Gabriele Pauli

Am Ziel und am Ende

Von Georg Paul Hefty

Landrätin Pauli: Aufstieg und Fall einer „Parteirebellin”

Landrätin Pauli: Aufstieg und Fall einer „Parteirebellin”

24. September 2007 Die beginnende 39. Kalenderwoche wird nicht die Woche der Gabriele Pauli werden. Die dritte Kalenderwoche dieses Jahres war ihre Woche gewesen. Damals hatte die Fürther Landrätin und CSU-Politikerin Geschichte geschrieben, bayerische Geschichte und deutsche Geschichte, ganz nebenbei - falls Edmund Stoiber künftig als Entbürokratisierungsbeauftragter der EU große Erfolge erzielt - sogar europäische Geschichte.

Die fünfzig Jahre alte Frau hatte nach siebzehn Jahren im CSU-Vorstand die Öffentlichkeit so in Wallung gebracht, dass die CSU-Landtagsabgeordneten erstmals glauben durften, nun endlich gegenüber ihrem Ministerpräsidenten am längeren Hebel zu sitzen. (Siehe auch: Gabriele Pauli: Feuerwerk im Wirtshaus)

Frau Pauli hatte ein Vierteljahr zuvor auf dem CSU-Parteitag die Forderung erhoben, den Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2008 nicht vom Parteivorstand, sondern in einer Mitgliederbefragung zu küren. Dies galt als eine demokratisch verbrämte weibliche List, denn die CSU hatte ja ihren geborenen Spitzenkandidaten, den amtierenden Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden Stoiber.

Racheengel und Madonna

Doch Frau Pauli ließ nicht locker, und die Mannschaft der Staatskanzlei erkannte, dass da eine bayerische Liberté heranzuwachsen drohte. Die Mitarbeiter des Ministerpräsidenten versuchten nun auf die übliche Art, die Trägerin des Befreit-euch-von-Stoiber-Gedankens bloßzustellen. Sie missachteten, dass schon der französische Maler Eugène Delacroix die Anziehungskraft seiner Liberté auf die Massen durch ihre Bloßstellung ins schier Unermessliche gesteigert hatte.

Als in die beginnende Weihnachtsstimmung hinein die Bespitzelte empört auf der Trennung ihres Privatlebens von ihrem politischen Leben bestand und es gerade dadurch politisch instrumentalisierte, hatte sie die Sympathien aller verfolgten Unschuldslämmer auf ihrer Seite.

Kein Dank für den Königsmord

Da Stoiber sie auch noch für "nicht so wichtig" erklärte und keine fünf Minuten für sie hatte, wurde Gabriele Pauli über die Festtage zum Racheengel und zur Madonna der CSU zugleich. Einen Monat lang stand ihr Name jeden Tag in jeder Zeitung Deutschlands. In der Nacht zum 18. Januar verschworen sich Stoibers guter Freund Günther Beckstein und Stoibers bester Mann Erwin Huber, das Erbe ihres Meisters unter sich aufzuteilen, und stürzten den Stolzen, den bis dahin irdisch Allmächtigen der Bayernlande vom Thron.

Frau Pauli war am Ziel - und am Ende. Doch wussten das damals weder sie noch ihre Bewunderer. Aber dafür sorgten mit Ingrimm nicht nur die beiden Nutznießer ihres Siegeszuges. Weil keiner von beiden eingestehen wollte, dass er trotz all seiner jahrzehntelangen Verdienste ausschließlich durch die Hilfe der bislang nicht beachteten und nicht geförderten Kommunalpolitikerin die Chance erhalten hatte, seine geheimsten Lebensträume zu verwirklichen, überzogen sie Frau Pauli mit härtester Kritik, statt ihr danke zu sagen für ihren Mut vor dem Königsthron, zu dem sie selbst nicht gefunden hatten.

Mit dem Kopf durch die Wand

Frau Pauli merkte erst am 21. Februar, dem politischen Aschermittwoch in Passau, wie übel ihr mitgespielt wurde. Dass Stoiber sie schnitt, war verständlich. Dass sie aber dort, wo der niederbayerische Bezirksvorsitzende Huber als Hausherr fungiert, von der Prominentenbank aus gespielter Sorge um ihre Sicherheit vor die Tür gesetzt wurde, warf sie so sehr aus dem Gleichgewicht, dass sie sich anderntags in München zu allenfalls halbdurchdachten Fotoaufnahmen für eine neue bebilderte Zeitschrift hinreißen ließ. Als die Gerüchte über Latex-Fotos noch vor den in Wirklichkeit wenig anrüchigen Bildern selbst auf dem Markt waren, hätte sie gewarnt sein müssen, künftig nur noch nach strengem Plan zu verfahren.

