Von Heike Schmoll
24. August 2007 Einerseits will Deutschland international konkurrenzfähig werden, es orientiert sich an Vorbildern wie Harvard und will die besten Köpfe an die Universitäten locken; andererseits soll fast die Hälfte eines Altersjahrgangs den Abschluss für potentielle Studienabbrecher, den Bachelor, erreichen können.
Einerseits fehlen Ingenieure, und es droht ein volkswirtschaftlich bedenklicher Fachkräftemangel; andererseits sind auch in den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen Professuren weggefallen. Dieselben Politiker, die eben noch ein Zentralabitur und mehr Vergleichbarkeit forderten, wollen die Hochschulen und Universitäten zugleich für qualifizierte Berufstätige ohne Abitur öffnen.
Offensichtlich passt hier nicht alles zusammen, die gegenwärtige Hochschulpolitik ist voller Widersprüche. Wer Hochschulen und Universitäten für Nichtabiturienten öffnen will, entwertet das Abitur faktisch als Hochschulzugangsberechtigung, kann also getrost auf ein Zentralabitur verzichten, wenn es doch nicht mehr als Qualifizierung taugt.
Fragwürdige Methoden
Die Hochschulen werden dann allerdings zu weiteren Eingangsprüfungen gezwungen, wofür ihnen Geld und Personal fehlen, weil sie auf die im Abiturzeugnis bescheinigte Hochschulreife nicht mehr vertrauen können. Das zeigt sich in allen Ländern, die schon jetzt Abiturientenquoten von 60 bis 70 Prozent aufweisen, zum Beispiel in Finnland und in Frankreich.
Nachdenklich stimmt aber, dass ausgerechnet Universitäten, die sich als ernsthafte Kandidaten um den Elitestatus bewerben und sich jahrelang wünschten, ihre Studenten selbst auszusuchen, die Auswahl sofort delegieren, indem sie abstrakte Testverfahren einführen.
Die Gebühren für einige Semester aufgrund eines guten Abiturdurchschnitts zu erlassen gehört noch zu den weniger fragwürdigen Methoden. In Freiburg und Konstanz soll jedoch ein Intelligenzquotient von mehr als 130 - getestet vom Hochbegabtenverein Mensa - ein gebührenfreies Studium ermöglichen. Schon die Länder haben sich gescheut, wissenschaftliche Leistung zu definieren, und zählen Abschlüsse, Veröffentlichungen und Drittmitteleinwerbungen; nun drücken sich auch die Hochschulen davor, über Eignung und Begabung für ein bestimmtes Fachstudium zu entscheiden, und vertrauen auf einen allgemeinen Intelligenztest. So offenbaren sie ihr Selbstverständnis.
Selbst wer von Eignungsfragen absieht, wird einsehen müssen, dass weder die Lehre noch die Betreuung in den neuen Studiengängen finanziell gesichert sind; daran ändert auch der Hochschulpakt nichts. Die Hochschulen bleiben in erschreckendem Maße unterfinanziert und werden ihre Studiengebühren für Investitionen in Lehrpersonal brauchen. Wer gute Studenten will, muss auch entsprechende Studienbedingungen bieten. Davon kann nicht die Rede sein, vielmehr werden die negativen Seiten der Massenuniversität noch stärker zutage treten. Es mag volkswirtschaftlich sinnvoll sein, den Anteil von Forschung und Entwicklung zu verstärken, doch die Exzellenzinitiative und der Primat der Forschung gehen in jedem Fall zu Lasten der Lehre.
Keine Begeisterung bei den besten Köpfen
Die Bachelor- und Masterstudiengänge wiederum verlangen durch ihre unterschiedlichen Module (Studieneinheiten) einen maximalen Einsatz in der Lehre, der Professoren keine Zeit mehr für eigene Forschung lässt. Schon jetzt fällt auf, dass die wissenschaftlichen Sachbücher renommierter Verlage nahezu ausschließlich von Emeriti verfasst werden, weil kein Professor im Dienst überhaupt noch Zeit dazu findet. Schon die Bedingungen der Massenuniversität hatten die Forschungsmöglichkeiten erheblich eingeschränkt, nun aber rauben die Bachelor-Studiengänge - in den angelsächsischen Ländern von einem ausgebauten Tutorenwesen flankiert - sowie Projektanträge und Drittmittelbeschaffung zusätzliche Energie.
Bei erschwerten Arbeitsbedingungen und zusätzlicher Belastung wird die Bezahlung dazu noch schlechter. Unter diesen Bedingungen, die sich nicht allein durch ein höheres Finanzvolumen bessern lassen, werden sich weder die besten Köpfe im Lande noch Spitzenwissenschaftler aus dem Ausland für deutsche Universitäten begeistern.
Ausgerechnet die Exzellenzinitiative zerstört systematisch die vielbeschworene Einheit von Forschung und Lehre, die für ein vergleichsweise hohes Niveau deutscher Universitäten gesorgt hat, sollte es tatsächlich zur Trennung von Lehr- und Forschungsprofessuren kommen.
Der klassische Gelehrte nicht mehr erwünscht
Aber der klassische Gelehrte scheint an der Wissensfabrik namens Universität ohnehin nicht mehr erwünscht zu sein. Denn Wissen ist ausgerechnet in der Wissensgesellschaft ein Produkt geworden; es stellt keinen Wert an sich (mehr) dar. Deshalb setzt auch Berlin auf Forschungsleistungen in Prozentzahlen, die von den Fächern erbracht werden müssen, die dafür geeignet sind: Natur- und Lebenswissenschaften sowie technische Fächer. Der Wert des Wissens richtet sich nach der Verwertbarkeit.
Wissenserwerb soll nicht etwa Mündigkeit und Handlungsfähigkeit fördern oder Erkenntnis stiften. Welche Art von Wissensproduktion erwartet wird, geben die Leistungsvereinbarungen vor, mit lehrendem Forschen, gar mit Neugier, haben sie nichts mehr zu tun, wohl aber mit dem Budget der Universitäten. Deshalb werden sie dafür zu sorgen wissen, dass ihre Wissensbilanz aus Studierenden- und Absolventenzahlen, Veröffentlichungen und Drittmitteln ihr knappes Auskommen sichert.
Von der Wissenschaftsfreiheit der Professoren ist nicht mehr die Rede, sie hat sich nicht einmal auf die institutionelle Freiheit der Institution verlagert. Die Wissenschaftsfreiheit wurde ausgerechnet im Namen der Hochschulautonomie abgeschafft. Ob die entmündigte, dazu noch unterfinanzierte Universität in der Wissensproduktion innovative Forscher oder gar kreative Köpfe hervorbringen kann, ist deshalb mehr als zweifelhaft.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa