07. Oktober 2008

Pharmabranche:
Sprungbrett Außendienst

Carlos Quevedo



16. Februar 2005 
Der Beruf des Pharmareferenten genießt unter Hochschulabsolventen kein gutes Image: ständig unterwegs, unfreundliche Empfänge, hoher Leistungsdruck. Stimmt dieses Vorurteil? Carlos Quevedo, seit acht Jahren in der Pharmabranche zunächst als Pharmaberater, danach im Recruitingbereich tätig, beantwortet Fragen zum beruflichen Alltag eines Pharmaberaters und gibt Auskunft über Aufstiegsmöglichkeiten nach der Außendiensttätigkeit.

? Ist es für Ärzte nicht lästig, oft von Pharmaberatern besucht zu werden, oder schätzen Ärzte die Beratung?
! Das kommt auf den Arzt an. Die allermeisten Ärzte freuen sich über die Gespräche mit den Pharmaberatern - und die wenigen, die keinen Nutzen in einem Gespräch mit einem Pharmaberater sehen, empfangen Sie nicht. Sie sind ja nicht dazu gezwungen.

? Ich bin Pharmareferent mit bereits 49 Jahren. Habe ich da noch Chancen?
! Das Alter ist kein Kriterium. Ihre Chancen hängen mit Ihren bisherigen Berufserfahrungen und den einzelnen Stufen Ihres Lebenslaufes insgesamt ab. Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen, die nach dem 50. Lebensjahr ihren Weg zu uns gefunden haben.

? Ich werde im April anfangen und bin etwas unsicher wegen der Konditionen meines Vertrags. Sind acht Ärzte pro Tag nicht etwas viel?
! Nein, das ist nicht zu viel. Es dauert sicherlich ein paar Wochen, bis Sie diesen Schnitt erreichen, aber dann sollte das gut klappen. Ich selbst habe in meiner Pharmaberaterzeit einen Schnitt von neun gehabt und gut erreicht. Das ist meistens ja nicht auf jeden Tag bezogen, sondern auf rund 40 Ärzte in der Woche, da kann man auch zwischen den Tagen was ausgleichen.

? Ist es sehr schwierig, alle Arzttermine wahrzunehmen, bei dem Verkehrschaos heutzutage?
! Sie legen sich die Termine ja selbst, d.h. daß Sie ein gutes Organisationsvermögen brauchen. Aber die Tourenplanung ist keine hohe Wissenschaft, daß klappt meistens ganz gut. Gerade in Großstädten, wo es mehr Staus gibt, liegen die Ärzte dafür dichter beieinander, so daß Sie weniger weit fahren müssen.

? Welche Bedingungen muß ich als frischgebackene Dipl.-Ing. (FH) mitbringen, um bei Ihnen anfangen zu können?
! Wie schon gesagt, Sie müssten die Fortbildung zum geprüften Pharmareferenten machen, für die es auch Zulassungsbedingen gibt. Die sind relativ komplex. Schauen Sie mal die Startvoraussetzungen auf unserer Homepage an.

? Vorausgesetzt, man arbeitet ein paar Jahre erfolgreich als promovierter Chemiker im Außendienst, welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es danach in einem größeren Pharmaunternehmen?
! Generell ist der Start als Pharmaberater die Eintrittskarte für eine spätere weiterführende Aufgabe. Generell gibt es da zum einen den klassischen Weg, als nächstes „Regionalleiter" zu werden. Dies ist die Führungskraft für ein Team von meistens ca. 15 Pharmaberatern. Danach kommt der Schritt zum Außendienst-Leiter. Oder man geht in angrenzende Bereiche: Marketing (z.B. Produktmanagement), Training, Recruitment usw. Bei uns im Hause Innovex gibt es zudem die Möglichkeit, eine Karriere in der klinischen Forschung bei unserem Schwesterunternemen Quintiles zu beginnen. Vorbereitet werden unsere Nachwuchsführungskräfte in unserem Curriculum-Programm, das aus Seminaren, Lektüre und einem Mentoring durch einen Senior-Manager besteht.

? Worin bestehen die Unterschiede zwischen einer Ausbildung bei Innovex und einer Ausbildung bei, z. B. MKM?
! Unterschiede zwischen den Unternehmen gibt es auf allen Ebenen, sei es bei den materiellen Leistungen, oder bei Fragen der Unternehmenskultur. Da die Fortbildung zum geprüften Pharmareferenten mit einer IHK-Prüfung abschließt, können Sie jedoch davon ausgehen, dass Sie bei allen Firmen ein solides Wissen erwerben.

? Ist es schwer, nach über 10 Jahren im Außendienst, wieder in den Innendienst F&E zurückzukehren?
! Nach meinen Erfahrungen ist dies für den Bereich auf jeden Fall möglich. Denn im Außendienst entwickeln Sie andere Kompetenzen und erwerben anderes Wissen, als das, das man in F&E braucht. Außendienst ist Marketing, Management und Kommunikation.

? Ich bin promovierter Veterinärmediziner und bewerbe mich zurzeit als Neueinsteiger für den Pharmaaußendienst. Berufserfahrungen im Vertrieb sind nicht vorhanden, Sieht man von studienbegleitenden Nebentätigkeiten im Promotionsbereich und Verkauf im Einzelhandel ab. Welche Art Engagement würden Sie als Dienstleistungsunternehmen, das seine Pool-Kandidaten gut vermitteln möchte, von mir wünschen, um diese „Lücke“ perfekt aufzufüllen?
! Ich würde mehr als eine zusätzliche Lebenslaufstation erwarten. Was Sie schreiben klingt für einen Lebenslauf ausreichend. Erwarten würde ich, dass Sie sich mit dem Beruf auseinandergesetzt haben, wissen was auf Sie zukommt, und mir nachvollziehbar, authentisch, auf Ihren individuellen persönlichen Lebensweg bezogen, darstellen können, weshalb Sie diesen Weg gehen möchten.

