12. September 2008 Gleich wird er kommen, der Außenminister, der Vizekanzler, seit dem vergangenen Sonntag auch: der Kanzlerkandidat der SPD, Frank-Walter Steinmeier. Schon spielt die Bayernkapelle ihre Märsche, schon bringt sie der Gemütlichkeit ein ums andere Mal ein Prosit, schon ist das Bierzelt hier auf der Regensburger Herbstdult mit 2000 Menschen prall gefüllt. Allein das SPD-Schild vorne am Rednerpult will nicht halten, es fällt ab, wieder und wieder.
Einer neben der Bühne raunt: Der Spitzenkandidat der Oberpfälzer SPD dort oben, der gerade das Publikum mit einer Rede vom verlorenen Anstand der CSU anheizen will, habe das Pult wohl zu fest angepackt. Er versucht es selbst - mit Tesafilm. Vergebens. Der Kandidat packt aufs Neue zu, und wieder fällt das Logo der stolzen Arbeiterpartei auf die hölzerne Empore. Erst doppelseitiges Klebeband kann es auf den ihm zugedachten Platz auf Dauer halten. Gerade noch rechtzeitig. Bevor Steinmeier, flankiert vom bayerischen SPD-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 28. September, Franz Maget, zu den Klängen des bayerischen Defiliermarsches Einzug ins Hahn-Festzelt hält. Benannt nach dem Wirt, nicht nach dem Gockel.
Wahlkampfpremiere als Kanzlerkandidat
Bei Steinmeiers Wahlkampfpremiere als Kanzlerkandidat soll alles stimmen. Die Rahmenbedingungen dafür sind günstig. Nichtgenossen müssen im hinteren Teil des Bierzelts Platz finden, denn der zuständige SPD-Unterbezirk hat die vorderen Reihen für die SPD-Ortsvereine reserviert. Und so sitzen beispielsweise die Parteimitglieder der Ortsvereine Zeitlarn, Laaber und Donaustauf in der Herzerl-Box rechts vor der Bühne, ein jeder an seinem Biertisch. Ebenfalls vertreten ist der Ortsverein Regendorf, dessen Vorsitzender, Siegfried Drechsler, vermutet, dass die Laube im Zelt wohl ansonsten den Verliebten vorbehalten ist. Müntefering und Beck haben sie hier schon gesehen, auch Gerhard Schröder drüben jenseits der Donau auf dem Domplatz. Aber das sei ja alles schon wieder Vergangenheit, es ist ja immer so schnelllebig in der SPD.
Frank-Walter Steinmeier beginnt seinen Testlauf als Wahlkämpfer, als Schützenhelfer für Franz Maget auf den letzten Metern des bayerischen Landtagswahlkampfs. Ausgerechnet auf einem Volksfest, ausgerechnet in einem Bierzelt. Diese ungeweihten Tempel Bayerns gelten als Horte gepflegter Anarchie, wo der Bierdunst und natürlich -konsum alle Herkunftsunterschiede verdampft, wo gepflegtes Gröhlen über jedes wohl überlegte Wort dominiert, wo wenig Kopf ist, aber viel Bauch. Frank-Walter Steinmeier jedoch gilt als sachlich, seriös, solide, als bodenständiger Bürokrat, kompetent, aber fad. Bis zum vergangenen Wochenende galt er auch als Zauderer, schien er doch davor zurückzuscheuen, sich die ihm gleichsam zu Füßen liegende Kanzlerkandidatur zu greifen wie der Durstige nach seiner Maß Bier an einem bayerischen Spätsommertag.
Wer das durchsteht, der wird auch Kanzler der Bundesrepublik Deutschland
Steinmeier greift zu: Mit Maget und dem 3. Bürgermeister Regensburgs erklimmt er die Bühne. Flugs naht Bier im Literkrug. Die Herren packen die Krüge. Sie trinken, die Leute klatschen. Dann spricht Maget. Ein volles Zelt im Herzen Bayerns und eine Maß Bier dazu - wer das durchsteht, der wird auch Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, bringt er die Ziele des Abends auf den Punkt, den Kopf treu in der Farbe seiner Partei. Er beglückwünscht den Gast zu seiner Wahl als Kanzlerkandidat. Nur übelwollende Beobachter werden das Lächeln auf den Lippen desselben bei diesen Worten missdeuten. Vielleicht sollte man den Wahlbegriff ja auch wirklich weiter fassen, gerade in Regensburg, das einst Sitz des Immerwährenden Reichstags war (einer gänzlich undemokratischen Fürstenversammlung, die aber gemeinhin als Vorläuferin moderner Parlamente gilt). Maget spricht von Schülern ohne Abschluss, von abgebrannten Kernbrennstäben und der Unwählbarkeit der CSU für Frauen (Die SPD hat vor 90 Jahren das Frauenwahlrecht durchgesetzt - enttäuscht uns nicht), dann sagt er: Und jetzt kommt Frank-Walter Steinmeier!
