Ich und Kempowski III

Vom Auspeitschen der Hühner

Von Edo Reents

Ausschnitt des Tagungs-Flyers

Ausschnitt des Tagungs-Flyers

02. Mai 2009 Aus Anlass von Kempowskis achtzigstem Geburtstag richtet Rostock die erste internationale Kempowski-Tagung aus. Edo Reents berichtet von der Ostsee - über Vorträge und Spuren des Schriftstellers in seinem Geburtsort, alles unter der Leitfrage: Was hätte Kempowski dazu gesagt?

* * *

Und ich dachte, als ich hierherfuhr, mein Kempowski-Bild wäre gefestigt! Wie kann man nur so dumm und überheblich sein! Gar nichts war gefestigt, es ist alles in Bewegung, und zwar dank der Referenten. Zwölf waren es heute, am Tag der Arbeit, und schon das hätte Kempowski gefallen: dass man sich an einem freien Tag, um den es sich ja eigentlich handelte, und bei Biergartenwatter, das obendrein herrschte, wieder zurückzog in das pink angemalte, aber ansonsten hochseriöse Rathaus und tagte, tagte, tagte, nur über ihn.

Ein Vortrag war besser als der andere. Selbst die mittags angebotene Stadtführung konnte der Veranstaltung nicht nennenswert Publikum entziehen. Hing das etwa damit zusammen, dass Kempowski selber einmal den obligatorischen Thomas-Mann-Vergleich zog und behauptete, im Gegensatz zu den Lübeckern hätten die Rostocker einen netten Schriftsteller? Was ich vor der Tagung gesagt habe (man könne sich ja denken, wie das wird), nehme ich natürlich zurück.

Die deutsche Servicewüste

Die Stadt jedenfalls hat sich mehr als gemacht, kein Vergleich zu dem Zustand, der den Heimgekehrten Anfang 1990 noch so irritierte („Herrgott, wie sieht die Stadt aus!“), und das Kempowski-Ufer, dessen Einweihung, wie ich mehrmals hörte, wirklich über die Maßen schön gewesen sein soll, wird dem Erscheinungsbild auch nicht schaden. Nun, wo Kempowski nicht mehr unter uns ist, darf man´s vielleicht sagen: Man sollte überhaupt heiter und unverbiestert in die Welt blicken und sich an dem freuen, was man hat. Mir kommt dabei der Abend mit Professor Keele in den Sinn: Wir waren auf Kneipensuche, hatten schon einen Italiener angesteuert, wo man uns auf unsere Frage, ob es noch etwas zu essen gebe, erst sagte: nein, dann: ja und dann doch wieder: nein. Ich wollte schon den Beleidigten spielen, aber Professor Keele sagte nur ganz freundlich: „Aber das macht doch nichts, dann suchen wir eben ein anderes Lokal! Es ist ja auch schon spät.“ Es war, ich habe auf die Uhr gesehen, genau 21.50 Uhr. Aber wieso sollte ein Amerikaner auch reflexhaft über die deutsche Servicewüste herfallen?

Ich erwähnte, dass jemand von einer „neunstelligen Summe“ gesprochen hatte, die bei Kempowskis Wechsel zu Bertelsmann/Knaus in den siebziger Jahren geflossen war. Dieser jemand sprach mich gestern abend, während jemand über Kempowskis Humor referierte, an: Er habe sich versprochen und natürlich „sechsstellig“ gemeint. Aber das stimme und sei allgemein bekannt, man könne das sogar googeln. Der Vortrag selbst war auch sehr erfreulich und wurde auch sehr witzig eingeleitet: Das letzte Mal, als er in Rostock einen Vortrag gehalten habe, sagte der Referent, der Tom Kindt hieß, sei das auch um acht Uhr gewesen, allerdings um acht Uhr morgens; es habe sich um eine Reihe gehandelt, die der Veranstalter und Organisator dieser jetzigen Tagung gemacht habe, Lutz Hagestedt, und das Thema sei passenderweise gewesen: „frühe Moderne“.

Ausgezeichnete Eier

Hildegard Kempowski war gestern auch wieder dabei, sie kam immer mit ihrem Hund in den Saal, der ganz lieb war und sich absolut nicht rührte. Vielleicht wirkt das gute Verhältnis, der Walter Kempowski generell zu Tieren hatte, da noch nach.

Der Humor-Referent zitierte eine lustige Stelle aus dem Tagebuch „Alkor“, in dem das Jahr 1989 abgehandelt wird: Leute hätten ihn, Kempowski gefragt, ob die Hühner, die hier zu sehen seien, etwa die ganze Zeit im Käfig sein müssten und so. Nein, sagte Kempowski, man peitsche sie jeden morgen aus, damit sie munter würden. Wer je bei den Kempowskis übernachtet hat und morgens ein Frühstücksei serviert bekam, weiß, dass diese Eier, deren Gelb besonders gelb ist („Das ist reines Gelb“, würde Gottfried Benn sagen), ganz ausgezeichnet schmecken.

An einer anderen Stelle vermerkt Kempowski, dass der Rezensent Kramberg in der „Süddeutschen Zeitung“ seine „Hundstage“ verrissen habe: Er halte, schrieb der Rezensent, Kempowski nun schon seit neunzehn Jahren die Stange, aber jetzt sei Kempowski offenbar der „Treibstoff ausgegangen“. Und Kempowski: „Treibstoff? Wie meint er das? Gluck gluck oder wie?“ Man ist jedenfalls fassungslos, wenn man wieder vor Augen geführt bekommt, wie Kempowskis Romane nach der Deutschen Chronik, seit den „Hundstagen“ eben, die übrigens Alan Keele ins Englische übersetzt hat, behandelt wurden - wie isses nun bloß möglich!

In einer dreiviertel Stunde geht´s weiter, sieben Vorträge noch, dann ist Schluss. Ein Argument gegen das Reisen: „Rassenhass und Nationalismus entstanden erst, als die Menschen zu reisen begannen.“ (Kempowski im Tagebuch unter dem 13. Juni 1991) Ob das stimmt? Die Aversion gegen das Reisen ist nicht Kempowskis unsympathischster Zug. Aber wenn er mit seiner Theorie recht hat, dann hätte man sich gar nicht auf den Weg hierher machen dürfen. Und das wäre ein Fehler gewesen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Universität Rostock

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