Von Albert Schäffer, Nürnberg
19. Juli 2008 Es ist schade, dass die deutschen Parteien allerlei Personal - von Pressesprechern über Fachleute für Intrigen bis zu Redenschreibern - beschäftigen, aber keinen philosopher in residence. Er hätte am Freitag den geplagten Delegierten des CSU-Parteitags in Nürnberg Orientierung geben können bei der mühsamen Suche nach einer Antwort auf die ewige Gretchenfrage der CSU: Wie halten wir es mit der Schwesterpartei CDU? Orientierung hätte etwa ein kleiner Exkurs zu Schopenhauers Beobachtungen geben können, wie sich Stachelschweine an einem kalten Wintertag bemühen, das richtige Verhältnis aus Nähe und Distanz zu finden - sprich Schmerzen durch des Nachbarn Stacheln zu vermeiden, ohne seiner Wärme verlustig zu gehen.
An verwirrenden Navigationsbefehlen hatte es vor dem Parteitag nicht gefehlt, schließlich gehört es zu den Lebensgesetzen der CSU, begrenzte Konflikte mit der CDU zu suchen - zumal, wenn eine Landtagswahl bevorsteht. Aber wie das rechte Maß finden an einem Tag, an dem die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende erwartet wurde? Nur die Pendlerpauschale erwähnen oder auch solche Beschwernisse wie den Gesundheitsfonds? Dem CSU-Vorsitzenden Huber gelang es in Nürnberg auf seine Weise - grimmiger Gesichtsausdruck, beschwichtigender Sprachgestus -, das Nähe-Distanz-Verhältnis zur Schwesterpartei dramaturgisch zu beleben.
Bei der Pendlerpauschale wählte Huber den bequemsten Weg
Er transferierte wie schon in den vergangenen Wochen das berühmte Wort seines einstigen Lehrherren Franz Josef Strauß, dass die CSU zwar die Kaviar-Etage nicht verachten müsse, heimisch aber in den Leberkäs-Etagen sei, in die Jetztzeit - und ersetzte die Leberkäs-Etagen durch die Tankstellen der Republik, an denen die Wähler Ausschau halten nach dem Manna der Pendlerpauschale. Äußerst vorsichtig fuhr Huber am Freitag die Stacheln gegenüber der Schwesterpartei aus. Feinschmecker von Zwischentönen durften sich an seiner Formulierung erfreuen, die CSU habe den Gesundheitsfonds nicht erfunden.
Die politische Erfinderin des Fonds war da allerdings noch gar nicht in der Nürnberger Messehalle eingetroffen. Bei der Pendlerpauschale wählte Huber gleich den bequemsten Weg, die Nähe zur CDU ohne größere Verletzungsgefahr herzustellen - und geißelte lieber den sozialdemokratischen Bundesfinanzminister Steinbrück. Die Unternehmen habe Steinbrück steuerlich um fünf Milliarden Euro entlastet, aber bei den Arbeitnehmern zögere er. Fahrten zum Arbeitsplatz seien aber keine Vergnügungsfahrten zum Golfplatz, gab sich Huber klassenkämpferisch - und Beckstein, der liebe Günther, wie der Parteivorsitzende ihn titulierte, übte sich in der Kunst des solidarischen Applauses.
Vor dem Parteitag hatte die CSU-Spitze noch in erprobter Manier mit verteilten Rollen agiert und die Wahrheitsfindung für den gewöhnlichen Delegierten nicht gerade erleichtert. Ministerpräsident Beckstein gab den bad guy, der Parteivorsitzende Huber den good guy: Während Beckstein mit Blick auf die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Merkel Unterwerfungsphantasien beschwor, welche die CSU keinesfalls erfüllen werde, schlug Huber freundlichere Töne an. Und wie immer wurde dieses Rollenbuch für die Akteure in der zweiten und dritten Reihe erweitert; Innenminister Herrmann sann darüber nach, warum die Kanzlerin sich bei ihrer Haltung zur Pendlerpauschale so verbeiße, der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion Schmid sorgte sich um die Auswahl der Berater, die Frau Merkel zur Seite stünden.
