Terrorprozess

Norddeutsche Al-Qaida-Connection?

Von Philip Eppelsheim

25. Juli 2007 In Schleswig hat am Mittwoch der Prozess gegen den 37 Jahre alten Redouane E.H. begonnen. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, Al Qaida und „Al Qaida im Zweistromland“ unterstützt und eine terroristische Vereinigung gegründet zu haben. Redouane E.H. soll Verbindungen zu der Hamburger Terrorzelle um Mohammed Atta und die Attentäter des 11. September 2001 unterhalten haben. Auch zu den beiden „Kofferbombern“, denen vorgeworfen wird, im vergangenen Jahr in Nahverkehrszügen in Nordrhein-Westfalen zwei Sprengsätze deponiert zu haben, soll er Kontakt gehabt haben. Der Angeklagte lebte in Kiel, wo Mohammed Atta ein Semester lang studiert haben soll.

Auch der Libanese Youssef Mohammed al Hadschdib wohnte dort; gegen ihn hat die Bundesanwaltschaft vor kurzem wegen der versuchten Kofferbombenanschläge Anklage erhoben. Hadschdib hat zudem gemeinsam mit Redouane E.H. in der Omar-al-Khattab-Moschee an der Kieler Diedrichstraße gebetet. Auch bestehen Verbindungen zur Al-Quds-Moschee in Hamburg. Trotz allem hat der schleswig-holsteinische Innenminister Ralf Stegner jüngst mitgeteilt, dass es keine Anhaltspunkte für „islamistischterroristische Strukturen“ in Schleswig-Holstein gebe. Handelt es sich also nur um zufällige Übereinstimmungen?

Front gegen die „Kreuzritter“

In Kiel-Gaarden hatte der Deutschmarokkaner Redouane E.H. ein Telefongeschäft eröffnet. Es lag in einer ruhigen Seitenstraße eines Problemviertels mit mehr als 30 Prozent Arbeitslosen. In dem unscheinbaren Laden an der Iltisstraße, in Nachbarschaft von Hausbesetzern und einer arabischen Schlachterei, soll Redouane E.H. Geld nach Ägypten und Syrien transferiert haben, um Ausrüstung für „Gotteskrieger“ zu beschaffen, die Teilnahme an einer Sprengstoffausbildung zu finanzieren und einen Schleuser zu entlohnen.

Zudem soll er im August 2005 über das Internet einen Treueeid auf Mullah Omar, den Führer der Taliban in Afghanistan, geleistet haben und „Al Qaida im Zweistromland“ durch Vermittlung von Dschihad-Kämpfern aus Marokko und Ägypten unterstützt haben, indem er Geld für Transfers zur Verfügung stellte und logistische Hilfe bei Schleusungen leistete. Darüber hinaus wirft die Bundesanwaltschaft ihm vor, zusammen mit vier weiteren Personen eine terroristische Vereinigung im Ausland gegründet zu haben mit dem Ziel, in Sudan eine Front gegen die „Kreuzritter“ aufzubauen und den „heiligen Krieg“ zu beginnen.

Kurz nach der Gründung dieser Vereinigung wurde der Deutschmarokkaner im Juli 2006 im Hamburger Dammtor-Bahnhof festgenommen. Die Bundesanwaltschaft nimmt an, dass er auf dem Weg nach Sudan war, um seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Türsteher und Telefonladeninhaber

Redouane E.H. galt als Einzelgänger. Zwischen 1996 und 2004 studierte der gelernte Industriekaufmann an der Kieler Christian-Albrechts-Universität Psychologie, Philosophie und Soziologie. In dieser Zeit war er ein Jahr lang Referent für ausländische Studenten: Er suchte für sie Wohnungen und half ihnen, sich in Kiel einzuleben. 2004 wurde er exmatrikuliert. Danach arbeitete er als Türsteher und eröffnete schließlich zusammen mit einem seiner wenigen Freunde den Telefonladen.

