Studiengebühren

Gut und teuer?

Von Cornelia von Wrangel

Zahlen um zu hören: Studiengebühren sind nach wie vor alles andere als beliebt

Zahlen um zu hören: Studiengebühren sind nach wie vor alles andere als beliebt

20. April 2008 Ausgerechnet der Vater von Roland Koch! Die Gegner von Studiengebühren schmunzeln darüber, seit in Hessen um sie gefochten wird. Ausgerechnet Karl-Heinz Koch hat dafür gesorgt, dass in Hessen das Studieren nichts kosten sollte. Das war kurz nach dem Krieg und Karl-Heinz Koch ein Jurastudent in Frankfurt, der es nicht hinnehmen wollte, dass die Universitäten von den Studenten "Hörergeld" verlangten. Zusammen mit anderen Kommilitonen klagte der junge Koch senior gegen die Vorlesungsgebühren, pochte auf den Artikel 59 der Landesverfassung, nach dem der Unterricht in den hessischen Schulen und Hochschulen unentgeltlich sein soll. Und verlor. Um zwei Jahre später - 1949 - zu gewinnen. Der Hessische Staatsgerichtshof gab ihm recht; alles, was die Studenten seit Dezember 1946 an Gebühren entrichtet hatten, musste zurückgezahlt werden.

Zurückerstatten - so weit wird es in Hessen nicht kommen. Aber vorausgesetzt, dass SPD, Grüne und die Linken ihren Willen bekommen und die gerade eben eingeführte Studienabgabe tatsächlich wieder abgeschafft wird, dann treten sie das Erbe von Vater Koch an. Der Sohn müsste der Vollstrecker sein, weil Roland Koch nur noch ein geschäftsführender Ministerpräsident ohne Mehrheit ist.

Wir leben im Jahr zwei der Studiengebühren

Wir leben mehr oder weniger im Jahr zwei der Studiengebühren. Eingeführt haben sie sieben Bundesländer im Westen der Republik: Die ersten waren Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen (Wintersemester 2006/2007), es folgten Baden-Württemberg, Bayern und Hamburg (Sommersemester 2007), Hessen und das Saarland waren die Nachzügler (Wintersemester 2007/2008). Der Osten und die Länder, in denen die SPD an der Regierung beteiligt ist, sind gebührenfreie Zone. Das heißt: Siebzig Prozent der deutschen Studenten müssen zur Zeit Studiengebühren zahlen. Mehr als 160 Universitäten und Hochschulen profitieren davon, bekommen einen zusätzlichen Geldsegen von fast einer Milliarde Euro. Zwei Bedingungen werden ihnen dabei gestellt: Die Gebühren müssen sozialverträglich gestaltet sein und dafür ausgegeben werden, die Studien- und Lehrbedingungen zu verbessern.

Zu beneiden sind Studienanfänger nicht, die sich durch das Gestrüpp aus Regelungen durchfinden müssen, die da geschaffen wurden. Nordrhein-Westfalen zum Beispiel überlässt es den Hochschulen, wie viel sie verlangen. Was dazu geführt hat, dass 29 von den 33 Universitäten und Hochschulen im Lande den Höchstsatz von 500 Euro pro Semester haben wollen. Bayern gibt seinen Einrichtungen einen Korridor (300 bis 500 Euro) vor, die anderen Bundesländer haben gleich 500 Euro festgesetzt.

Die Unis informieren, was sie mit dem Studiengeld anfangen

Unterschiedlich sind auch die Bestimmungen für jene Studenten, die die Gebühren nicht zahlen können. In einem Bundesland (Nordrhein-Westfalen, das besonders stolz darauf ist) brauchen Bafög-Empfänger insgesamt nicht mehr als 10 000 Euro ihres Darlehens zurückbezahlen, in anderen liegt diese Grenze bei 15 000 Euro. Das schwarz-grüne Bündnis in Hamburg fügt jetzt noch ein neues Modell hinzu: Statt wie bisher 500 fordert es fortan 375 Euro, die jedoch erst nach dem Examen fällig werden und auch erst dann, wenn man mindestens 30.000 Euro im Jahr verdient. Dass an der Elbe selbst die Grünen mit einem Alma-Mater-Obolus einverstanden waren, hat sogleich Begehrlichkeiten im nahen Schleswig-Holstein geweckt. Dann müsste es in Kiel doch auch mit der SPD so gehen, hat dort der CDU-Fraktionsvorsitzende laut gedacht. Dem ist aber nicht so. Die SPD bleibt bei ihrem Nein, weil Studiengebühren Bildungschancen ungerecht verteilten.

