Erdbeben in Sichuan

Überlebenschancen für Verschüttete schwinden

15. Mai 2008 China lässt Rettungshelfer aus Russland, Südkorea und Singapur in das Erdbebengebiet einreisen. Die Regierung in Peking habe Hilfsangebote dieser Länder angenommen, zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua spät am Donnerstag den Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang. Die Nähe dieser Länder könne schnelle Hilfe ermöglichen. Wann die Rettungsteams eintreffen sollen, war zunächst unklar.

Kurz zuvor meldete Xinhua die Ankunft eines japanischen Rettungsteams in Chengdu, der Hauptstadt der am stärksten Region Sichuan. Es handelt sich um das erste ausländische Rettungsteam im Erdbebengebiet. Zuvor hatte die Regierung argumentiert, die Bedingungen vor Ort seien „noch nicht reif“ für die Entsendung von Expertenteams aus dem Ausland. Offiziellen Angaben zufolge wurden vermutlich mehr als 50.000 Menschen bei dem Beben getötet.

Damit bestätigten sich drei Tage nach dem verheerendsten Beben in China seit drei Jahrzehnten die schlimmsten Befürchtungen. Bisher war offiziell von knapp 20.000 Tote die Rede gewesen. Für die Verschütteten schwinden mit jeder weiteren Stunde die Überlebenschancen - wenngleich immer noch Menschen lebend aus dem Schutt geborgen werden können. Zudem ist eine neue Bedrohung entstanden: Zahlreiche Staudämme wurden beschädigt. Sollten sie brechen, könnten weite Landstriche überflutet werden. Dies wird von der Regierung in Peking als „ernste Gefahr“ angesehen.

So drohen zum Beispiel nördlich von Wenchuan, dem Epi-Zentrum des Bebens, offenbar Gefahren durch die Staudämme am Min-Fluss. Wie stark sind sie vom Erdbeben beschädigt worden? Sind sie sicher? Oder werden sie zur weiteren Bedrohung für die Überlebenden des Bebens, bei dem nach neuen offiziellen Zahlen mindestens 20.000 Menschen ums Leben kamen? „Dammbrüche können zu massenhaft Opfern führen, wenn die Inspektionen und die Rettungsarbeiten nicht rechtzeitig erfolgen“, warnte der Vizeminister für Wasserressourcen in der Zeitung „China Daily“.

„Bislang unbekannte, erhebliche Schäden“

Das Wasser-Ressourcenministerium schickte Inspektionsteams zu den Dämmen. Minister Chen Lei, sagte am Donnerstag in Peking, viele der Wasserreservoirs in der Provinz wiesen „bislang unbekannte, erhebliche Schäden“ durch das Erdbeben auf. Bekannt wurde, dass der Kuzhu-Damm Risse hat und Wasser durchbricht. Am weiter flussabwärts gelegenen Zijinpu-Damm wurde schon Wasser abgelassen, um den Druck auf die Staumauer zu vermindern. Fraglich ist, wie stark die anderen Dämme in Mitleidenschaft gezogen wurden. Droht den Erdbebengebieten neun reale Gefahr von den vielen Wasserkraftwerken in den Bergen? Zumindest gibt es offenbar Handlungsbedarf, um eine solche Gefahr abzumildern. Die Regierung in Peking schickte angeblich 2000 Soldaten, um die Dämme zu befestigen.

Es gibt kaum eine Region in China, die eine solche Dichte von Staudämme, Elektrizitätswerken und Stauseen aufweist wie die Bergregion von Sichuan, in der jetzt die Erde so heftig bebte. Viele der Flüsse wie der Min sind in ihren engen Tälern mehrfach gestaut. Weitere Dämme auch an den kleineren Flüssen sind noch im Bau. China braucht für seinen Wirtschaftsboom immer mehr Strom und Chinas Stromerzeuger-Konzerne machen große Gewinne und haben mächtige Fürsprecher in der Regierung.

So wird zum Beispiel der Energie-Konzern Huaneng von einem Sohn der früheren Ministerpräsidenten Li Peng geleitet. In den letzten zwei Jahren hat ein wahres Baufieber für Staudämme eingesetzt, berichtete erst kürzlich die chinesische Wochenzeitung „Nanfang Zhoumo“. Der Grund: Im nächsten Jahr soll eine neue Bestimmung in Kraft treten, nach der vor jedem Dammbau eine Umweltverträglichkeitsstudie erstellt und genehmigt werden muss. Chinas Wasserkraftbauer wollen diese neue Bestimmung umgehen, indem sie jetzt noch möglichst viele Wasserkraftwerke bauen.

Gefahr durch blockierten Jianjiang-Fluss

Chinesische Geologen haben schon lange gewarnt, auf einem Erdbebengürtel so viele Staudämme und Wasserkraftwerke zu bauen, sei gefährlich. Doch ihre Warnungen wurden in den Wind geschlagen. Der Geologe Zhang Yong sagte in einem Zeitungsbericht, dass es nach seinen Erhebungen schon im Jahr 2005 nicht weniger als 6000 Stauseen in der Provinz Sichuan gegeben habe, davon seien 800 in einem gefährlichen Zustand. Er beklagte, dass die meisten Staudämme kein Warnsystem für Erdbeben hätten, dass sie in die Lage versetzten würde, vorsorglich Wasser aus den Stausseen abzuleiten.

Die Experten warnen auch vor kleineren Stauseen, die nach Erdrutschen, die durch ein schweres Beben ausgelöst werden können, auf natürliche Weise entstehen können. Die darin eingeschlossenen Wassermassen können mit der Zeit ohne weiteres durch die Geröllmassen brechen. So ist es oberhalb der Stadt Beichuan, wo Tausende Verschüttete noch unter Trümmern liegen. Dort wird Berichten zufolge der Jianjiang-Fluss blockiert. Das Wasser staue sich an einer Barriere aus Geröll und Felsen zu einem See, so dass eine Flutwelle befürchtet wird. „Wenn die Blockade im Fluss bricht, wird eine Flutwelle die Stadt überschwemmen“, warnte ein Experte in chinesischen Medien. „Die Verschütteten werden alle umkommen.“

„Ich lebe. Ich bin so glücklich!“

Gerettet werden konnten dagegen einige Menschen, die tagelang ohne etwas getrunken oder gegessen zu haben unter den Trümmern ausgeharrt hatten. Eine 22 Jahre alte Frau wurde nach mehr als drei Tagen in Dujingyan geborgen. „Ich lebe. Ich bin so glücklich“, sagte sie im staatlichen Fernsehen.

Die Arbeiten in der Unglücksregion konzentrierten sich inzwischen aber mehr und mehr auf die Bergung der Leichen. Soldaten hoben Massengräber zur Bestattung der vielen Toten aus. Die Trümmer eingestürzter Häuser wurden nur noch mit Kränen und Baggern weggeräumt. Rettungsmannschaften gelang es, mehrere wichtige Straßen in das Katastrophengebiet zu räumen, so dass nun auch schweres Gerät in die Region gelangen kann. Auch die Stromversorgung ist laut Nachrichtenagentur Xinhua in den meisten Teilen Sichuans wieder hergestellt. Mindestens drei Städte nördlich der Provinzhauptstadt Chengdu sind aber immer noch von der Außenwelt abgeschnitten.



Text: kol./F.A.Z.; FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS