07. Oktober 2008

Fit für den Journalismus?

Prof. Dr. Maximilian Gottschlich



27. August 2003 
Moderator Hochschulanzeiger:
Herzlich willkommen zum heutigen Experten-Chat mit Prof. Dr. Gottschlich.

Frage Nr. 1 von Nicki:
Ich habe von Online-Journalismus als Studienfach erfahren. Was genau ist der Unterschied zum allgemeinen Journalismus?

Prof. Dr. Gottschlich:
1. Online-Journalismus setzt im Prinzip all diejenigen Fähigkeiten voraus, die auch im "herkömmlichen" Journalismus notwendig sind. Dazu kommt die besondere Fähigkeit der Vernetzung von Text, Bild und Ton. Die Chancen am Arbeitsmarkt für Online-Journalisten werden in der Regel überschätzt. Vielfach sind Online-Journalisten nur Content-Lieferanten zur Steigerung der Attraktivität eines entsprechenden Werbeumfeldes.

Frage Nr. 2 von Oliver:
Guten Tag, Herr Gottschlich! Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund der derzeitigen Arbeitsmarktlage die Investition in eine journalistische Ausbildung?

Prof. Dr. Gottschlich:
2. Die besondere Situation des journalistischen Arbeitsmarktes macht gerade eine fundierte Ausbildung notwendig.

Prof. Dr. Gottschlich:
2. Qualität schafft sich ihren eigenen Markt. Dies gilt heute mehr denn je.

Frage Nr. 5 von Monisha:
Welche Qualifikationen sind im Journalismus heute unerläßlich; worauf wird bei einer Bewerbung besonders Wert gelegt?

Prof. Dr. Gottschlich:
2. Gute Ausbildung ist also ein Vorteil in der umkämpften Kommunikationsbranche.

Frage Nr. 6 von medienjournalismus:
Hallo?

Frage Nr. 4 von Oliver:
Ich mache nächstes Jahr Abitur. Was empfehlen Sie dann zu tun? Ist es z.B. besser, Politik zu studieren als Journalismus?

Prof. Dr. Gottschlich:
5. Neben der sprachlichen Begabung und der unerläßlichen Neugier ist eine Spezialisierung in einem der Krisenthemen unserer Zeit (Ökonomie, Ökologie, Außenpolitik usw.) von Vorteil.

Frage Nr. 9 von vas:
Hallo, Herr Professor, ich bin mit dem Journalistik-Studium an der Uni Leipzig fertig. Trotzdem finde ich keine Stelle bei einer Zeitung. Haben Sie einen besonderen Tip?

Prof. Dr. Gottschlich:
4. Erstens, das zu studieren, wofür ausgeprägtes Interesse vorhanden ist. Zweitens, ein postgraduales Journalismus-Studium zusätzlich zu absolvieren.

Prof. Dr. Gottschlich:
9. Das tut mir leid! Mit eigenen Arbeiten von Redaktion zu Redaktion pilgern und persönlich vorsprechen. Schriftliche Bewerbungen haben kaum eine Chance. Was noch funktioniert: eigene Geschichten produzieren und bestimmten Redaktionen anbieten.

Frage Nr. 15 von awerner:
Wie stehen die Chancen, nach einem PR-Volontariat im Journalismus Fuß zu fassen und umgekehrt?

Prof. Dr. Gottschlich:
15. Nicht schlecht, aber Umdenken ist notwendig. PR ist interessensgesteuerte Kommunikation, Journalismus muß sich von sämtlichen Abhängigkeiten möglichst freihalten.

Frage Nr. 18 von Elena:
Was halten Sie für besser - ein Studium an einer Uni oder an einer Fachhochschule?

Prof. Dr. Gottschlich:
18. Das kommt auf das eigene Selbstverständnis an. Will man vier Jahre nutzen, um möglichst breites Wissen zu sammeln und eine entsprechende Reflexionskultur zu entwickeln, dann empfiehlt sich ein Uni-Studium. Möchte man berufspraktisches Wissen sammeln, dann ist die Fachhochschule besser. Für eine journalistische Laufbahn halte ich persönlich ein Uni-Studium für besser, weil es die kritische Kompetenz fördert - eine Fähigkeit, die im Journalismus unerläßlich ist. Fachhochschulen haben die Gefahr der Verschulung.

Frage Nr. 47 von Matziander:
Frage: Ist der Gang nach dem Volo ins Ausland sinnvoll oder nicht?

