27. Juni 2007 Sie ist die Eva Herman der Partei Die Linke. Eine Frau, die Karriere gemacht hat, spät Mutter wurde - und schließlich für Mann und Kind ihre beruflichen Ambitionen aufgab. Aus dieser privaten Lebensentscheidung ziehen beide gesellschaftspolitische Schlüsse, an der sie die Öffentlichkeit teilhaben lassen. Während die Fernsehmoderatorin Herman in ihrem teils belächelten, teils bejubelten Buch Das Eva-Prinzip die Rückkehr zur traditionellen Rollenteilung als Weg aus der demographischen Krise predigt, schlägt die Volks- und Betriebswirtin Christa Müller, SPD-Mitglied von ihrem 23. bis zum 49. Lebensjahr, den Weg der Umverteilung vor.
Die Ehefrau von Oskar Lafontaine, die in der Hessischen Staatskanzlei und bei der Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitete, möchte Hausfrauen (und Hausmännern, schiebt sie schnell ein) über hohe staatliche Zuwendungen mehr gesellschaftliche Anerkennung zuteil werden lassen.
Hausbesuch vom Familienberater
Zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Familienpolitik der Linken im Saarland hat sie ein Konzept für ein Erziehungsgehalt entwickelt, das das Betreuungsgeld weit überbietet. Im ersten Lebensjahr des Kindes sollen Eltern rund 1600 Euro brutto im Monat, im zweiten und dritten Lebensjahr rund 1000 Euro und bis zum 20. Lebensjahr rund 500 Euro erhalten. Dieses Geld soll jedoch an Hausbesuche von Familienberatern geknüpft sein, die kontrollieren sollen, ob Familien ihre Erziehungsleistung ordnungsgemäß erbringen.
Frau Müller verspricht sich davon, dass Fälle von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung schneller aufgedeckt würden. Wenn ein Kind Hilfe brauche, etwa eine Kur gegen Übergewicht, würden die Kosten vom Erziehungsgehalt abgezogen. Wenn der Nachwuchs wegen Misshandlung seiner Familie entzogen würde, bekämen die Eltern kein Geld mehr. Finanziert werden soll das Erziehungsgehalt durch die Einführung einer Steuer auf Devisengeschäfte sowie die Abschaffung des Ehegattensplittings.
Reproduktion des asozialen Milieus begrenzen
Wir verstehen das Geld nicht als Sozialleistung, sondern als steuer- und sozialversicherungspflichtiges Gehalt für Erziehungsarbeit. Denn viele Hausfrauen leiden unter dem Mangel an Wertschätzung für ihre Arbeit, sagt Frau Müller. In der Partei, in die sie vor zwei Jahren zusammen mit ihrem Mann eingetreten ist (damals hieß diese noch Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit), erntet sie damit geteilte Reaktionen: von erbittertem Widerspruch bis hin zu Anerkennung - Letztere kommt aber nicht aus der Bundespartei, sondern aus ihrem und dem baden-württembergischen Landesverband.
Als Müller die Äußerungen des Augsburger Bischofs Mixa (Wer Mütter durch finanzielle Vorteile dazu anregt, ihre Kleinkinder bereits kurz nach der Geburt in staatliche Betreuung zu geben, degradiert sie zu einer ,Gebärmaschine') unterstützte, nannte die nordrhein-westfälische Landessprecherin der Linkspartei Frau Müller unerträglich. Während der vom SPD-Vorsitzenden Kurt Beck im vergangenen Herbst angestoßenen Prekariats-Debatte hatte Christa Müller gesagt, man müsse die Reproduktion des asozialen Milieus durch staatliche Familienberatung begrenzen. Ihre Wortwahl löste Empörung aus. Heiko Maas, SPD-Vorsitzender im Saarland, bezeichnete Lafontaines Ehefrau als Koalitionshindernis.
Wider den Vorschlägen der eigenen Partei
Bei der Linken im Saarland wird gemunkelt, dass im eigenen Landesverband nur deshalb kaum jemand Frau Müller laut kritisiere, weil niemand es sich mit ihrem Mann verderben wolle. Er hat angekündigt, bei der Landtagswahl 2009 noch einmal für das Amt des Ministerpräsidenten zu kandidieren. Es gibt an der Saar aber auch Unterstützer Müllers, darunter Frauen aus Ostdeutschland, die ihren Kindern kein Krippensystem zumuten wollten.