Regelmäßig ging Redouane E.H. in die Omar-Moschee an der Diedrichstraße. Sie liegt gegenüber einer Autowaschanlage an einer Bundesstraße. Dort beten jeden Freitag bis zu 300 Männer, spielen anschließend Tischfußball, kaufen Lebensmittel oder essen gemeinsam. In kleinen Nebenzimmern lernen Kinder die arabische Sprache, und Deutsche werden mit dem Islam vertraut gemacht.

„Moderat und tolerant“

Auch Hadschdib kam hierher. Dem Verfassungsschutz ist die Omar-Moschee in der alten Fröbelschule bekannt. Sven Kahle, als Referatsleiter im schleswig-holsteinischen Innenministerium für Ausländerextremismus zuständig, berichtet, die Moschee gebe sich zwar inzwischen nach außen moderat. Es habe aber auch Zeiten gegeben, in denen es - etwa auf der eigenen Internetseite - Hinweise auf fundamentalistische Tendenzen gab, wenn nicht gar Hinweise auf Sympathie für den politischen Islam. Der Sprecher der Moschee Abd al Madschid al Samadoni hebt immer wieder hervor, dass Terrorismus mit dem Islam nichts zu tun habe, dass sich Araber in Deutschland nur integrieren wollten, es jedoch kein richtiges Konzept gebe.

Die Ausrichtung der Moschee sei gemäßigt, man halte sich an die Lehren des ägyptischen Predigers Yusuf al Qaradawi, und die seien „moderat und tolerant“, sagt Samadoni. Al Qaradawi ist einer der bekanntesten Fernsehprediger in der arabischen Welt. Jeden Sonntag verkündet er im arabischen Nachrichtensender Al Dschazira seine Botschaften. Er gilt zwar in der Tat vielen Muslimen als moderat, und er verurteilt die Terroranschläge in New York, London und Madrid, doch andererseits billigt er Selbstmordattentate in Israel als erlaubte Märtyrertode. Die Vereinigten Staaten verhängten gegen ihn ein Einreiseverbot, weil er den Terrorismus unterstütze.

Als Nachrichtenübermittler tätig?

„Es gibt einen regen Austausch zwischen der Moschee in Kiel-Gaarden und der Al-Quds-Moschee in Hamburg“, heißt es im Innenministerium in Kiel. Die Al-Quds-Moschee im Hamburger Bahnhofsviertel St. Georg gilt als Anlaufstelle für militante Islamisten. In dem Klinkerbau versammelte sich die Hamburger Terrorzelle um Atta. Said Bahaji, der zu den Verschwörern der Terroranschläge vom 11. September 2001 gehörte und seit dem 4. September 2001 flüchtig ist, heiratete im Oktober 1999 in der Al-Quds-Moschee.

„Es gibt Hinweise, dass Redouane E.H. Kontakte zur Al-Quds-Moschee und zu Islamisten in Hamburg hatte“, sagt Manfred Murck vom Hamburger Verfassungsschutz. Das sei aber an und für sich nichts Besonderes. Hamburg habe für Islamisten eine Marktfunktion, es gebe viele Moscheen, und man finde Brüder in der eigenen Sprache. Auch die „Kofferbomber“ hätten sowohl in Kiel als auch in Hamburg Kontakte gehabt. Was allerdings den Fall von Redouane E.H. besonders macht, ist, dass er mit der Ehefrau von Said Bahaji in Verbindung trat und, wie die Bundesanwaltschaft glaubt, als Nachrichtenübermittler tätig war.

Ein „echt sympathischer Mann“

„Aber er war für uns nie eine Zielperson“, sagt Murck. Dem Verfassungsschützer sind „Reisebewegungen gewaltbereiter Islamisten mit verschiedenen Gruppenanbindungen“ von Hamburg über Kiel nach Skandinavien bekannt. Diese Route sei Teil des internationalen dschihadistischen Netzes. Auch das passt ins Bild. Zwei der Männer - der Jordanier Thaer A. und der Marokkaner Abdelali M. -, mit denen Redouane E.H. die terroristische Vereinigung im Internet gegründet haben soll, wurden mittlerweile in Schweden festgenommen und nach Deutschland überstellt. Thaer A. sollte sich nach Angaben der Bundesanwaltschaft um Geldtransfers und Finanzierungsfragen kümmern, Abdelali M. soll mit Redouane E.H. Einzelheiten der Rekrutierung und Schleusung erörtert haben.