Prof. Dr. Gottschlich:
47. Natürlich. Jeder Auslandsaufenthalt bringt neue Erfahrungen und Perspektiven und schafft nach der Rückkehr einen Startvorteil gegenüber der Konkurrenz. Darüber hinaus besteht durchaus die Möglichkeit, als Korrespondent einzusteigen.

Frage Nr. 36 von Monisha:
Welche Nischen sehen Sie im Zeitungs-/Zeitschriftenbereich, bei denen man noch gute Chancen hat unterzukommen?

Frage Nr. 12 von journaliste:
Guten Tag, Herr Prof. Gottschlich. Was ist der "unique selling point" der Europäischen Journalismus Akademie und in welcher Weise profitieren Ihre Studenten davon?

Prof. Dr. Gottschlich:
12. Die Vernetzung von Theorie und Praxis, die multimediale Ausbildung und die thematische Unterweisung in den Krisenthemen unserer Zeit - wie Ökonomie, Ökologie, europäische Politik usw.

Prof. Dr. Gottschlich:
Für Monisha: Nischen sind in jedem Fall Gesundheit/Medizin, Wissenschaftskommunikation und alle Fragen, die mit der Bewältigung des Lebens zusammenhängen. Aber Vorsicht: man sollte umgekehrt vorgehen. Nischen bringen nur dann etwas, wenn man für sich selbst entschieden hat, in welche thematische Richtung man selbst gehen möchte und dort Expertenwissen angesammelt hat. Sonst ist das Ganze wenig überzeugend. Schließlich kann man auch eigene Nischen schaffen, wo vorher keine waren.

Prof. Dr. Gottschlich:
12. Nähere Informationen unter: www.eja.at

Frage Nr. 62 von Oliver:
Was ist die Europäische Journalismus Akademie?

Prof. Dr. Gottschlich:
62. Ein dreisemestriges postgraduales Masterprogramm zur Ausbildung in Print-, Radio-, TV- und Online-Journalismus mit den thematischen Schwerpunkten Ökologie, Ökonomie, europäische Kultur- und Geistesgeschichte. Das Programm bestreiten mehr als 70 internationale Experten aus Medien und Wissenschaft. Studierende kommen aus ganz Europa. Gerade jetzt kommt eine Anmeldung aus Peru...

Frage Nr. 20 von journaliste:
Wie läuft das Auswahl-Hearing an der Europäischen Journalismus Akademie ab? Worauf kommt es Ihnen besonders an?

Prof. Dr. Gottschlich:
12. Die Studenten profitieren von der Multimedialität des Unterrichts, d.h. sie sind später mobiler als ihre Kollegen, und sie weisen eine größere thematische Breite ihres Wissens aus.

Prof. Dr. Gottschlich:
20. Voraussetzung für die Bewerbung ist ein absolviertes Studium (welcher Art auch immer) oder zumindest ein abgeschlossener erster Studienabschnitt oder alternativ eine gleichwertige Eignung aufgrund beruflicher Erfahrung in der Kommunikationsbranche. Das Hearing besteht aus einem schriftlichen Wissenstest (60 Fragen zum aktuellen Weltgeschehen) und einem mündlichen Gespräch mit einer Hearing-Kommission. Das Gespräch dient vor allem der Klärung der Motivation für das Studium bzw. den damit verbundenen beruflichen Erwartungen.

Frage Nr. 66 von alexa:
Ist es ein Nachteil, sich in der Ausbildung weitgehend auf Printmedien zu konzentrieren, oder sollte man gleichen Wert auf Fernsehjournalismus etc. legen?

Prof. Dr. Gottschlich:
66. Schwer zu sagen. Da gibt es zwei Schulen. Die eine, die sagt, das journalistische Herz kann nur für ein Medium schlagen, z.B. für Print, weil die Liebe zum Wort nicht austauschbar ist. Die andere Meinung ist, daß im audiovisuellen Zeitalter journalistisches Handeln zumindest bimedial möglich sein sollte. Wenn Sie sich dem Wort verpflichtet fühlen, dann konzentrieren Sie sich ganz auf den Printjournalismus. Haben Sie hingegen berufliches Interesse am Fernsehen, dann ist die Fähigkeit zur bildlichen Gestaltung von journalistischen Themen von Vorteil.

Frage Nr. 68 von alexa:
Wie kann man fit für den Journalismus werden?