Bildungspolitiker der Länder mit Studiengebühren können darüber nur müde lächeln. Man sollte Studiengebühren nicht ideologisch betrachten, in Großbritannien erhebe sie selbst die Labour-Partei, sagt Peter Frankenberger (CDU), Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg, wo die Hochschulen nun etwa 90 Millionen Euro pro Semester mehr zur Verfügung haben. Die Schulden, die beitragsfreie Länder als Ersatz für Studiengebühren machten, müssten die Studenten später auch zurückzahlen. Die Länder, die sie nicht einführen, "sind selbst schuld", pflichtet ihm sein Kollege aus Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart (FDP), bei. Dort gibt es nun ein finanzielles Uni-Plus von 260 Millionen. Längere Öffnungszeiten von Bibliotheken oder Rechenzentren, mehr Tutorien, bessere Computerausstattung - so fällt das Lob der Gebühren-Minister über das aus, was mit diesem Uni-Plus angestellt wurde. Nachzulesen sind diese Ergebnisse mittlerweile im Internet. Denn immer mehr Hochschulen geben dort Auskunft, was sie mit dem Studiengeld getan haben.

Vom Wie hängt die Akzeptenz ab - sie ist nach wie vor nicht hoch

Nicht nur für den bayerischen Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) geht es daher inzwischen weniger um das Ob von Studiengebühren überhaupt als um das Wie der Verwendung. Denn vor allem von diesem Wie hängt die Akzeptanz der Gebühren ab. Die ist nach einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) vom vergangenen Jahresende nach wie vor nicht hoch. Die Ablehnung sinkt aber, sobald die Studenten an einer Gebühren-Uni eingeschrieben sind, von 72 auf 63 Prozent. Am stärksten ist sie demnach bei Sprach-, Kultur- und Sozialwissenschaftlern, am niedrigsten bei - wen wundert's - Wirtschaftsstudenten und Nachwuchsjuristen. Etwa 50 Millionen für mehr Lehrpersonal, 15 Millionen für mehr Bücher und längere Bibliotheksöffnungszeiten, 12 Millionen für die IT-Struktur - so lauten denn die großen Posten, für die die Bayern ihre 145 Millionen Gebühreneinnahmen im Studienjahr 2007 ausgegeben haben.

Für Andreas Pinkwart in Nordrhein-Westfalen wiederum haben die Studiengebühren nicht nur die Zustände an den Unis verbessert, sondern vor allem einen "Mentalitätswechsel" bewirkt. Die Hochschulen nähmen nun die Studenten ernst und umgekehrt, sagt er. Weil die Studenten bei der Vergabe des zusätzlichen Geldes mitbestimmen. Oder auf die Rückzahlgarantie verweisen können, wenn sie beispielsweise per Losverfahren von einem Seminar ausgeschlossen wurden. Über gut dreißig solcher Fälle haben die Schiedskommissionen laut Wissenschaftsministerium mittlerweile zu entscheiden gehabt. Wegen all dieser Gründe ist es nach Pinkwarts Meinung eben "falsch zu glauben", dass der Student lieber "billig und schlecht" studieren wolle: "Die gehen dorthin, wo sie sich die besten Bedingungen erhoffen." Gleichwohl lässt auch Nordrhein-Westfalen - mit Beteiligung des Studentenwerkes - die Auswirkungen der Studiengebühren genau untersuchen. Im Mai soll die Analyse fertig sein. Überall wird derzeit evaluiert.

Ein Rektor, berichtet Pinkwart weiter, auch zum Beweis des Wettbewerbes unter den Hochschulen, wolle für seine Studenten erreichen, dass sie alle einen Mentor bekommen - und zwar fürs ganze Studium lang. Das findet der Minister "genial".

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP

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