Frontmann der Generation der fortysomething
Es war eine zweigeteilte Kaskade gewesen, die sich über die Kanzlerin ergossen hatte, bevor sie am Freitag bayerischen Boden betrat. Es fehlte nicht an eiskalten Erfrischungen; die Union leide darunter, dass der Eindruck entstanden sei, der CDU sei die finanzielle Entlastung der Bürger nicht so wichtig, ließ der bayerische Europaminister Söder wissen, der Frontmann der Generation der fortysomething, die sich auf die Zeit nach Beckstein und Huber vorbereitet. Doch auf solche frostigen Ermahnungen folgten sogleich entspannende Wärmeströme: Beckstein, der sich den Wählern nicht nur als Kanzlerinnenärgerer einprägen wollte, hielt seine Erleichterung nicht verborgen, dass die Union eine Kanzlerin habe, die bessere Umfragewerte als der Vorsitzende einer anderen Volkspartei habe - wobei er selbstverständlich nicht seinen Tandempartner Huber meinte.
Im Unterschied zu anderen Parteien finden sich auf CSU-Parteitagen nicht nur Delegierte ein, die sich seit ihrem vierzehnten Lebensjahr dem Karriereziel Politiker verschrieben haben - sondern auch Mitglieder, die schnurstracks aus ihren mittelständischen Betrieben oder ihren Kanzleien an die Parteifront eilen. Diese könnten vielleicht die Anstrengungen der CSU-Führung missverstehen, sich als der erfolgreichere Geschwisterteil der Union in einer dialektisch so anspruchsvollen Weise zu präsentieren, dass der Wähler nicht ganz vergisst, dass der politische Gegner SPD, Grüne, FDP, Linkspartei, aber nicht CDU heißt.
Deshalb mangelte es am Freitag nicht an fürsorglichen Bemühungen, in immer neuen Tonlagen zu intonieren, wie sehr sich die CSU auf die traditionelle Rede Merkels freue. Um ganz sicherzugehen, wurde die Kanzlerin unmittelbar vor ihrer Rede als die beliebteste Politikerin Deutschlands und die einflussreichste Politikerin Europas angekündigt. Das Schauspiel des Jahres 2001, als Frau Merkel am selben Ort auf CSU-Delegierte traf, die sich demonstrativ in die Zeitungslektüre vertieften, als sie ans Rednerpult trat, sollte sich nicht wiederholen.
Minutenlanger Applaus schon bei Merkels Einzug
Jenes Schauspiel wiederholte sich auch deshalb nicht, weil selbst Delegierte, die keinen Zusatz MdB oder MdL oder MdEP hinter ihrem Namen führten, am Freitag wussten, was angesichts der Phalanx aus Kameras, Mikrophonen und gezückten Journalistenstiften von ihnen erwartet wurde; deshalb applaudierten sie schon beim Einzug Frau Merkels minutenlang. Wem der letzte Beweis, dass 2008 nicht 2001 ist, fehlte, dem genügte ein Seitenblick auf den Ehrenvorsitzenden Stoiber, der sich am Freitag wieder einmal in sein Schicksal fügte, gute Miene zum Spiel seiner Nachfolger machen zu müssen. Oder um auf Schopenhauer zurückzukommen: Es gibt Augenblicke, in dem das Schmerzempfinden ob schwesterlich-brüderlicher Stacheln gegenüber dem Wärmebedürfnis zurücktreten muss.
Zumal wenn sie so elegant-professionell eingesetzt werden wie durch die Kanzlerin am Freitag. Sie lobte selbstverständlich variantenreich die CSU - schließlich soll am 28. September ein Teil des Fundaments für den Wahlerfolg der Union bei der Bundestagswahl gelegt werden. Und selbstverständlich lobte sie gleich zu Beginn ihrer Rede das politische Werk von Franz Josef Strauß, ohne den die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten nicht gefallen wäre. Damit war ein emotionales Band geschaffen, das kleinere Missstimmungen wegen kleineren Fragen gar nicht aufkommen ließ. Mit einer Ausnahme, der Pendlerpauschale, seien sich die CDU und CSU doch einig bei ihrem finanzpolitischen Konsolidierungskurs, umwarb die Kanzlerin die Delegierten - und spätestens in diesem Augenblick schien fast ein ideales Nähe-Distanz-Verhältnis gefunden, das jeden Stachelstich zu einer Fülle des Wohlgefühls werden ließ.

Frau Bundeskanzler in Bayern: Merkel spricht auf dem CSU-Parteitag
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt, REUTERS