Stattdessen wollte Frau Pauli in den folgenden Monaten mit dem Kopf durch die Wand. Sie sah sich nun als landespolitische, vielleicht sogar bundespolitische Figur. Sie hatte allen in der CSU gezeigt, wie man Macht verändert, und sie glaubte, dass ihr wie einst Frau Merkel in der CDU dafür Anerkennung gebühre. Am 5. März kündigte sie den Verzicht auf die nächste Landratskandidatur an und wollte aussichtsreiche Wirtschaftsposten oder "ein höheres politisches Amt" anstreben. Jetzt musste doch zu erreichen sein, was Stoiber ihr versagt, ihrer Altersgenossin, der Oberbürgermeisterin Beate Merk, aber zugestanden hatte: ein Ministeramt.

Rückkehr zum Aschenputteldasein

Dass Beckstein und Huber aber schon Stahlwände errichtet hatten, war ihr wohl entgangen. Es kam kein Angebot, und die Nominierung ihres Nachfolgers im CSU-Kreisverband schnitt Frau Pauli jede Möglichkeit ab, voreilige Entscheidungen rückgängig zu machen. Trotz ihrer Absage an die Freien Wähler war sie schon wegen der Gespräche selbst als Abtrünnige verrufen. Ihre hilfesuchende Ankündigung, vielleicht als stellvertretende Parteivorsitzende zu kandidieren, erweiterte den Kreis ihrer Feinde um vier einflussreiche Leute.

Trotzig gab sie sich blind und taub gegenüber den Signalen, dass sie zum Aschenputteldasein in der Partei und in der Öffentlichkeit zurückkehren müsse, um die Beckstein- und Huber-Monate oder -Jahre zu überdauern. Sie wollte sich nicht darauf verlassen, dass die Zeit sie gegenüber den um zehn und zwölf Jahre Älteren begünstige. Am 12. Juli gab sie plötzlich ihre Kandidatur für den CSU-Vorsitz bekannt, ohne einleuchtende Begründung und ohne wohlvorbereitete Erklärung ihrer Ziele und ihrer Vorzüge gegenüber den beiden Kandidaten Huber und Seehofer.

Einmal ins Rampenlicht und zurück

Nun begann die schwerste Phase im Abstiegskampf der Gabriele Pauli. Gefährten aus gemeinsamen Tagen in der Jungen Union schlugen ihre Bitte ab, ihr bei der Ausarbeitung eines Programms zu helfen. Während der Erfolgsdruck wuchs, scheint es immer einsamer um sie geworden zu sein. Sie fand nicht zu der Losung, die ihrer Bewerbung Glaubwürdigkeit gegeben hätte: gegenüber dem Landespolitiker Huber und dem Bundespolitiker Seehofer die Kommunalpolitik zu verkörpern mit dem Anspruch, den von Stoiber und seinem Helfer Huber bevormundeten Gemeinden und Kreisen ihre Würde und subsidiäre Bedeutung zurückzugeben.

Weil alles ausblieb, was ihrem Streben Sinn gegeben hätte, traute ihr auch die Öffentlichkeit nichts mehr zu, nicht einmal einen Achtungserfolg gegen Huber und Seehofer. Die Auskunft, ihr sei jedes Ergebnis recht, offenbarte die Verzweiflung einer einstigen Diva, die in einem vollbesetzten Saal unter tosenden Buhrufen auf vereinzelten Beifall hofft.

Wenige Tage später kam es zu einem Aussetzer, wie er nur Unglücklichen unterläuft, denen niemand mehr zur Seite steht: Ob sie lustig sein wollte oder ungeheuer originell, ist bedeutungslos gegenüber dem Eindruck, den ihre Forderung nach einer Befristung der Ehe auf sieben Jahre erweckt hat. Gabriele Pauli ist in der Partei nun wieder die, die sie vor einem Jahr war: die Frau, mit der die Anständigen in der CSU nichts zu tun haben wollen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
22.12.2009 | 09:39
Dax 5.961,18
+0,52 %
 
        Vortag
Tops in %
Infineon +2,15%
ThyssenKrupp +1,58%
Salzgitter +1,30%
   
Flops in %
Metro −0,14%
Henkel Vz −0,30%
Fresenius Vz −1,02%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche