Brandenburg

Feuerwehr und Fußball

Von Olaf Sundermeyer, Berlin

12. Februar 2007 In der Parteizentrale, wo der Linoleumboden streng nach Behörde riecht, herrscht eine konspirative Stimmung. Hinter der Haustür steht der Besucher erst einmal in einer kahlen Schleuse und wird von einem ziemlich großen Parteiaktivisten mit einem ziemlich militärischen Haarschnitt durch ein sehr kleines Fenster beäugt. Erst nach der Gesichtskontrolle brummt der Türsummer. Reporter sind - so hat es den Anschein - willkommen, weil sie die Partei auf ihrem Weg in die Mitte der Gesellschaft ein Stückchen mitnehmen sollen. Draußen hängt die schwarz-weiß-rote Parteifahne schlapp am Aluminiummast.

„Sieben bis neun Prozent hätten wir, wenn am kommenden Sonntag Landtagswahlen wären“, sagt Klaus Beier hinter gesicherten Türen im Schulungsraum. Er ist Bundespressesprecher der NPD, die sich in Berlin-Köpenick hinter Gittern und Stacheldraht verschanzt hat. In Brandenburg ist er Parteivorsitzender. Sieben bis neun Prozent? Vorerst fehlen der NPD in Brandenburg die Leute dafür.

„Über kurz oder lang Erfolge

In der Mark gibt es keinen Tino Müller, der es in Mecklenburg-Vorpommern vom Stettiner Haff ins Schweriner Schloss geschafft hat. Auch keinen Uwe Leichsenring, der in Sachsen einen humorvollen volksnahen Politiker gab, bevor er bei einem Autounfall ums Leben kam. Bei der Bundestagswahl im September 2005 kam sie in Brandenburg auf 3,2 Prozent, immerhin doppelt so viel wie der Bundesdurchschnitt. Aber im Landtag sitzt sie nicht - dafür aber die DVU.

„Da, wo wir Gesicht zeigen können, stellen sich über kurz oder lang Erfolge ein“, sagt Beier. „Wir wollen diejenigen erreichen, die noch etwas zu verlieren haben. Denn bei denen ist die Bereitschaft, NPD zu wählen, größer als bei denen, die der Unterschicht - in Anführungsstrichen - schon angehören.“ Er will mit aller Kraft in die Mitte, aber seine Partei klebt am Rand. Da hilft auch der nächste Funktionärssatz nichts: „Die NPD ist eine demokratische Partei, wie der Name schon sagt.“

Der lange Marsch in die Mitte der Gesellschaft

Vor drei Jahren ist Beier nach Brandenburg gezogen, in das Dorf Reichenwalde bei der Kleinstadt Storkow in den Landkreis Oder-Spree. Im Kreistag in Beeskow sitzt er inzwischen mit einem anderen „Kameraden“. Ausgerechnet in der schönen Kreisstadt Beeskow am glatten Wasser der Spree, wo es einen Kulturdezernenten gibt, der die liebliche Landschaft bestimmt so liebt wie sein Bruder, der Schriftsteller Günter de Bruyn, der für die Menschen zwischen Oder und Spree eine Art Heimaterlebnis ist. Hier also ist die Brandenburger NDP am stärksten. Aber wer fragt, was die Abgeordneten der NPD im Kreistag so treiben, kriegt ein knappe Antwort: „Sitzungsgelder abkassieren.“ Abwasserfragen? Kindergartenfinanzierung? Die NPD hat andere Interessen.

„Wir werden in Beeskow Bürgersprechstunden für Hartz-IV-Empfänger anbieten; dafür werden ja auch Räume vom Kreistag angeboten. Das ist unser kommender Arbeitsschwerpunkt“, sagt Beier. Und über den Großkopierer in der Köpenicker Zentrale sind bereits die Hartz-IV-Protestfaltblätter zu Tausenden gelaufen, die man vor den Arbeitsagenturen und den Sozialämtern verteilen will. Selbst ein Sorgentelefon für junge Leute soll her und kostenlose Hausaufgabenhilfe. Themen außer Hartz IV: Liebeskummer, Alkohol und die binomischen Formeln. Die NPD hat Großes vor: „Vom Menschenschlag her sind in Brandenburg schließlich die gleichen Wahlergebnisse möglich wie in Mecklenburg-Vorpommern oder in Sachsen.“ In zwei Jahren finden Kommunalwahlen statt, dann die Landtagswahlen. Bis dahin soll der lange Marsch in die Mitte der Gesellschaft gelungen sein.

Polizei spielt mit der Partei Hase und Igel

„In Brandenburg haben wir ein Dutzend Menschen an der Hand, die wir aufbauen können“, sagt Beier. In der rechten Szene kursieren Namen, die sonst (noch) kaum jemand kennt: Thomas Salomon in Oranienburg etwa, der dort dem zweiten starken Kreisverband Oberhavel eine Stimme gibt; Frank Odoi, der gleich einem ehrenamtlichen Sozialarbeiter die herumlungernden Halbwüchsigen vor dem Bahnhof von Fürstenwalde anspricht; oder Manuela Kokott, die in Storkow unter ihrer Privatadresse schon mal ein privates Kinderfest mit Hüpfburg und musikalischer Begleitung durch den nationalen Liedermacher Thomas Eichberg organisiert - „ein Tag unter Deutschen, die ein Herz für ihr Volk und Land haben“, heißt es dann in NPD-Zentralorganen.

