07. Oktober 2008

Traumberuf Richter

Oliver Berg



27. August 2003 
Jule:
Guten Tag, Herr Berg, warum sind Sie Richter geworden?

Oliver Berg:
Tja, dies ist nicht wirklich kurz zu beantworten, aber ich versuche es:
Mir hat die Rolle des Streitschlichters schon als Jugendlicher gefallen. Während des Referendariats hat mich die Richterrolle besonders fasziniert.

Markus:
Wie bereitet man sich in der Referendarzeit am besten auf eine spätere Bewerbung für den Richterberuf vor?

Oliver Berg:
Hallo, Markus, die beste Vorbereitung ist, auf das zweite Staatsexamen hinzuarbeiten, d.h. richtig dafür zu lernen.

Benny:
Welche Richter sind besonders gefragt:
Straf- oder Zivilrichter?

Oliver Berg:
Beide. Es gibt insoweit keine Stufigkeit; beide Rechtsgebiete sind gleich wichtig. Die Strafrichter stehen etwas stärker im Blickpunkt der Öffentlichkeit, da die Fälle oft spektakulärer sind. Von der absoluten Zahl her wird es deutlich mehr Zivilrichter geben.

Benny:
Können Sie mir einen Einblick in den Alltag eines Richters verschaffen?

Oliver Berg:
Hallo, Benny, der Alltag eines Richters sieht sehr unterschiedlich aus, je nachdem welches Rechtsgebiet er betreut bzw. an welchem Gericht er tätig ist. Mein Alltag besteht zu 70% aus Aktenstudium, d.h. Vorbereiten von Verhandlungen, Urteile schreiben etc., und zu 30% aus der eigentlichen Verhandlung.

Jule:
Welche Voraussetzungen muß man nach Ihrer Einschätzung persönlich mitbringen?

Oliver Berg:
Wesentliche persönliche Voraussetzungen sind meines Erachtens eine hohe Entscheidungsfreudigkeit, Konfliktbereitschaft, soziale Kompetenz und die Fähigkeit, mit den hinter den Fällen stehenden Menschen zu kommunizieren. Gerade die Fähigkeit, auf Menschen einzugehen, ist ein sehr wichtiges Kriterium für diesen Beruf.

zdks:
Wie viele Assessoren werden ungefähr pro Jahr eingestellt?

Oliver Berg:
Da die Einstellung der Richter in der Regel Ländersache ist, unterscheiden sich die Einstellungszahlen je nach Finanzkraft und Bedarf der einzelnen Länder zur Zeit erheblich. Zur Zeit ist die Haushaltssituation sehr angespannt, weshalb manche Bundesländer sogar Einstellungsstops haben. In Rheinland-Pfalz werden voraussichtlich zwischen fünf und zehn Neueinstellungen für das Jahr 2003 erfolgen.

Jule:
Wie erfolgt die eigentliche Zuteilung zu den Gerichten und den Rechtsgebieten?

Oliver Berg:
Hallo, Jule, als Richter auf Probe, d.h. als Berufseinsteiger, hat man sich in der Regel zunächst für eine bestimmte Gerichtsbarkeit entschieden, die überwiegende Zahl für die sogenannte ordentliche Gerichtsbarkeit. Solange man Assessor ist, wird man dort eingesetzt, wo Bedarf besteht. In der Regel kann einem somit jedes Rechtsgebiet "blühen" und auch der Einsatz an Amts- oder Landgericht. Als Richter auf Lebenszeit ist man von dem Gericht, an dem man ernannt wurde, nicht mehr ohne eigenen Wunsch versetzbar.

ninja:
Wie wichtig sind z.B. Praktika oder Auslandsverwendungen? Diese sind ja in anderen Studiengebieten sehr wichtig.

Oliver Berg:
In der freien Wirtschaft oder im Anwaltsbereich wird auf diese Zusatzqualifikationen sicher zu Recht Wert gelegt, in der Justiz spielen sie hingegen eher eine untergeordnete Rolle. Für die Einstellung als Richter ist in allen Bundesländern die Note des zweiten Staatsexamens das wesentliche Kriterium.

Vanessa:
Ist es möglich, nach einer längerjährigen Tätigkeit als Richter in andere Berufsfelder zu wechseln, z.B. zur EU?