Ein familienpolitischer Entschließungsantrag der Linken im Bundestag, unterzeichnet von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, liest sich dagegen, als stamme er aus einer anderen Partei. Während Frau Müller davor warnt, Kinder wegzuorganisieren, fordert die Fraktion den Rechtsanspruch auf beitragsfreie Tagesbetreuung für Kinder bis zum 14. Lebensjahr. Denn der Zugang zu frühkindlicher Erziehung und Bildung sorge für Chancengleichheit. Er erleichtere zugleich die Erwerbstätigkeit von Frauen und bedeute eine Abkehr von der selbstverständlichen Annahme, dass Familie und Kinder Frauensache sind.
In der falschen Partei?
Das Elterngeld soll nach Vorstellung der Linken nicht nur ein Jahr, sondern zwei Jahre lang gezahlt werden, und zwar zu gleichen Teilen an Vater und Mutter. Jörn Wunderlich, familienpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion, ist vorsichtig genug, sich zu keiner negativen Äußerung über die Lafontaine-Gattin hinreißen zu lassen. Er hält an Müllers Konzept vor allem für problematisch, dass Frauen darin erhebliche Anreize bekommen, nicht in den Beruf zurückzukehren. Seit Clara Zetkin sei aber das Ziel der sozialistischen Frauenbewegung die gleichberechtigte Erwerbstätigkeit bei gleichem Lohn. Das könne man nicht handstreichartig umkehren.
Während also Frau von der Leyen von der früheren PDS weniger Widerspruch zu erwarten hat als von der CSU, findet Christa Müller Stoibers Vorschlag für ein Betreuungsgeld von 150 Euro als Schritt in die richtige Richtung. Ob sie in der falschen Partei sei? Nein, nur habe die CSU eben auch mal gute Ideen, sagt Frau Müller. Man kann nicht Fremdbetreuung staatlich finanzieren, Eigenbetreuung aber nicht.
Ungerecht behandelt
Sie ist überzeugt, dass mehr Betreuungsplätze nicht zu mehr Geburten führen würden, das Erziehungsgehalt hingegen schon. Heute werden durch das Sozialversicherungssystem Kinderlose auf Kosten von Familien subventioniert, das muss aufhören, sagt sie - und steht damit in der Nähe des ehemaligen Verfassungsrichters Paul Kirchhof, der 2005 in Angela Merkels Wahlkampfteam war, und des hessischen Sozialrichters Jürgen Borchert, der für Roland Koch familienpolitische Konzepte erarbeitet hat.
Wenn Eltern ihre Arbeit besonders gut machen und gebildete, motivierte junge Menschen erziehen, die eine qualifizierte Beschäftigung ergreifen, profitiert durch deren überdurchschnittliche Renten- und Krankenversicherungsbeiträge die Allgemeinheit besonders, sagt Christa Müller. Das findet sie ungerecht, und es gehört nicht viel dazu, herauszuhören, dass auch sie selbst sich ungerecht behandelt fühlt.
Globalisierung statt Glück des Stillens
Sohn Carl Maurice ist zehn und geht demnächst auf ein deutsch-französisches Gymnasium. Sie schultert die Familienarbeit in dem großbürgerlichen Haushalt. Sie hat die Schwiegermutter gepflegt; jetzt lebt noch ihre neunzigjährige Mutter mit auf dem Lafontaineschen Anwesen. Ein paar Jahre lang hat sie darunter gelitten, ihren Beruf für die Familie aufgegeben zu haben. Zur Staatssekretärin in einem Landesministerium hätte ich es schon bringen können, sagt sie.
Statt Bücher zu schreiben über Das Glück des Stillens oder Mein Kind schläft durch (beide von Eva Herman), verfasste sie, als ihr Sohn ein Jahr alt war, zusammen mit ihrem Mann einen Band über die Globalisierung. Sie gab ihr Feld also nicht kampflos auf, und ihr Verzicht soll nun zumindest anerkannt werden. Ich bekomme viel Unterstützung, auch bei Vorträgen auf Einladung katholischer Verbände, sagt sie. Das Papier, dem der Vorstand der saarländischen Linken zugestimmt hat, soll demnächst auf einem Landesparteitag beschlossen werden.
Frau Müllers Ausflug ins wertkonservative Milieu könnte ihrem Mann unter bürgerlichen Wählern zu Stimmengewinnen verhelfen. Lafontaine erreichte für die SPD an der Saar dreimal hintereinander absolute Mehrheiten - aber dass er mit der Linken noch einmal regiert, scheint gewagt. Das Saarland ist ländlich, strukturkonservativ, katholisch. Die Familienpartei, die schon seit langem ein Erziehungsgehalt fordert, erhielt 2004 drei Prozent - wenn alle ihre Wähler beim nächsten Mal für die die Linke stimmen würde, wäre Lafontaine wohl immerhin im Landtag.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth
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