Allensbach-Analyse

Der Tanz mit dem Tiger

Von Dr. Thomas Petersen

28. März 2008 Deutschland blickt mit Faszination und Unbehagen auf den Aufstieg der bevölkerungsstärksten Nation der Erde. Gegen die China-Begeisterung in der deutschen Wirtschaft, so spottete einst Johannes Gross in der F.A.Z., lasse sich mit Fakten nichts ausrichten. Immerhin sei die Volkswirtschaft des Landes beinahe so groß wie die Spaniens.

Seitdem ist gerade ein Jahrzehnt vergangen. Inzwischen schickt sich die chinesische Volkswirtschaft an, die deutsche - in absoluten Zahlen - zu überholen. Nicht mehr allein die Wirtschaft schaut gebannt auf den Aufstieg der Weltmacht, sondern auch weite Teile der Bevölkerung sind davon überzeugt, dass China in Zukunft zu den wichtigsten Partnern Deutschlands in der Welt gehören wird. Das zeigen die Ergebnisse der jüngsten Repräsentativumfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für die F.A.Z. Von Begeisterung ist in der Bevölkerung allerdings nichts zu spüren. Die Gefühle erweisen sich als eine Mischung aus Faszination und Unbehagen.

Das Bild hat sich dramatisch geändert

Die Deutschen wenden sich dem Partner nicht aus Sympathie zu, sondern aus einem Gefühl der Notwendigkeit heraus. Auf die Frage: „Was vermuten Sie: Welches Land, welche Region wird in etwa 20, 30 Jahren die führende Wirtschaftsmacht sein: die Vereinigten Staaten, die Europäische Union, China oder Indien?“ antworten heute 55 Prozent - 11 Prozentpunkte mehr als vor zwei Jahren -, China werde dann die führende Wirtschaftsmacht sein. Erst mit großem Abstand, genannt von 14 Prozent, folgt die Europäische Union. Dass die Vereinigten Staaten bis dahin ihre wirtschaftliche Führung verteidigen werden, glauben nur 9 Prozent; 8 Prozent entscheiden sich für Indien.

Dass die Bevölkerung die Entwicklung in Ostasien mit wachsender Aufmerksamkeit verfolgt, hat auch mit der seit einiger Zeit zu beobachtenden außenpolitischen Orientierungslosigkeit zu tun. Das früher unerschütterliche Vertrauen der Deutschen in die Vereinigten Staaten ist seit dem Irak-Krieg erheblich gestört. Die Frage „Welches Land der Welt betrachten Sie als besten Freund Deutschlands?“ wurde jahrzehntelang stets eindeutig beantwortet: Rund die Hälfte der Bürger meinte, die Vereinigten Staaten seien der beste Freund Deutschlands; an zweiter Stelle folgte, genannt von höchstens 20 Prozent, Frankreich.

Seither hat sich das Bild dramatisch geändert. 2003 sank der Anteil derer, die die Vereinigten Staaten als besten Freund Deutschlands ansahen, auf 11 Prozent, heute liegt er mit 16 Prozent nur wenig darüber. George W. Bush ist der bei den Deutschen mit Abstand unbeliebteste amerikanische Präsident seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Lediglich 5 Prozent sagen heute, sie hätten von Bush eine gute Meinung, 73 Prozent äußern sich negativ. Da ist es nur folgerichtig, dass die Antworten auf die Frage „Glauben Sie, Deutschland kann sich auf Amerika verlassen, wenn es darauf ankommt, oder glauben Sie das nicht?“ sehr zurückhaltend ausfallen. 39 Prozent sagen, man könne sich auf die Vereinigten Staaten verlassen, 32 Prozent widersprechen ausdrücklich.

Eingebettet in einen Kreis verlässlicher Freunde

Enttäuscht vom wichtigsten Bündnispartner, wandten sich die Deutschen nach Beginn des Irak-Krieges zunächst Frankreich zu, doch inzwischen ist die Halbherzigkeit der Umorientierung deutlich geworden. Zwar glauben heute immerhin 48 Prozent der Deutschen, man könne sich auf Frankreich verlassen; vor fünf Jahren vertraten noch 62 Prozent diese Meinung. Gerade einmal 20 Prozent sind der Ansicht, Frankreich sei der beste Freund Deutschlands, Staatspräsident Nicolas Sarkozy stößt bei der deutschen Bevölkerung auf Skepsis. 85 Prozent haben den Namen des französischen Präsidenten schon einmal gehört, von diesen sagen 9 Prozent, sie hätten eine gute, und 47 Prozent, sie hätten keine gute Meinung von ihm.

Offenbar hat sich bei der Bevölkerung der Eindruck, Deutschland sei eingebettet in einen festen Kreis verlässlicher Freunde, zum Teil verflüchtigt. Der Blick auf die Außenbeziehungen Deutschlands ist in den letzten Jahren nüchterner, desillusionierter geworden. Wer fragt, mit welchen Ländern Deutschland besonders eng zusammenarbeiten sollte, erhält heute insgesamt deutlich weniger Antworten als noch am Anfang des Jahrzehnts, und die Rangfolge der Länder, mit denen eine Zusammenarbeit gesucht wird, scheint weniger von weltanschaulichen als von pragmatischen Überlegungen bestimmt zu sein.

