Von Oliver Bilger, Berlin
09. November 2004 Die Berliner Mauer steht wieder. Zumindest auf knapp 200 Metern, an der Flaniermeile Friedrichstraße, dort wo einst der Grenzübergang Checkpoint Charlie war.
Parallel zu ihrem tatsächlichen Verlauf stehen die 120 Mauerteile, dahinter sind 1065 schwarze Holzkreuze in weißen Steinen aufgestellt. Eines für jedes Opfer der Deutschen Teilung: mit Namen, Todestag und Foto. Die neue Mauer soll nicht teilen, sondern in angemessener Weise an die Opfer erinnern. Dies war die Idee von Alexandra Hildebrandt, der Leiterin des Museums am ehemaligen Diplomaten-Grenzübergang.
Sie will damit an die Menschen gedenken, die ihren Fluchtversuch aus der DDR mit dem Leben bezahlten. Was von der Mauer noch steht, ist zu wenig, sagt Hildebrandt. Am 13. Juni 1990 wurde der Abriß des Betonwalls in der Bernauer Straße begonnen. Seit dem der Abbruch November 1991 beendet wurde, ist von der innerstädtischen Grenze kaum noch etwas zu sehen.
Was ist mit der nächsten Generation?
Lediglich gut zwei der ehemals 43 Kilometer langen Grenze zwischen Ost- und West-Berlin stehen heute noch und sind denkmalgeschützt. Hildebrandt kann verstehen, daß der Betonwall in Wiedervereinigungs-Euphorie rasch niedergerissen wurde. Doch: Was ist mit der nächsten Generation, für die die Mauer nur Geschichte sein wird?, fragt die Witwe des Museumsgründers Rainer Hildebrandt.
Dem Wiederaufbau der Mauer war eine Diskussion mit der Berliner Stadtspitze vorangegangen. Senatsmitglieder verglichen den historischen Ort mit Disneyland. Dort, wo 1961 sowjetische und amerikanische Panzer nur wenige Meter gegenüber standen, der Kalte Krieg fast entflammt wäre, geht es tatsächlich ein wenig zu wie auf einem Rummelplatz: Vor dem originalgetreuen Nachbau der ersten alliierten Grenzbaracke samt Sandsäcken posieren Studenten in amerikanischen oder sowjetischen Offiziersuniformen für die Touristen. Im Museumsshop werden Mauerstücke ab 5,50 Euro angeboten.
Topographie des Terrors
Davor verkaufen Souvenir-Händler russische Offiziers-Mützen, Volksarmee-Orden und DDR-Flaggen. Sie alle tummeln sich um den weiß getünchten, von Scheinwerfern angestrahlten, neuen Wall. Wenige Schritte weiter stehen 200 Meter Originalreste der Mauer. An der Niederkirchnerstraße prallen zwei düstere Kapitel deutscher Geschichte aufeinander: Auf der Rückseite der Grenzanlage erinnert die Ausstellung Topographie des Terrors an die Greueltaten der Nazis. Hier wurden Konzentrationslager geplant und SS-Einsätze koordiniert.
Heute klaffen große Lücken in den abgesperrten Betonwänden. Mauerspechte haben den Wall nach dem 9. November 1989 malträtiert. Ansonsten sind die Spuren der Staatsgrenze zu Berlin-West weitgehend weggewischt. Stattdessen zeigt eine, in den Straßenbelag eingelassene, schmale Doppelreihe aus Pflastersteinen wo der Grenzwall stand.
Sie führt an den Potsdamer Platz, vorbei an fünf Metern Hinterlandmauer, kunstvoll bemalt im Stil der East-Side-Gallery. Vor dem S-Bahnhof Potsdamer Platz drängen sich Touristen um ein gut ein Meter langes Stück der einst wohl bekanntesten Staatsgrenze der Welt. Sie stoppen, gucken, fotografieren, lesen den weißen Schriftzug auf der bunt bekritzelten, löchrigen Wand: An dieser Stelle entstand 1989 die erste Lücke in der Mauer.
Jetzt sind wir in Ossi-Land
Am 12. November wurde hier ein zusätzlicher Grenzübergang geschaffen. Touristen suchen in Stadtplänen, ob sie gerade im Osten oder im Westen stehen. Jetzt sind wir in Ossi-Land erklärt ein Jugendlicher seinen Freunden. Eine Touristin fragt unsicher: Hier war doch die Ost-Seite? Sie stehen alle im Westen. Weiter nordwärts erinnert wieder der Plastersteinpfad an die geteilte Stadt. Die Narben im Stadtbild sind entlang dem Tiergarten zum Brandenburger Tor verheilt.
An der Südseite des Reichtags gedenken 15 weiße Kreuze der Opfer der Teilung. Eines trägt den Namen Chris Gueffroy, das letzte Todesopfer der Mauer. Der 20-Jährige starb am 5. Februar 1989 als er versuchte durch den Britzer Verbindungskanal zu fliehen. Die Parlamentsgebäude im Regierungsviertel verbinden heute die von der Spree getrennten Stadtteile, wo heute die Politiker in ihren Limousinen zum Reichstag vorfahren war früher der Todesstreifen.