Oliver Berg:
Hallo, Vanessa, grundsätzlich ja. Gerade als Richter gibt es vielfältige Möglichkeiten, sich zu anderen Behörden, z. B auch der EU etc., abordnen zu lassen. Allerdings sind solche Möglichkeiten auch von der jeweiligen finanziellen und der Konkurrenzsituation abhängig.

Markus:
Welche Note im zweiten Staatsexamen muß der Bewerber in etwa aufweisen, um eine Einstellungschance zu haben?

Oliver Berg:
Hallo, Markus, zur Zeit muß man davon ausgehen, daß man nur dann überhaupt eine Chance hat, wenn man mindestens ein Prädikat, d.h. neun Punkte, mitbringt.

Seneca:
Wie sehen Ihre Arbeitszeiten aus? Haben Sie einen Acht-Stunden-Tag?

Oliver Berg:
Hallo, Seneca, da Richter aufgrund ihrer Unabhängigkeit keine vorgegebenen Arbeitszeiten haben, läßt sich das so nicht leicht beantworten. Sehr häufig liegt die tägliche Arbeitszeit auch darüber.

Kasi:
Hat man Vorteile bei der Einstellung, wenn man promoviert ist?

Oliver Berg:
Hallo, Kasi, wie schon vorhin erwähnt, spielen Zusatzqualifikationen bei der Frage der Einstellung meist keine bedeutende Rolle. Daher wird eine Promotion die fehlende Punktzahl des zweiten Staatsexamens nicht ersetzen können.

Meister:
Welche Zusatzqualifikationen könnte man sich während des Studiums aneignen, um sich in weniger überlaufenen "Nischen" zu betätigen? Wie kommt man in eine EU-Behörde, gibt es eine Chance am Europäischen Gerichtshof?

Oliver Berg:
Hallo, Meister, die EU führt ein- oder zweimal pro Jahr einen sogenannten "Concours" durch, d.h. es werden aus einer Vielzahl von Bewerbern, in der Regel mehrere Tausend europaweit, über ein mündliches und schriftliches Auswahlverfahren geeignete Bewerber gesucht. Dieses Verfahren ist mehrstufig aufgebaut, und auf jeder Stufe wird kräftig ausgesiebt. Die Berufungen an den Europäischen Gerichtshof laufen über die jeweiligen Regierungen. Hierfür kommen aber sicher nur wenige hochqualifizierte und langjährige Richter und/oder Profs in Frage.

Müller:
Werden an werdende Staatsanwälte ähnlich hohe Anforderungen gestellt?

Oliver Berg:
Hallo, Müller, in den meisten Bundesländern sind die Anforderungsprofile für Richter und Staatsanwälte gleich.

ninja:
Wie beurteilen Sie die Personalentwicklung? Glauben Sie, daß mittelfristig wieder mehr Richter eingestellt werden können, oder sollte man sich, wenn man zur Zeit noch in den frühen Semestern ist, mehr dem Anwaltsbereich zuwenden?

Oliver Berg:
Hallo, ninja, es wäre sehr schön, wenn sich die Personalsituation in den nächsten Jahren wieder verbessern würde. Realistisch ist aber eher, daß die Situation auf dem jetzigen Niveau verharrt. Hinzu kommt, daß die Justiz in den einzelnen Bundesländern nicht wirklich eine gute Lobby hat, z.B. ganz im Gegensatz zur Bildung, siehe die Tausenden von neugeschaffenen Lehrerstellen.

Jule:
Hat sich Richter nun in der Berufspraxis als Traumberuf erwiesen?

Oliver Berg:
Hallo, Jule. Ja, absolut. Mir macht mein Beruf (fast) täglich Spaß. Gerade eine strafrechtliche Hauptverhandlung stellt zum einen hohe Anforderungen an Moderationsfähigkeit und Konfliktmanagement, bietet aber auch immer wieder spannende und auch überraschende Entwicklungen.

Moderator hochschulanzeiger:
Liebe Chatter, wir bedanken uns fürs Mitmachen und wünschen Ihnen viel Erfolg.

Oliver Berg:
Danke für die Fragen und an die Regie.

Moderator hochschulanzeiger:
Herzlichen Dank an unseren Experten!

Text: Der Expertenchat mit Oliver Berg fand am 03. April 2003 statt.