11. August 2008 Seit Jahren hatte es den Anschein gehabt, dass China die Unabhängigkeitsbestrebungen und extremistischen Gruppen in seiner Autonomen uigurischen Region Xinjiang unter Kontrolle hatte. Mit umfassenden Sicherheitsmaßnahmen und strikter Kontrolle der Uiguren und anderer muslimischer Minderheiten, ihrer Moscheen und Koranschulen hatte Peking Ruhe in seiner Nordwestprovinz erzwungen. Doch nun haben sich Terroristen mit wohlgeplanten Anschlägen in Kaschgar und Kuqa zurückgemeldet. Von einzelnen Attentätern kann nicht mehr die Rede sein. Die Provinz Xinjiang könnte vor einer neuen Welle extremistischer Gewaltakte stehen.
Die Anschlagserie vom Sonntag in Kuqa (chinesisch: Kuche) ist die größte, die die Volksrepublik China je erlebt hat. Zwölf Anschläge an verschiedenen Orten der Stadt hatte es am Sonntag gegeben, und es seien 15 Personen an ihnen beteiligt gewesen, schrieb die Nachrichtenagentur Xinhua am Montag. Es seien aber auch einige Bomben gefunden worden, die nicht explodierten. Genaue Zahlen wurden dazu nicht genannt. Ziel der Anschläge waren Supermärkte, Hotels und Regierungsgebäude, darunter auch eine Polizeistation.
Sprengsätze aus Rohren und Benzinkanistern
Acht Terroristen sind nach offizieller Darstellung von der Polizei erschossen worden, zwei hätten sich in Selbstmordanschlägen in die Luft gesprengt. Ein Wachmann wurde getötet, zwei Polizisten und zwei Passanten wurden verletzt. Die Sprengsätze der Terroristen waren aus Rohren, Benzinkanistern und Flüssiggasbehältern hergestellt. Zwei Terroristen wurden festgenommen, und drei sind noch flüchtig. Offiziell unbestätigt blieb die Meldung eines chinesischen Internet-Portals, nach der die meisten Attentäter Frauen gewesen seien. Ein Polizeisprecher in Kuqa sagte, es seien zwei Frauen unter den Attentätern gewesen, eine von ihnen sei getötet worden.
Auch der Ort des Attentates überrascht. Bis jetzt hatten die chinesischen Sicherheitskräfte immer angenommen, dass vor allem die Oasen-Städte am südlichen Rand der Taklamakan-Wüste die Stützpunkte der extremistischer Gruppen seien. In den neunziger Jahren, als islamistische Kräfte erstmals über die neuen zentralasiatischen Staaten in China Einfluss gewannen, hatte es dort die meisten Anschläge gegeben. Die Menschen im Süden sind arm und folgen noch ganz dem traditionellen Lebensstil, der von der Religion bestimmt wird. Dort wird die Herrschaft der Chinesen besonders stark als Fremdherrschaft empfunden.
Eine moderne Stadt
Kuqa dagegen ist eine moderne Stadt chinesischer Prägung, am nördlichen Rand der Taklamakan-Wüste gelegen, und ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. In der 400.000 Einwohner-Stadt gibt es dank der naheliegenden Ölfelder petrochemische Industrie und Öl-Raffinerien, sie gilt als relativ wohlhabend. In offiziellen chinesischen Darstellung wird Kuqa als Muster der wirtschaftlichen Entwicklung in Xinjiang gepriesen. Die chinesischen Statthalter in Xinjiang reden seit Jahren davon, dass die Lage in Xinjiang stabil sei, man aber den Kampf gegen die drei Übel, Extremismus, Separatismus und Fundamentalismus weiterführen müsse.
46 Prozent der Bevölkerung Xinjiangs von acht Millionen Menschen sind muslimische Uiguren. Menschenrechtsorganisationen warnten, dass China die terroristische Bedrohung überzeichne, um eine Unterdrückung von Autonomie-Bestrebungen zu rechtfertigen. Als die chinesischen Sicherheitsbehörden zu Beginn dieses Jahres bekanntgaben, dass sie in Xinjiang eine Gruppe ausgehoben hätten, die Anschläge auf die Olympischen Spiele in Peking plante, wurde diese Nachricht auch noch mit Skepsis aufgenommen, da keine genauen Angaben gemacht wurden. Dann gab es im März einen vereitelten Anschlag auf ein Flugzeug. Wieder sagte Peking, dass Uiguren geplant hätten, das Flugzeug in die Luft zu sprengen. Auch hier waren zwei der drei gefassten Attentäter Frauen.
Größte Bedrohung der Spiele
Von da an stand für die Pekinger Sicherheitsplaner die Bedrohung durch die Ost-Turkestan-Aktivisten als größte Bedrohung der Olympischen Spiele fest. Dass es jetzt Anschläge kurz vor und während der Olympischen Spiele gegeben hat, zeigt, dass ihre Urheber vorhaben, der chinesischen Regierung ihre Prestigeveranstaltung zu verderben. Während Peking mit dem größten Sicherheitsaufwand in der Geschichte der Volksrepublik geschützt wird, explodieren Bomben und Granaten im entfernten Nordwesten des Landes und stören das Bild des Friedens und der Solidarität der Volksgruppen, das China besonders nach den Unruhen in Tibet vermitteln will.
Chinesische Beobachter in Peking glauben, dass die Terroristen eigentlich in Peking zuschlagen wollten, dann aber wegen der extrem dichten Sicherheitsvorkehrungen ihre Aktionen auf Xinjiang beschränkten. Zudem sind derzeit die besten Sicherheitskräfte Chinas zum Schutz der Hauptstadt und der Spiele abkommandiert, dies könnte zur Folge haben, dass andernorts die Wachsamkeit nachlässt. Zu der Anschlagserie von Kuqa hat sich noch niemand bekannt. Die chinesische Regierung beschuldigte uigurische Terroristen, erwähnte aber diesmal keine bestimmte Organisation. Nach dem Anschlag in Kaschgar hatte sie bekanntgegeben, dass die Festgenommen gestandenen hätten, zur Islamischen Bewegung Ost-Turkestan zu gehören, die auf der internationalen Liste der Terror-Organisationen steht.
Sprecher der Exil-Uiguren wie der in München ansässige Uigurische Weltkongress in München und die im amerikanischen Exil lebende Aktivistin Rebiya Kadeer lehnen Gewalt als Mittel ab und fordern dazu auf, die chinesischen Darstellungen zu hinterfragen. Manche Beobachter glauben, dass die Terroristen aus Xinjiang im angrenzenden Pakistan ausgebildet werden. Dies entspricht auch der chinesischen Darstellung. Auch China hat bisher, zuletzt nach einer Razzia auf ein Ausbildungslager von Terroristen im Januar 2007, gesagt, dass die uigurischen Terroristen Kontakte zu Al Qaida und den Taliban hätten und einige außerhalb Chinas ausgebildet worden seien.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP