Von Petra Kolonko, Peking
20. Juni 2008 Die Volksrepublik China mag eine der größten Wirtschafts- und Militärmächte in Asien sein, doch ihr Einfluss in der Region hinkt noch weit hinter dem der Vereinigten Staaten und Japans zurück. Die Länder Ostasiens, Vietnam und Indonesien sehen China zwar als die unbestrittene zukünftige Vormacht, doch fehlt es dem Land noch an soft power“, an Vertrauen und Überzeugungskraft. Dieser Befund stammt aus einer neuen Studie amerikanischer und südkoreanischer Wissenschaftler.
Die chinesische Führung ist bei ihren Erkundungen der Befindlichkeiten ihrer Nachbarstaaten offenbar zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Denn seit einigen Monaten zeigt sie sich ihren Nachbarn von ihrer besten, der weichen“ Seite. Peking hat eine Entspannung mit Taiwan eingeleitet, nimmt wieder Verhandlungen mit dem geschmähten Inselstaat auf und will sogar Verbindungsbüros auf dem Gebiet des jeweils anderen zulassen. Statt über Wiedervereinigung“ und militärische Optionen will Peking nun über Flugverbindungen sprechen.
Selbst Nordkorea profitiert von Chinas Werben
Als vor wenigen Tagen der Parteichef von Vietnam zu Besuch kam, wurde eine strategische Partnerschaft“ mit dem einstigen Kriegsgegner vereinbart, ein Ausbau der Beziehungen und die Einrichtung einer ständigen Telefonverbindung zwischen den Regierungen beschlossen. Auch das ist nicht selbstverständlich, waren doch die Beziehungen zu Vietnam lange belastet und sind zwischen China und Vietnam noch Territorialfragen zu beantworten. Auch die Demarkation der Landesgrenze soll nun endlich abgeschlossen werden.
Der neue südkoreanische Präsident Lee Myung-bak wurde bei seinem ersten Besuch in Peking mit viel Aufmerksamkeit bedacht. Die Beziehungen zu Südkorea wurden bei dessen Besuch im Mai zu einer strategischen kooperativen Partnerschaft“ aufgewertet. Selbst Nordkorea profitiert von Chinas Werben. Gerade hat Vize-Präsident Xi Jinping bei einem Besuch dort neue Investitionen Chinas versprochen.
Und nun der Durchbruch mit Japan. Einen Monat nach dem Besuch von Chinas Präsident Hu Jintao in Japan haben sich China und Japan auf einen Kompromiss bei der Erschließung der Gasfelder im südchinesischen Meer geeinigt. Jahrelang hatte es zwischen beiden Staaten über diese Gasfelder teilweise heftige Auseinandersetzungen gegeben. Noch vor vier Jahren ging der Streit so weit, dass beide Seiten Marineschiffe in die Region schickten. China und Japan vertreten die Auffassung, dass die Gasfelder jeweils in ihrem Hoheitsgebiet liegen. Nun sollen japanische Unternehmen in chinesischen Erschließungsgebieten investieren dürfen, die Gewinne sollen sich beide Seiten teilen. Die Klärung des Hoheitsanspruchs wurde erst einmal auf die Seite geschoben.
Das Erdbeben hat die Aufmerksamkeit umgelenkt
Großen Symbolwert hat auch die Tatsache, dass erstmals nach der japanischen Besetzung Chinas im Zweiten Weltkrieg wieder ein japanisches Kriegsschiff einen chinesischen Hafen anlaufen darf. Der Zerstörer Sazanami wird die chinesische Provinz Guangdong besuchen.
Chinas Bemühungen um seine Nachbarn, besonders aber die Entspannung im Verhältnis zu Taiwan und dem Erbfeind“ Japan zeigt neue Prioritäten in der chinesischen Außenpolitik. China will in der Region nicht mehr als starker Herausforderer auftreten, sondern zeigt sich verhandlungs- und kompromissbereit. Zwar gibt die Pekinger Führung ihre ureigenen Positionen gegenüber Japan und Taiwan nicht auf, doch stellt sie keine Maximalforderungen mehr. China will nicht mit militärischer Stärke, sondern mit Wirtschaftsmacht und Ausgleichbereitschaft beeindrucken.
Peking hat mit diesem Vorgehen auch die Olympischen Spiele im Auge. Vor den Spielen braucht Peking ein positives internationales Umfeld und will geneigte, hohe Besucher begrüßen, denn der chinesischen Führung liegt alles daran, dass die Olympischen Spiele ein Erfolg werden. Die Ereignisse in Tibet haben diesen Erfolg in Frage gestellt. Die Kritik vor allem aus Europa und den Vereinigten Staaten an Pekings Tibet-Politik hätte zu einer schweren Belastung der Spiele geführt, hätte nicht das Erdbeben den Schwerpunkt der Aufmerksamkeit verschoben. Das gab Peking Anlass, sich umso mehr um das Wohlwollen der asiatischen Nachbarn zu bemühen.
Letztlich geht aber das neue Werben um das Wohlwollen der Nachbarn über das Olympiajahr hinaus und ordnet sich in die Schaffung einer harmonischen Welt“ ein, die Parteichef Hu Jintao zur Devise der Außenpolitik erhoben hat. Frieden und gemeinsamer Wohlstand ist deren Ziel – und ganz nebenbei ein wachsender Einfluss Chinas, dank weicher Macht“.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS