tat ich. Es dauerte allerdings länger, als wir gedacht hatten, denn ich fand das Ding nicht auf Anhieb. Als ich dann später wieder zu Hause war und das Band, das ich zum Mitschnitt unseres Gesprächs laufen gelassen hatte (mit Kempowskis Billigung natürlich), abhörte, stieß ich auf die Stelle mit der Fliegenklatsche und hörte dann, wie Kempowski, während ich im Nebenzimmer hektisch suchte, ganz tief, fast demonstrativ seufzte und mehrmals hintereinander ein „Herrgott!“ hervorstieß. Ich glaube nicht, dass diese Unmutsäußerung seinem bereits sehr hinfälligen körperlichen Zustand galt, über den er gar kein Aufhebens machte, sondern einzig der Tatsache, dass ich mich so dumm anstellte und hier unnötig Zeit, seine Zeit vertrödelte.

So war er. Mir scheint, dass aus dieser Differenz, diesem Umschlagen von absoluter, mildester Liebenswürdigkeit in den Wutausbruch etwas zu lernen ist: Walter Kempowski war ein Mensch, für den kulturell eingeübte und normalerweise auch geforderte Kategorien wie Beherrschung und Rücksichtnahme äußerst prekäre, störanfällige Gebilde waren. Daraus, aus dem eigenen Bewusstsein, dass es sich bei ihm (leider) so verhält, resultiert, so scheint mir, seine Abgründigkeit. Und sie kam, ohne dass sie ausdrücklich bemüht worden wäre, bei der, man muss schon sagen: genial gelungenen Rostocker Tagung allenthalben zum Vorschein. Das war nur möglich, weil alle, die Referenten und die Zuhörer, einen vollkommen unbetulichen, auch von Rücksichten auf die anwesende Witwe nicht nennenswert eingeschränkten Zugang auf ihren Gegenstand gefunden hatten.

Ungeheure Energie und Arbeitsleistung

Wenn man sich ansieht, was bei Tagung herauskam, auf der evident wurde, dass Kempowski den Rang eines Nationalschriftstellers in einem altmodischen, aber irgendwie auch zutreffenden Sinne hat, dann bekommt man einen Begriff für die ungeheure Energie und Arbeitsleistung dieses Mannes, der, wie ein amerikanischer Redner ausführte, so viel (vor allem deutschsprachige) Dichtung in seinem eigenen Werk zitiere oder darauf anspiele wie kein zweiter. Das führte dann automatisch zu der Frage, wie viel dieser Mensch denn überhaupt habe lesen können.

Eine Germanistin aus Lüttich stand auf und sagte, sie habe einmal einen Selbstversuch gemacht, ob man ans Kempowski-Pensum herankomme, und sich eines Nachts Marie Luise Kaschnitz vorgeknöpft, dabei allerdings irgendwann gegen 1.15 Uhr eingeschlafen. Andere meinten, Kempowski habe, ganz wie ein Professor, auch andere für sich lesen lassen. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit er auch noch vor dem Fernseher verbracht hat - sein „Bloomsday“-Tagebuch von 1997, in dem ein ganzer, zappend durch siebenunddreißig Programme absolvierter Fernsehtag des 16. Juni vermerkt ist, kam ausführlich zur Sprache -, dann muss man sagen, dass Kempowski seine Tage, die ja auch nur vierundzwanzig Stunden hatten, einfach zu nutzen wusste und, wie es einmal im Tagebuch heißt, „wie angestochen durchs Leben“ ging und am liebsten alles gleichzeitig gemacht hätte, pinkeln, Zähneputzen, Haare kämmen, nur, um dann noch mehr Zeit zu haben.

Latente Lächerlichkeit

Er selbst war sich der latenten Lächerlichkeit seines Zeitgeizes übrigens bewusst und hat seinem Hang zur Bummelei, der diesem Carpe-diem-Bedürfnis gleichzeitig innewohnte, selbstironisch Ausdruck gegeben mit der Figur des Alexander Sowtschick in den „Hundstagen“, der sich einerseits als natürlich noch absolut verkannter, irgendwann aber, wenn es für ihn selbst allerdings schon zu spät ist, in seiner wahren Größe erkannter Dichterfürst sieht, der dann die gewaltigsten biographischen Anstrengungen herausfordern wird; der aber andererseits auch gerne einfach und nicht wenig herumgammelt: „Jeden Abend saß der Dichter vor dem Fernseher“ - ein solcher Satz, denkt Sowtschick dann, würde sich nicht gut machen in einer dermaleinst über ihn zu schreibenden Biographie.

Beim Durchblättern der späten Romane überkommt einen gelegentlich Mitleid: Mitleid mit den Verlagen, die Kempowski nicht im Programm haben (also praktisch allen) und den Leuten, die diese Bücher noch nicht kennen. Sie müssten überall zugänglich sein, aber das kann und darf man sich auch wieder nicht wünschen, die Autorenrechte werden ja erst in achtundsechzigeinhalb Jahren frei, so lange würde ich nicht warten wollen.

Eine Geschichte wie bei „Psycho“

Sehr interessant war auch, was Carla Damiano, die in der Stadt Ypsilanti lehrt (die nichts mit der hessischen Harakiri-Tante von der SPD zu tun hat, sondern in Michigan liegt), und die eine von drei (Kempowski meinte: nur zwei) Kempowski-Dissertationen zu Lebzeiten des Autors (davon keine im deutschen Sprachraum) geschrieben hat - interessant war, was Carla Damiano, die Kempowski 1988, also zu „Hundstage“-Zeiten, kennengelernt hat, zum Hörspiel „Moin Vaddr läbt“ (1979), das seinerzeit mit dem Kriegsblinden- und damit mit dem höchsten Hörspielpreis ausgezeichnet wurde, beisteuerte. Kempowski verarbeite hier den Tod seines Vaters, der quasi in letzter Minute im April 1945 fiel, in so märchen- wie rätselhaften Gedankenspielen, die in einer Geheimsprache aus Deutsch, Plattdeutsch, Jiddisch und einigem anderen vorgetragen würden. Der Vater kehre nicht zurück aus dem Krieg, aber irgendwie doch, der Sohn sperrt ihn in einen Keller ein, als schäme er sich für seinen Vater - eine merkwürdige Geschichte, die fast an Hitchcocks Film „Psycho“ erinnert, wo Norman Bates seine skelettierte Mutter ebenfalls unter Verschluss hält und den Kempowski garantiert kannte.

Das Thema spielt auch in dem 1992er-Roman „Mark und Bein“ eine Rolle, wo der Held Jonathan Fabrizius die Stelle an der Kurischen Nehrung aufsucht, an der sein Vater mutmaßlich in die Luft gesprengt wurde, und etwas Sand mitnimmt. Der Vater kriegt das mit und sagt zu den anderen Toten, das war mein Sohn, der nach mir gesucht hat. Aber Kempowski wäre nicht Kempowski, wenn er nicht auch dieses Thema biblisch verbrämt hätte: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

Bei seinem Namen gerufen wurde der wirkliche Walter Kempowski auch. Die Rostocker Tagung wird hoffentlich nicht so schnell vergessen werden. Ihr Leiter Lutz Hagestedt, der den Lyriker Kempowski, von dem unlängst der Gedichtband „Langmut“ veröffentlicht wurde, klug mit Gottfried Benn kurzschloss, sagte am guten Schluss auf seine lakonische Art: „Ich glaube, das kann man mal wieder machen.“

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Universität Rostock

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