Hochschulen

Exzellenz-Eklat: Sieg der Südstaaten

Von Jürgen Kaube und Christian Schwägerl

14. Oktober 2006 München und Karlsruhe - die Sieger des Exzellenzwettbewerbs der Universitäten stehen fest, doch es herrscht Unfrieden. Im Bewilligungsausschuß, in dem wissenschaftliche Juroren und Wissenschaftsminister am Freitag zusammen entschieden, wer rund 900 Millionen Euro Fördergelder bekommen soll, kam es zum Eklat.

Die Politiker fühlten sich von den Juroren aus der Wissenschaft bevormundet. Sie fordern nun mehr Einfluß auf das Verfahren, wenn im kommenden Frühjahr weitere 1,1 Milliarden Euro Fördermittel vergeben werden.

Nur um wissenschaftliche Exzellenz soll es gehen - das haben Wissenschaftspolitiker aller Parteien stets hervorgehoben. Doch nun zeigte sich, daß die Politiker doch lieber selber entscheiden würden und die 26 Gutachter aus aller Welt als ihre Zuarbeiter betrachten. In dem gemeinsamen Bewilligungsausschuß, in dem Bund, Länder und Wissenschaft vertreten sind, haben die Länder je eine Stimme, der Bund sechzehn Stimmen und die Wissenschaftler je 1,5 Stimmen, was ihnen eine Mehrheit verleiht. Die nutzten die Forscher aber selbstbewußt unter Berufung auf das Kriterium der Exzellenz. Sie legten den beteiligten Wissenschaftsministern aus Bund und Ländern eindeutige Entscheidungen vor: Bei den „Zukunftskonzepten“ setzten sich nur die TU München, die TH Karlsruhe und die Ludwig-Maximilians-Universität München durch.

Die Wissenschaftler setzen sich durch

Die anderen Bewerber aus Berlin, Bremen, Würzburg und Tübingen wurden in dieser sogenannten „dritten Säule“ nicht berücksichtigt. Die Universität Freiburg war als weiterer Kandidat im Rennen, schied aber aus, weil sie nicht das nötige Exzellenz-Cluster vorweisen konnte. Aachen und Heidelberg, deren wissenschaftliche Exzellenz festgestellt wurde, scheiterten an ihrem noch nicht ausgereiften Zukunftskonzept.

Von einem „bedeutenden Tag für die Wissenschaft in Deutschland“ sprach Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) und meinte damit den Einstieg in die Exzellenzförderung. Bedeutend ist der Tag aber auch deswegen, weil sich Wissenschaftler gegen ihre politischen Geldgeber durchgesetzt haben, die allzu gerne von der Autonomie der Hochschule sprechen, aber die Universitäten gerne am Gängelband führen.

„Wir konnten das nur noch abnicken“

Nach dem schlechten Abschneiden von nord- und ostdeutschen Universitäten beim Exzellenzwettbewerb hat der schleswig-holsteinische Wissenschafts- und Wirtschaftsminister Dietrich Austermann (CDU) schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Forschungsgemeinschaft und ihren Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker erhoben.

Austermann sagte FAZ.NET, das Entscheidungsverfahren sei erst kurz vor der Sitzung des Bewilligungsausschusses so verändert worden, daß die Wissenschaftsminister praktisch keinen Einfluß mehr auf den Ausgang gehabt hätten. „Wir konnten das nur noch abnicken“, kritisierte Austermann.

„Erregte Diskussion“

Zur Konzeption des Exzellenzwettbewerbs gehöre es, daß Bund und Länder am Ende gemeinsam mit den wissenschaftlichen Gutachtern die Entscheidung fällen. Dagegen habe Winnacker verstoßen. Austermann sagte, es habe eine „zweistündige erregte Diskussion“ gegeben, in deren Verlauf einige Minister beinahe den Rücktritt von Winnacker vom Vorsitz des Gremiums gefordert hätten.

Es soll zu wütenden Protesten der Minister gekommen sein, die sich um ihren Einfluß gebracht sahen. Nach Teilnehmerberichten war die Stimmung am Bonner Tagungsort äußerst aufgeheizt. Auch Forschungsministerin Schavan sei über die geänderten Abstimmungsmodus erzürnt gewesen. Austermann sagte, ein Kieler Forschungsprojekt über Entzündungen sei von den Gutachtern als exzellent bewertet worden, aber ohne Angaben von Gründen herabgestuft worden, um bayerischen Projekten Platz zu machen. „Bayern hat jetzt mehr Graduiertenschulen und Exzellenzcluster als von der Begutachtung her berechtigt sind“, sagte Austermann.

Die Umschichtung habe es erst möglich gemacht, daß nur die beiden Münchner Universitäten und Karlsruhe bei der Prämierung der „Zukunftskonzepte“ erfolgreich gewesen seien. Die Wissenschaftler hätten im Bewilligungsausschuß die Chance verpaßt, einen wissenschaftlich begründbaren Ausgleich zwischen dem Norden und dem Süden vorzunehmen. Ursachen seien „eingespielte Netzwerke und Seilschaften in der DFG“, weswegen nicht nur nach Exzellenzkriterien entschieden worden sei, sondern auch gemäß des bisherigen Erfolgs in der DFG-Förderung.