Es sind solche kleinen Erfolge, die im Parteiorgan „Deutsche Stimme“, im „Zündstoff“ für Berlin und Brandenburg oder in der „Oderlandstimme“ wie große Triumphe gefeiert werden: Wenn sich etwa bei einem öffentlichen Fahrradcorso schwarze NPD-Hemden am schönen Scharmützelsee zwischen Deutschlands berühmtesten Radfan, das Tour-de-France-Original Didier Senft im Teufelskostüm, und den Show-Moderator von Antenne Brandenburg drängeln. Oder wenn „Sportsfreunde 06 Rathenow“, die NPD-Oderland, „KdF Nauen“ und das „Sportvolk“ ein Turnier der national Gesinnten in der städtischen Havellandhalle austragen dürfen. Beim Verfassungsschutz wird das sorgsam registriert. Die Beamten sind dazu übergegangen, mit der Partei Hase und Igel zu spielen: Sie gehen in die Fußballvereine und zur Freiwilligen Feuerwehr, um schneller zu sein als die Rechtsradikalen. Doch wer ist Hase, wer ist Igel?

„Wir sind rechtsradikal, das weißt du ganz genau!“

In Rheinsberg erzählt ein Jugendlicher von einem Hausbesuch der NPD: „Die standen plötzlich zu zweit vor der Tür und haben meine Mutter gefragt, ob sie mal mit mir sprechen können. Ich war nicht da.“ Beier gibt solche Hausbesuche zu; sie seien schließlich ein probates Mittel, zu dem in Wahlkampfzeiten auch die großen Parteien greifen. „Als geselliger Mensch lerne ich jemanden beim Bier auf einem Feuerwehrfest kennen - und am nächsten Tag fahre ich dann bei ihm vorbei, um zu hören, ob seine nationale Gesinnung die Bierlaune überdauert hat.“

Der Landesvorsitzende nennt es die „Graswurzelstrategie“. „In den kleinen Gemeinden gibt es ja nichts anderes als Feuerwehr oder Fußball“, sagt Beier. Und in Brandenburg gibt es eigentlich nur kleine Gemeinden. Beiers Fußvolk steht hinten rechts auf der überdachten Tribüne des Werner-Seelenbinder-Sportplatzes in Brandenburg an der Havel, auch dann, wenn der nasskalte Hagel in der zweiten Halbzeit bis zur fünften Sitzreihe schlägt. „Zug, Zug, Zug, Zug Eisenbahn, wer will mit nach Auschwitz fahren!!“ skandieren die jungen Männer auf den verblassten roten Sitzschalen stehend, dann „Keiner ist so schwarz wie Asamoah“ und „Juden raus!!“, später dann noch: „Wir sind rechtsradikal, das weißt du ganz genau!“ und „Arbeit mach frei - Babelsberg 03“, neunzig Minuten lang. In der Pause ist Pause, auch für die „Ultras“. Die meisten dieser teilweise mit Sonnenbrillen und Basecaps vermummten Hooligans von Viktoria Frankfurt gehören zum Umfeld der NPD-Oderland, des Kreisverbandes von Klaus Beier. Für diese Verbindung gibt es zahlreiche Beweise, Fotos und Zeugen.

Es sind immer wieder dieselben Gesichter

Es sind immer wieder dieselben Gesichter, die sich so zeigen - auch bei den Auswärtsspielen der Viktoria und bei Veranstaltungen, an denen die NPD beteiligt ist: Aufmärsche, Demonstrationen. Immer wieder tauchen sie auf, ob am Infostand der Partei vor dem Oderturm, einem Einkaufszentrum an der wichtigsten Kreuzung der Stadt, im oberfränkischen Wunsiedel, wo alljährlich ein Gedenken der Rechten an Rudolf Heß, den Stellvertreter Hitlers, stattfindet, oder in Berlin-Tegel, wo Ende Oktober einige hundert NPD-Anhänger vor der Justizvollzugsanstalt gegen die Inhaftierung ihres dort einsitzenden „Märtyrers“ Michael Regener protestierten, des Sängers der verbotenen rechtsextremen Kultband „Landser“ (heute „Die Lunikoff Verschwörung“).

„Die sind ja nicht mal Mitglied bei uns“, sagt der joviale weißhaarige Wolfgang Pohl in der Wildlederjacke und schaut seinen Besucher dabei so an, als sei das Problem mit dieser Feststellung erledigt. Pohl ist Präsident von Viktoria Frankfurt (Oder), Landtagsabgeordneter der SPD und ehemaliger Oberbürgermeister seiner Stadt, in der die NPD auch mit Hilfe ihrer Viktoria-Truppen ins Rathaus will. Für März wurde die Gründung eines NPD-Stadtverbandes angekündigt. Der Verein distanzierte sich jetzt öffentlich von den Neonazis auf der Tribüne.



Text: F.A.Z., 13.02.2007, Nr. 37 / Seite 3
Bildmaterial: ddp

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