Arcandor stellt Insolvenzantrag

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Letzter Ausweg: Arcandor-Chef Eick (r.) und Insolvenz-Verwalter Görg

Letzter Ausweg: Arcandor-Chef Eick (r.) und Insolvenz-Verwalter Görg

09. Juni 2009 Der angeschlagene Karstadt-Mutterkonzern Arcandor will keinen neuen Antrag auf Rettungshilfen stellen. Stattdessen beantragt das Unternehmen Insolvenz beim Amtsgericht Essen. Vorstandschef Karl-Gerhard Eick verteidigte am Nachmittag das Verfahren als „notwendig und konsequent“.

In einer Pflichtmitteilung des Konzerns eißt es, der Insolvenzantrag gelte auch für die Karstadt Warenhaus GmbH, die Primondo GmbH und die Quelle GmbH. Angesichts kurzfristig fälliger Darlehen über 710 Millionen Euro drohe zum 12. Juni die Zahlungsunfähigkeit. Vom Insolvenzverfahren unberührt bleiben demnach die Touristik-Tochter Thomas Cook sowie der Homeshopping-Sender HSE24.

„Keine nachhaltige Finanzierungsperspektive“

Die Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor hat Großaktionäre, Banken und Vermieter nicht zu weiteren Zugeständnissen bewegen können, um einen Insolvenzantrag abzuwenden. Die vom interministeriellen Ausschuss geforderte Verbesserung des Antrags auf Rettungsbeihilfe sei „nicht erreichbar“ gewesen, teilte Arcandor am Dienstag mit. „Damit bestand keine nachhaltige Finanzierungsperspektive mehr.“

Bis einschließlich August sollen die Gehälter sicher sein, heißt es. 43.000 Mitarbeiter in Deutschland sind laut Arcandor von der Insolvenz betroffen.

Zum Börsenkurs

Arcandor hat den Insolvenzexperten Horst Piepenburg als Generalbevollmächtigten bestellt. Der Düsseldorfer soll die operative Führung der Geschäfte bei Arcandor übernehmen. Das Essener Amtsgericht hatte zuvor am Dienstag den Kölner Anwalt Klaus Hubert Görgen zum vorläufigen Insolvenzverwalter ernannt. Das Duo soll das Insolvenzverfahren gemeinsam bewältigen. Angestrebt ist ein Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung. „Heute ist Deutschlands größtes Insolvenzverfahren eingeleitet worden“, sagte Piepenburg am Arcandor-Hauptsitz in Essen. „In erster Linie geht es um den Erhalt von Arbeitsplätzen. Und es geht um den Erhalt des Konzerns.“ Dazu biete das Insolvenzverfahren gute Möglichkeiten“, sagte Piepenburg.

Merkel: Eine Chance für die Mitarbeiter

Das sieht auch die Bundeskanzlerin so. Angela Merkel hat den Insolvenzantrag als Chance für die Mitarbeiter bezeichnet. Das Unternehmen könne nun den Beschäftigten etwa im Zusammengehen mit Metro neue Möglichkeiten eröffnen, sagte die Kanzlerin am Dienstag in Berlin. Die Politik werde dies, soweit sie es könne, begleiten. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) werde sich schnell mit den Personalvertretungen an einen Tisch setzen, kündigte Merkel an. Der Antrag auf Insolvenz sei aber unumgänglich gewesen, da der in Aussicht getellte Beitrag der Eigentümer für eine staatliche Rettungsbeihilfe nicht ausreichend gewesen sei (Video: Merkel verteidigt harte Haltung zu Arcandor).

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat das Scheitern seiner Rettungsbemühungen bedauert. „Ich bin weiterhin der Überzeugung, die Insolvenz hätte verhindert werden können, wenn alle an einem Strang gezogen hätten“, teilte der Bundesaußenminister mit. Er bedauere, dass es bei Eigentümern, Banken und Vermietern keine hinreichende Bereitschaft für einen eigenen substanziellen Beitrag zur Rettung des Unternehmens gegeben habe.

Doch ein höherer Beitrag seitens der Sal.Oppenheim-Gesellschafter sei angesichts des schon in der Vergangenheit geleisteten Engagements nicht mehr verantwortbar gewesen, heißt es beim Großaktionär Sal.Oppenheim. Die Bank habe fest hinter dem Sanierungskonzept des Vorstandes gestanden und in zahlreichen Gesprächen mit der Politik ihren Beitrag zur Rettung von Arcandor konkretisiert. „Wir waren im Rahmen unseres Arcandor- Engagements bereit, bis an die Grenzen des Machbaren zu gehen“, sagte Matthias Graf von Krockow, Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter der Konzernholding. Die Kölner Privatbank war im September 2008 bei Arcandor eingestiegen und hatte dem Konzern dabei 60 Millionen Euro Eigenkapital und einen Kredit über 20 Millionen Euro bereitgestellt.