Von dort ist es nicht weit zum Grenzübergang Invalidenstraße, an den heute nur noch eine Glastafel erinnert. Am 12. Mai 1963 scheiterte hier ein Fluchtversuch mit einem Autobus: 13 junge Insassen wollten die Betonsperren gewaltsam durchbrechen. Sie wurden beschossen, verletzt und inhaftiert.
Ein Wachturm als Gedenkstätte
Nur einige Schritte entfernt, steht ein Gedenkstein, der an noch tragischere Geschehnisse erinnert. Günter Litfin wurde am 24. August 1963 am Humboldthafen von der DDR-Transportpolizei erschossen, als er versuchte, nach West-Berlin zu schwimmen. Er war der erste Mauertote. Ein paar Gehminuten von hier, vorbei an knapp 100 Metern Hinterlandmauer am Invalidenfriedhof, wurde der ehemalige Grenzstreifen entlang des Spreekanals in eine Uferpromenade verwandelt.
Am Kieler Eck steht ein Wachturm zwischen neuen Appartementhäusern. Der Putz bröckelt vom zwölf Meter hohen Turm an der Kieler Straße, in den vergitterten Fenstern hängen eine DDR-Fahne und ein Schild Grenzgebiet. Ein Schäferhund döst vor dem Eingang der Gedenkstätte Günter Litfin. Der Bruder des Maueropfers öffnet die Tür.
Seit zwei Jahren betreut Jürgen Litfin den Wachturm. Am Todestag Günter Litfins eröffnete er die Gedenkstätte. Für mich ist das der wichtigste Termin des Mauerbaus, denn es war der Tag, an dem der Schießbefehl erteilt wurde, sagt der 64-Jährige. Dann ging das Morden an der Berliner Mauer los, mit 43 Toten im ersten Jahr.
Sein Bruder war damals 24, wollte in den Westen ziehen, zu seinem Arbeitsplatz; dann wurde die Grenze geschlossen. Von seinem Tod erfuhr Jürgen Litfin aus der Abendschau im Westfernsehen. Heute will Litfin in dem Beobachtungsturm vermitteln, wie grausam die DDR gewesen ist: Dieses System führte Krieg gegen die eigene Bevölkerung.
Kleingärten, wo einst der Todesstreifen verlief
Die Boyenstraße führt vom Turm an den Grenzübergang Chausseenstraße. Die große Brachfläche ist der letzte Hinweis darauf. In Richtung Nordbahnhof steht ein Stück der 1961 erbauten ersten Mauer aus rötlich-braunen Klinkersteinen, oben ragen noch die Streben für den Stacheldraht heraus. Sie endet an der S-Bahnstation, die jahrelang ein Geisterbahnhof war. Daran schließt die Bernauer Straße, ein Brennpunkt in den Trennungsjahren. Mit dem Mauerbau wurden Häuserfassaden zur Grenze zur DDR. Hunderte flüchteten durch die Fenster: seilten sich ab oder sprangen in die Freiheit - oder in den Tod.
Heute wird mit einem 70 Meter langen Stück graue Mauer an die Schicksale gedacht. Die Plattform des gegenüberliegenden Dokumentationszentrums gibt einen Blick hinter die 1998 wieder aufgebaute Mauer mit Todesstreifen und Laternen, die auch heute noch gelb leuchten. Nebenan verwittern weitere Mauerreste. Der Todesstreifen entlang der Bernauer Straße ist ansonsten eine von Gras und Sträuchern überwucherte Schneise, in der die Anwohner ihre Hunde ausführen und achtlos Abfall wegwerfen. Sie führt an den Mauerpark. Auf der Grünfläche des Parks sprühen Jugendliche goldene Schriftzüge an die Überreste der Hinterlandmauer am angrenzenden Sportpark.
Autohändler, wo sich die Mauer öffnete
Weiter Richtung Bösebrücke. Den Bahngleisen folgend, pflegen Berliner ihre Kleingärten, wo einst der Todesstreifen verlief. Den alten Kontrollweg der Grenztruppen säumen Kirschbäume, die japanische Bürger aus Freude über die Vereinigung gespendet haben. Unweit der Bösebrücke steht noch eine Mauerzeile. Vor 15 Jahren war dort der Grenzübergang Bornholmer Straße. Hier begann der Mauerfall.
Wo einst die Grenztruppen dem Druck zehntausender DDR-Bürger nachgaben und die Schlagbäume öffneten verkauft ein Autohändler heute Audi, Mercedes oder Opel, daneben ein Blumenhändler die ersten Weihnachtsbäume. Auf den historischen Moment verweist eine Gedenktafel: An der Brücke 'Bornholmer Straße' öffnete sich in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989 erstmals seit dem 13. August 1961 die Mauer. Die Berliner kamen wieder zusammen. Es folgt die Geschichte eines wiedervereinigten Deutschlands.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, dpa/dpaweb