An erster und zweiter Stelle stehen zwar, genannt jeweils von rund zwei Dritteln der Befragten, Frankreich und die Vereinigten Staaten, doch schon an dritter Stelle steht Russland (46 Prozent). China liegt, genannt von 38 Prozent, praktisch gleichauf mit Großbritannien, Österreich und der Schweiz und deutlich vor Polen, Japan und Italien.

60 Prozent halten China für „berechnend“

Aus Sicht der Deutschen sprechen wirtschafts- und sicherheitspolitische Überlegungen für eine Zusammenarbeit mit China. 69 Prozent meinen, es sei wichtig, mit China zu kooperieren, weil es gut sei, dass Deutschland viele Partner in der Welt hat; 64 Prozent verweisen auf den Absatzmarkt, den China biete. 49 Prozent denken, dass eine enge Zusammenarbeit das Risiko von Spannungen zwischen China und Deutschland verringert. Dass Deutschland die Einhaltung der Menschenrechte in China befördern oder zur Demokratisierung des Landes beitragen könne, glaubt dagegen nur eine Minderheit.

Überhaupt gibt sich die Bevölkerung keinen Illusionen über das chinesische Regime hin. Gerade einmal 9 Prozent der Befragten meinen, Deutschland könne sich im Zweifelsfall auf China verlassen. Dass Russland ein verlässlicher Partner sei, meinen dagegen immerhin noch 16 Prozent. Bei einem Assoziationstest, bei dem die Befragten gebeten wurden, China verschiedene Begriffe zuzuordnen, sagten 3 Prozent, beim Stichwort China könne man an Freiheit denken, 3 Prozent dachten an Demokratie. Dagegen meinten 60 Prozent, der Begriff „berechnend“ passe zu China. Nebenbei sei erwähnt, dass eine deutliche Mehrheit von 57 Prozent die Behauptung für glaubwürdig hält, dass die chinesische Regierung Sportler beim Doping unterstütze.

Kein Verständnis für Steinmeiers Position

Wie wenig Sympathie die Deutschen für das Machtstreben des chinesischen Regimes haben, zeigt sich bei einer Frage zum Besuch des Dalai Lama im Kanzleramt im September vergangenen Jahres. Sie lautete: „Vor einiger Zeit hat Bundeskanzlerin Merkel ja trotz heftiger Proteste aus China den Dalai Lama empfangen. War es aus Ihrer Sicht richtig von Angela Merkel, den Dalai Lama zu empfangen, oder hätte sie nicht das Risiko eingehen dürfen, die deutsch-chinesischen Beziehungen zu belasten?“ 73 Prozent antworteten im Januar auf diese Frage, es sei richtig gewesen, den Dalai Lama zu empfangen, nur 12 Prozent widersprachen.

Noch eindeutiger fielen die Antworten auf eine Frage aus, bei der zwei Argumente gegeneinandergestellt wurden. Der Aussage „Aus meiner Sicht war es falsch, dass Angela Merkel den Dalai Lama empfangen hat. China ist ein wichtiger Handelspartner für Deutschland; daher sollte man die Beziehungen zu China nicht leichtfertig auf Spiel setzen“, stimmten 11 Prozent zu. 78 Prozent (und 80 Prozent der SPD-Anhänger) unterstützten dagegen die Aussage: „Meiner Meinung nach war es richtig, den Dalai Lama zu empfangen. Die chinesische Regierung kann der deutschen Bundeskanzlerin nicht vorschreiben, mit wem sie sich trifft.“ Für die von Außenminister Steinmeier in dieser Sache vertretene Position haben die Deutschen kein Verständnis.

Das prägendste Element: der Eindruck der Gefahr

So sind die Bürger hin und her gerissen zwischen demokratischen Prinzipien und dem Gefühl, sich mit einem ungeliebten, aber zunehmend wichtigen Partner arrangieren zu müssen. Sie zeigen sich gespalten bei der Frage „Sollte Deutschland mit China wirtschaftlich eng zusammenarbeiten, auch wenn dort die Menschenrechte nicht beachtet werden, oder sollte Deutschland seine wirtschaftlichen Beziehungen zu China davon abhängig machen, dass China Fortschritte bei den Menschenrechten macht?“ 42 Prozent entscheiden sich unter dieser Bedingung für eine normale Zusammenarbeit, ebenfalls 42 Prozent sprechen sich dafür aus, die Wirtschaftsbeziehungen von Fortschritten bei den Menschenrechten abhängig zu machen.

Das vielleicht prägendste Element des China-Bildes der Deutschen ist der Eindruck der Gefahr. Auf die Frage, ob das rasche Wirtschaftswachstum in China eher eine Chance für Deutschland biete, weil deutsche Unternehmen gute Geschäfte in China machen könnten, oder eher eine Gefahr darstelle, weil viele deutsche Unternehmen mit den billigen Löhnen in China nicht mithalten könnten, antworten 49 Prozent, sie sähen im Aufstieg Chinas eher eine Gefahr für Deutschland. Nur für 29 Prozent stehen die Chancen im Vordergrund. Auch bei dem Assoziationstest ordnen 65 Prozent China den Begriff „Gefahr“ zu.

Fast ebenso viele Befragte, 63 Prozent, geben allerdings zu Protokoll, dass China für sie faszinierend sei, und 50 Prozent sagen, sie würden gerne einmal nach China reisen. Nach Russland zieht es dagegen nur 46 Prozent, nach Indien 37 Prozent. Hier werden die gemischten Gefühle der Bevölkerung besonders deutlich: Wider Willen schaut sie dem Tiger ins Auge - und kann den Blick nicht abwenden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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