Kein Gießkannenprinzip

Da die Wissenschaftler in den Förderbereichen Graduiertenschulen und „Exzellenzcluster“ eindeutig votierten, hatte die Politik im Bewilligungsausschuß keinen regionalpolitischen Verteilungsspielraum mehr. (Siehe auch: Die drei Säulen der Bund-Länder-Exzellenzinitiative)

Nur wer in diesen beiden Kategorien erfolgreich ist, kam für die Kür zur Spitzenuniversität überhaupt in Frage. Viele Wissenschaftsminister hätten es gerne gesehen, wenn wenigstens eine Universität außerhalb von Süddeutschland ausgewählt worden wäre. Doch die Wissenschaftler beharrten darauf, daß allein akademische Qualität zählen müsse und nicht das in der Politik übliche Gießkannenprinzip.

Neben Austermann sollen weitere enttäuschte Landesminister in ihrem Unmut so weit gegangen sein, den wissenschaftlichen Experten unlautere Motive vorzuwerfen. In der nächsten Förderrunde, hieß es, werde an ihnen vorbei kein Geld aus der gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern mehr vergeben.

Graduiertenschulen und „Exzellenzcluster“

Am Nachmittag hatte Frau Schavan, der baden-württembergische Wissenschaftsminister Frankenberg (CDU) und der rheinland-pfälzische Minister Zöllner (SPD) alle Ergebnisse offiziell vorgestellt. In drei Kategorien wurden Preise vergeben: Graduiertenschulen (je 1 Million jährlich), in denen Nachwuchswissenschaftler Lehre und Forschung zu innovativen Themen eng verknüpfen; „Exzellenzcluster“ (je 6,5 Millionen Euro jährlich), in denen verschiedene Institutionen einer Region eine gemeinsame Frage verfolgen; und schließlich „Zukunftskonzepte“ (10 - 20 Millionen Euro jährlich), in denen eine Hochschule ihren Weg an die internationale Spitze beschreibt.

In der Förderlinie der Graduiertenschulen wurden folgende Hochschulen mit sehr verschiedenen Einrichtungen ausgewählt: die RWTH Aachen, die Freie Universität Berlin, die Humboldt-Universität Berlin, die Technische Universität Berlin, die Ruhr-Universität Bochum, die Uni Bonn, die Uni Bremen, die TU Dresden, die Universität Erlangen, die Universität Freiburg, die Universität Gießen, die Medizinische Hochschule Hannover, die Universität Heidelberg, die TU Karlsruhe, die Universität Mannheim, die Universität München, die Technische Universität München und die Universität Würzburg.

Bei den so genannten Exzellenz-Clustern wurden gekürt: zwei Mal die RWTH Aachen, die Universität Bonn, die TU Dresden, die Universität Frankfurt/Main die Uni Gießen, die Uni Göttingen, die Medizinische Hochschule Hannover, die Uni Heidelberg, die TH Karlsruhe, die Universität Kiel, die Universität Konstanz, die Universität München mit drei Projekten und die TU München mit zwei Projekten.

„Working Brain“ und „Living Knowledge“

Die größte Aufmerksamkeit zog die dritte Förderform auf sich, die prämierten „Zukunftskonzepte“, die Erfolg in den beiden anderen Kategorien voraussetzt und für das Prädikat „Exzellenzhochschule“ steht. Hier haben sich nun nur drei Universitäten durchgesetzt.
Die Münchner Ludwig-Maximilians-Universität will sich mit den Fördermitteln zur „LMUexcellent“ entwickeln und setzt dabei auf die englischen Begriffe „Working Brains“, „Networking Minds“ und „Living Knowledge“. Im Mittelpunkt steht ein besseres Personalmanagement, das es erlauben soll, die wirklich besten Forscher aus aller Welt anzulocken. In einem „Center for Advanced Studies“ sollen verschiedenste Disziplinen zusammenfinden. Langfristig will sich die Universität zur Stiftungsuniversität nach amerikanischem Vorbild entwickeln, in die in großem Umfang auch Privatgelder fließen können.

Als „Unternehmerische Universität“ will sich die TU München mit dem Geld aus der Exzellenzinitiative profilieren. Das bedeutet, den Weg von der Wissenschaftlichen Idee zum verkäuflichen Produkt zu ebnen und auch die Universität selbst stärker als ein Unternehmen zu begreifen, so wie es die amerikanischen Eliteuniversitäten längst tun.

Die Ingenieurinnen der Zukunft

Die Technische Universität Karlruhe sieht sich zusammen mit dem Forschungszentrum Karlsruhe als künftiges deutsches Massachusetts Institute of Technology (MIT) und hat sich schon als „KIT“ konstituiert. Ihr Zukunftskonzept umfaßt einen Entwicklungsplan mit hochgesteckten Zielen, bei denen auch die Kinderbetreuung als wichtiges Element gesehen wird, um die besten Ingenieurinnen der Zukunft ausbilden zu können.

An vielen Hochschulen knallten am Freitag die Korken, nicht nur bei den Goldmedaillengewinnern, sondern auch anderswo. So freut sich etwa die TU Dresden darüber, daß sie als einzige ostdeutsche Hochschule reüssieren konnte und einen Zuschlag für die Graduiertenschule „Dresden International Graduate School for Biomedicine and Bioengineering“ und das Exzellenzcluster „From Cells to Tissues to Therapies“ bekommen hat. Der Großteil der Fördermittel wird in den Süden gehen: Bayern wurde elf Mal bedacht. Es folgen Baden-Württemberg mit acht und Nordrhein-Westfalen mit sechs Nennungen. Im Osten wurde Berlin drei Mal und Sachsen zwei Mal bedacht.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: FAZ.NET, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa

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