Schultern werden beklopf, Daumen gehoben, Fäuste gereckt. Dann geht der Kanzlerkandidat ans Rednerpult. In der folgenden Dreiviertelstunde tauscht Steinmeier den sachlichen Ton des Dienstherrn über Deutschlands Diplomaten ein gegen ein dröhnendes, kehliges Röhren, in dem gerade gegen Ende der Sätze, wenn er meine Damen und Herren sagt, die Silben verschwimmen, ganz dem Ambiente angemessen. Auch sein weißes Hemd durchschwitzt er und nähert die Farbe seines Kopfes der Magets an. Das Diplomatische behält er jedoch insoweit bei, als er hinter dem der Örtlichkeit entsprechenden Ton inhaltliche Festlegungen vermeidet. Die Bundespolitik kommt in seiner Rede so gut wie gar nicht vor, schon gar nicht mögliche Konstellationen nach der nächsten Bundestagswahl. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung hatte Steinmeier die Möglichkeit einer Koalition mit Grünen und FDP hervorgehoben.
Steinmeier nimmt sich die CSU vor
Hier auf der Herbstdult jedoch nimmt er sich vor allem die CSU vor. Die CSU und Bayern seien längst keine natürliche Einheit mehr. Da komme was ins Rutschen, das sei die Chance der SPD. Zwar bekämen der CSU-Vorsitzende Huber und der Ministerpräsident Beckstein einen Termin bei der Kanzlerin, doch zu sagen hätten sie nichts. Nicht einmal der Tisch, wo sie drauf gehauen haben, hat hinterher eine Delle. Ich hab' nämlich schon nachgeschaut, und ich hab nichts gesehen, dröhnt es vom Pult in den Saal.
Überhaupt habe Huber in den letzten Monaten mehr Wahlkampfstrategien vorgestellt, als er Hemden im Schrank habe. Edmund Stoiber sitze gewiss daheim in Wolfratshausen und denke, Herrgott, lass mich doch selbst wieder ran. (Manch einer mag da gedacht haben, so müsse es bis zum vergangenen Wochenende auch Franz Müntefering ergangen sein.) Mit seinem Hinweis auf die Milliardenverluste bei der Bayerischen Landesbank erntet Steinmeier viel Applaus, und natürlich lässt er auch die Leistungsträger nicht unerwähnt, die Krankenschwester, den Facharbeiter, den Lehrer. Und wer Schulen will, in denen nicht der Putz von der Decke fällt, der muss jetzt handeln!
Oskar nur ganz kurz
Dann widmet er sich für einen ganz kurzen Moment der Linkspartei - jedoch nicht, um deren besondere Beziehung zu hessischen Genossen zu beleuchten oder jüngste Umfragen, die Oskar Lafontaines neue Freunde bedrohlich nah an den Sozialdemokraten sehen. Ich könnte aus der Haut fahren!, ruft Steinmeier mit Blick auf Gysi-Lafontainesche Populismen. Lafontaine war Finanzminister im Bund - und ist ausgebüchst! Nach drei Monaten! Der Populismus sei das Markenzeichen der rat- und hilflosen in der Politik, ganz gleich, ob von rechts oder von links. Beifall im Bierzelt. Dabei geht ein Wolkenbruch nieder, vereinzelt tropft es durch das Zeltdach. Steinmeier, die Ärmel aufgekrempelt, ruft, die SPD sei kein altes Möbelstück, dass sich herumschubsen lasse: Man braucht uns! Der Sauerländer Müntefering und der Ostwestfale Steinmeier, das geht zusammen, das wird klappen. Es kommt noch ein Appell: Franz Maget solle man helfen, für eine große Überraschung bei der Wahl sorgen. Dann ist die Rede zu Ende, die Herren Prosten erneut, die Krüge sind noch zu drei Vierteln gefüllt; dennoch mag Teil 1 der Prüfung der Bierzelttauglichkeit als erwiesen gelten.
Teil 2 ist kürzer: Autogrammstunde. Und es ist der einzige Moment des Abends, an dem frühere (und nicht wieder bald wieder amtierende) SPD-Parteivorsitzende einen Auftritt haben - in Form ihrer Schriftzüge in den SPD-Mitgliedsbüchern wie denen von Fred Wiegand und Eberhard Krüger vom Ortsverein Regenstauf. Beide sind Genossen seit den sechziger Jahren, die sich, vorbei an dem breiten Rücken eines Bodyguards, an anderen Genossen und Journalisten, einen Weg zum neuen Star ihrer Partei bahnen. Nahezu alle Größen der Partei sind dort verewigt, Helmut Schmidt, Herbert Wehner, auch jüngere wie Hubertus Heil und Hans Eichel. Und Kurt Beck. Ja, der Beck, der bis vergangenen Sonntag Parteivorsitzender war. Da steht sein Autogramm, es ist kaum zu entziffern. Sein Name fiel in keiner der Reden, an diesem regnerischen Abend auf der Regensburger Herbstdult.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa
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