Verdi: Schwarzer Tag für die Beschäftigten

Die Gewerkschaft Verdi hat den Insolvenzantrag beklagt. „Dies ist ein schwarzer Tag für die Beschäftigten“, sagte die stellvertretende Vorsitzende Margret Mönig- Raane. Eine Rettung wäre möglich gewesen, erklärte sie und kritisierte ausdrücklich Bundeskanzlerin Merkel und Bundeswirtschaftsminister zu Guttenberg: „Wer Lösungen will, findet Wege. Wer keine Lösung will, findet Gründe.“ Die Beiträge von Eigentümern, Vermietern und Gläubigerbanken seien zudem weniger substanziell gewesen als öffentlich angekündigt. Nun müssten die Mitarbeiter zügig erfahren, welche Beschäftigungsperspektiven auf sie zukämen.

Ein Arcandor-Betriebsrat berichtete: „Die Mitarbeiter sind am Boden zerstört und sitzen wie gelähmt an ihren Arbeitsplätzen. Wir können nicht glauben, dass es wirklich zu Ende geht.“

Mit Fassungslosigkeit und Entsetzen ist beim Versandunternehmen Quelle die Nachricht aufgenommen worden. „Das ist der Super-GAU“, sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ernst Sindel. Man habe bis zuletzt daran geglaubt, dass noch eine Lösung für Arcandor und damit auch für Quelle möglich sei. Jetzt gehe es darum, möglichst viele Arbeitsplätze bei Quelle zu retten. „Schockierend“ nannte Quelle-Sprecher Manfred Gawlas die Entwicklung. Welche Folgen die Insolvenz für Quelle mit seinen 8.000 Mitarbeitern haben werde, sei derzeit völlig unklar.

„Alle Geschäfte laufen ungehindert weiter“

Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski sagte, für Kunden soll es keine Einschränkungen geben. „Alle Geschäfte laufen ungehindert weiter“, sagte Koslowski. Bestellungen würden ausgeführt, Garantien seien gültig, Rückgaberecht und Anzahlungen hätten Bestand.

Erste Interessenten für Primondo

Für die Versandhandelssparte Primondo interessieren sich Regierungskreisen zufolge mehrere Investoren. „Es gibt mehrere Interessenten aus dem In- und Ausland“, sagte eine mit dem Stand der Gespräche vertrauten Person zu Reuters. „Es sind substanzielle Sachen darunter.“ Allerdings handele es sich dabei noch um Voranfragen. Die Versandsparte trägt wie die Kaufhaus-Kette Karstadt gut 20 Prozent zum Konzernumsatz bei. Zu ihr zählen die Traditionsmarke Quelle und Spezialversender wie „Bogner Homeshopping“, „mirabeau“, „Hess Natur“ und „Baby-Walz“ sowie der Fernseh-Shopping-Kanal HSE 24 mit rund 16.000 Mitarbeitern.

Der Vorstand des Essener Unternehmens war am Dienstagmorgen zusammengekommen, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Dabei fiel die Entscheidung gegen einen neuen Antrag auf Rettungsbeihilfe. Am Montagabend hatte die Bundesregierung auch den dringend benötigten Rettungskredit im Volumen von 437 Millionen Euro abgelehnt, nachdem zuvor bereits der Antrag auf 650 Millionen Euro an Staatsbürgschaften aus dem so genannten Deutschlandsfonds negativ beschieden worden war.

Warenhaus-Ketten in der Krise

Seit langem kämpfen die traditionsreichen Warenhäuser in den Innenstädten gegen Discounter, Shopping-Center, spezialisierte Ketten und Online-Versandhäuser. In den 90er Jahren verschwanden bei der bis dahin größten Konsolidierungswelle Traditionsmarken wie Horten und Hertie, aber auch die Kaufhof-Billigtochter Kaufhalle vom Markt, wobei die Marke Hertie später für die ausgegliederten Karstadt-Häuser wiederbelebt wurde. Neben Hertie musste zuletzt auch Woolworth Insolvenz anmelden (Bildergalerie: Die Pleiten des Jahres).

Neben der Konjunkturkrise machen den Warenhäusern Strukturprobleme zu schaffen: Das Konzept „Alles unter einem Dach“ hat sich aus Sicht von Verbraucherexperten überholt. Zweitens bekomme der Online-Handel ein immer größeres Stück vom Kuchen. Und drittens mangele es oft an der Profilierung. Die „Sandwich-Position“ des mittleren Segments werde zum Problem, wenn die Discounter auf der einen und die Edel-Anbieter auf der anderen Seite den Druck erhöhten.

Nach Analyse des Saarbrücker Wirtschaftswissenschaftlers Joachim Zentes verlieren Kauf- und Warenhäuser schon seit den 70er Jahren kontinuierlich Marktanteile. Eine immer weitergehende Ausdifferenzierung der Kundenwünsche bereite den Kauf- und Warenhäusern Schwierigkeiten. Viele Verbraucher wanderten zu Textilketten wie H&M oder Zara ab. Unterhaltungselektronik kauften sie lieber in Media Märkten.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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