Samadoni leugnet nicht, dass Redouane E.H. regelmäßig in die Omar-Moschee kam. Er sei ein dürrer, schmächtiger Mann und „sehr sanft“, ein „echt sympathischer Mann“, mit dem man reden konnte. Er half in der Küche, kümmerte sich um Bücher, Schriften und Hörbücher. Eines dieser Hörbücher trägt den Titel „Auf dem Weg nach Jerusalem“. Der Umschlag zeigt die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, davor eine rote Hand, die einen Krummsäbel hält, auf dem Boden ein Schwert und ein gespaltener Zylinder mit Davidstern.

Das Mikrofon aus der Hand geschlagen

Das letzte Mal betrat Redouane E.H. die Moschee zum Freitagsgebet nach den Anschlägen in London am 7. Juli 2005. Der Imam habe die Anschläge verurteilt, sagen die Männer in der Moschee. Er habe gesagt, dass jeder, der eine Bombe zünde, kein Muslim sei. Danach soll der Deutschmarokkaner das Mikrofon genommen und gesagt haben: „Ich habe dazu eine andere Meinung zu äußern.“ Mehr will Samadoni nicht gehört haben. Der zweite „Kofferbomber“, Dschihad Hamad, hat das anders in Erinnerung.

In einem Verhör in Beirut durch Mitarbeiter der deutschen Sicherheitsbehörden hatte er gesagt, dass Redouane E.H. die Anschläge von London verteidigt habe und ihm daraufhin das Mikrofon aus der Hand geschlagen worden sei. Ob sich die „Kofferbomber“ und er gut kannten, kann die Bundesanwaltschaft nicht sagen. Samadoni sagt, er könne sich vorstellen, dass eine Person im Hintergrund agiere und sowohl die „Kofferbomber“ als auch den Deutschmarokkaner gesteuert habe.

Die gesetzten Ziele nicht erreicht

Der Auftritt nach den Londoner Terroranschlägen war das einzige Mal, dass Redouane E.H. in der Moschee auffiel. „Er war gläubig und nie aggressiv“, beschreibt ihn Samadoni. Anfangs habe er einen sehr westlichen Lebensstil gepflegt. Das sei in der Moschee aufgefallen. „Wenn er so ein überzeugter Muslim war, wie konnte er sich dann in einem Tanzlokal verdingen?“ Irgendwann im Jahr 2003 habe Redouane E.H. dann die Nähe zur Religion gesucht, sagt ein Sprecher der Generalbundesanwältin. In der Moschee vermuten die Männer, es habe mit seinem Studium zu tun gehabt. Redouane E.H. habe nicht die Ziele erreicht, die er sich gesetzt habe.

Der Mann, mit dem er den Telefonladen gründete und dem er seine Geschäftsanteile verkauft haben soll, bevor er nach Sudan aufbrechen wollte, schweigt. „Er ist ein Freund“, sagt er nur. Fest steht deshalb lediglich, dass der Deutschmarokkaner nach seinem Auftritt, bei dem er die Londoner Terroranschläge verteidigt haben soll, nicht mehr in die Moschee kam. Die Bundesanwaltschaft nimmt an, dass Redouane E.H. 2006 nach Algerien reiste und dort in einem Terroristenlager eine Sprengstoffausbildung machte.

Die Verbindungen des Deutschmarokkaners nach Hamburg zur Al-Quds-Moschee, zu den mutmaßlichen „Kofferbombern“ und der Hamburger Zelle um Atta mögen Zufall sein und müssen nicht für terroristische Strukturen in Norddeutschland sprechen. Für Moscheesprecher Samadoni ist das Kapitel abgeschlossen. Er bemüht ein arabisches Sprichwort: „Ein alter Mann, der Konkurs angemeldet hat, sitzt nur über seinen alten Büchern.“ Aber manchmal sind auch alte Bücher von Bedeutung. Auch wenn das in der Omar-Moschee viele nicht so sehen.



Text: F.A.Z., 24.07.2007, Nr. 169 / Seite 3
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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