Prof. Dr. Gottschlich:
68. Ausgeprägtes Interesse an Medienangeboten (viele Zeitungen lesen, in- und ausländische Fernsehprogramme laufend verfolgen), auf zumindest einem Gebiet wirklich kompetent sein und ein gewisses Maß an Extrovertiertheit. D.h. Freude daran, das eigene Wissen anderen, möglichst vielen weitergeben zu wollen. Journalisten hören nie auf weiterzulernen. Und dann braucht man noch tragfähige Rezepte, um den täglichen beruflichen Streß zu bewältigen.

Frage Nr. 19 von matthfranz:
Gibt es Journalismus-Aufbaustudiengänge, die Sie besonders empfehlen können?

Prof. Dr. Gottschlich:
19. Abgesehen von der EJA gibt es eine Vielzahl postgradualer Angebote zur Journalistenausbildung in ganz Europa. Worauf zu achten wäre, ist die Multimedialität des Angebotes, d.h. es sollte neben den journalistischen Grundlagen in allen Mediengattungen auch thematisches Sachwissen und Reflexionswissen angeboten werden. Das freilich ist nicht überall der Fall und hängt auch von der Größe der Studentengruppe ab. In Massenveranstaltungen läßt sich in keinem der drei genannten Bereiche vernünftig agieren.

Frage Nr. 58 von Gori:
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit einer Beschäftigung als Korrespondent? Vielleicht nach einem entsprechenden Studium (Politik-, Europastudien etc.)?

Prof. Dr. Gottschlich:
58. Medien sparen derzeit bei ihren Korrespondenten. Dies kann sich freilich in einigen Jahren wieder wandeln, speziell dann, wenn bestimmte Regionen (wie derzeit Nahost) in den Blickpunkt des Interesses rücken. Mit der EU-Erweiterung könnten sich hier auch künftig neue Perspektiven ergeben. In diesem Zusammenhang: Sprach-, Kultur- und Landeskenntnis ist hier von großer Wichtigkeit. Das Studium ist für die Korrespondententätigkeit eher sekundär. Der Idealfall wäre, vor Ort in einem bestimmten, für Medien interessanten Zielgebiet zu leben und zunächst auf freiberuflicher Basis Geschichten anzubieten. In den Journalismus steigt man nicht als Korrespondent ein, sondern das kann sich nach mehrjähriger beruflicher Tätigkeit ergeben.

Frage Nr. 99 von minime:
Was bezeichnen Sie als "Reflexionswissen"?

Prof. Dr. Gottschlich:
62. Das Studium schließt mit dem Titel MAS (Master of Advanced Studies in Journalism and Mass Media) ab. Der Titel ist weltweit anerkannt und wird vom Österreichischen Wissenschaftsministerium vergeben.

Prof. Dr. Gottschlich:
99. Reflexionswissen beinhaltet primär die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen journalistischen Handeln, also der Art und Weise, wie Journalismus Welt und Wirklichkeit interpretiert. Es geht dabei nicht um die Anwendung bestimmten Wissens oder bestimmter Techniken, sondern die Frage richtet sich auch darauf, ob die damit angestrebten Ziele auch erreicht werden. Ein solches grundlegendes Ziel ist etwa der Beitrag der Medien zur existentiellen Orientierung der Menschen.

Frage Nr. 105 von medienjournalismus:
Ich betreibe mit anderen Jung-Journalisten ein Medienjournalismus-Portal im Internet, aber es ist sehr schwierig für uns, Artikel oder gar Hörfunkbeiträge unterzubringen. Anscheinend haben viele CvD und Chefredakteure "Angst" vor einem engagierten Medienjournalismus. Herr Prof. Gottschlich, wie sehen Sie das?

Prof. Dr. Gottschlich:
99. Journalismus ist eben nicht nur Nachrichtengeschäft, sondern eine hochkomplexe kulturelle Leistung.

Frage Nr. 106 von alexa:
Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Prof. Gottschlich!

Prof. Dr. Gottschlich:
105. Ihre Zeit wird noch kommen, die Idee ist gut, aber man muß für gutes Marketing sorgen, dann wird Ihr Angebot genutzt werden, zumal ein wachsender Bedarf an Inhalten besteht.

Prof. Dr. Gottschlich:
Herzlichen Dank dem Moderator und allen Teilnehmern und Grüße aus Wien!

Text: Der Expertenchat mit Prof. Dr. Gottschlich fand am 4. Juni 2003 statt.