? Ich habe mir schon einmal überlegt, als Pharmareferentin anzufangen Das Bewerbungsgespräch war jedoch sehr arrogant und erniedrigend, dass ich dann doch keine Lust mehr darauf hatte. Wie kann ich mich ohne jede Erfahrung im Referentenbereich auf solch ein Gespräch vorbereiten?
! Auch wenn ein unangenehmes Bewerbungsgespräch immerhin noch den Nutzen hat, zu wissen, dass man nicht zu dieser Firma gehen möchte, ist es schade, dass Sie eine negative Erfahrung gemacht haben. Das wichtigste ist Selbstbewusstsein. Wenn Sie Sie selbst sind, und es dann paßt - prima! Wenn nicht, gut daß Sie es schon im Interview erkannt haben, und nicht erst später. Schließlich muss sich Ihr zukünftiger Arbeitgeber auch bei Ihnen „verkaufen“!

? Wie lange bleibt man durchschnittlich im Außendienst?
! Als Faustformel für jemanden, der Karriere machen will, würde ich drei Jahre sagen. Wer aber seine Liebe für den Außendienst entdeckt, kann auch ein Berufsleben lang dort bleiben und sich innerhalb des Berufs weiterentwickeln, z.B. zum Klinik- oder Fachreferenten, oder auch zum Key Accounter.

? Welche Vorteile bietet ein Dienstleistungsunternehmen wie Innovex gegenüber der Direktanstellung bei einem Pharmaunternehmen?
! Zum Einen, sich alle Optionen offenzuhalten und sich über verschiedene Projekte einen guten Überblick und umfassende Kenntnisse über verschiedene Marktstrategien und -segmente, Indikationsgebiete usw. anzueignen. Zum anderen, sich vergleichsweise schnell weiterentwickeln zu können. Außerdem: Eine besonders hohe Arbeitsplatzsicherheit, weil man ja projektunabhängig eingestellt ist und man das Projekt wechselt, wenn z.B. eine Zulassung nicht kommt. Direkt bei einem Hersteller könnte da die Kündigung drohen. Wie weit diese Argumente gelten, hängt vom Dienstleister ab.

? Worauf ist in der Anfangsphase als Pharmaberater zu achten? Man möchte ja alles so schnell wie möglich erlernen, jedoch niemandem aus dem Team auf die Nerven gehen. Wo liegt die größte Hürde aus Ihrer Sicht als Insider?
! Ich glaube, das Wichtigste ist, offen und aufnahmefähig zu sein. Rückblickend habe ich, als ich aus der Uni kam, noch einige „Dünkel“ gehabt und es hat etwas gedauert, bis ich in der „echten Welt“ angekommen bin.

? Wie schaffe ich es, auch bei Ihrem Haus, ein Vorstellungsgespräch zu bekommen und evtl. auch eine Einstellung?
! Erster Schritt: Bewerben - online oder telefonisch. Zweiter Schritt: Ein erstes telefonisches Interview, in dem wir Sie zumindest ein wenig kennen lernen können. Wenn alles passt, also auch z.B. der Wohnort, gibt es danach ein persönliches Gespräch. Und danach kommt, wenn wir eine zu ihrem individuellen Profil passende Stelle haben, entweder gleich der Arbeitsvertrag, oder es gibt noch ein Gespräch mit dem Projektverantwortlichen auf Auftraggeberseite. So läuft es bei Innovex.

? Wie lange ist die Produkt- bzw. Verkaufsschulung, um nachher als Berater zu arbeiten. Wird man zusammen mit einem Profi bei den Ärzten vorbereitet?
! Die Länge der Produktschulungen hängt von den Präparaten ab. Die Spanne reicht von wenigen Tagen bis zu drei Monaten. Häufig sind es drei bis vier Wochen. Die Schulung umfasst auch die konkrete Gesprächsvorbereitung, so dass die Einweisung vor Ort durch einen Profi meistens nicht ganz so wichtig ist - im Gegenteil: Nach den Wochen intensiver Schulung wollen die meisten gleich loslegen. Dennoch gibt es das recht häufig, daß man am Anfang zumindest ein oder zwei Tage mit einem erfahrenen Kollegen verbringt.

? Ist es für Innovex leichter, ausgebildete Pharmareferenten mit nur wenig naturwissenschaftlichem Background zu vermitteln, als Mediziner, die bereits praktisch und wissenschaftlich gearbeitet haben, dennoch jung und hochmotiviert sind?
! Grundsätzlich hängt die Eignung von den „Soft Skills“ ab und von der Identifikation mit der Tätigkeit. Genauso, wie Menschen ohne intensive naturwissenschaftliche Vorbildung beweisen müssen, dass Sie genügend Kompetenz ausstrahlen, muß z.B. ein Mediziner überzeugen, daß er nicht nur als Notlösung Pharmaberater werden will, und dass er es ebenso wie z.B. eine gute PTA versteht, mit Menschen umzugehen. Insofern sind die Herausforderungen verschieden, ich würde Sie aber nicht als leichter oder schwerer bezeichnen.

Text: Der Expertenchat mit Prof. Dr. Gottschlich fand am 4. Juni 2003 statt.