Bürgschaftsausschuss

Die Zukunft von Quelle entscheidet sich am Abend

Von Rüdiger Köhn

Besonders die Mitarbeiter von Quelle warten nervös auf den Beschluss

Besonders die Mitarbeiter von Quelle warten nervös auf den Beschluss

29. Juni 2009 Das Treffen des interministeriellen Bürgschaftsausschusses wird voraussichtlich gegen 17 Uhr beginnen und sich damit in den Abend hineinziehen. Nach Angaben des Sprechers von Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg wurde am Freitag die vom Bundesfinanzministerium angeforderte Dokumentation mit den Informationen bereits nachgereicht, die als Beschlussgrundlage für den Massekredit über 50 Millionen Euro dienen soll.

Es geht um zusätzliche Sicherheiten, die der Bund verlangt, bevor er sein Plazet für seinen Anteil von 25 Millionen Euro gibt, der über die bundeseigene Förderbank KfW vergeben werden soll. Wichtiges Entscheidungskriterium wird nun sein, ob die Valovis Bank als Factoring Bank – und damit Finanzierer von Quelle – weitere Sicherheiten zur Verfügung stellt. Es soll sich um einen zweistelligen Millionenbetrag handeln, der quasi bei der Bank liegt, aber Quelle zuzuschreiben ist. Hier handelt es sich um einen Bestandteil der komplizierten Finanzierungsstruktur im Versandgeschäft. Mehr als die Hälfte der Quelle-Kunden kaufen per Ratenkredit. Der Versender erhält eine Anzahlung. Den Restbetrag abzüglich Gebühren und Risikoabschlag überweist die Bank am Ende der Kreditlaufzeit, erläuterte der Sprecher von Görg.

Quelle sitzt auf dem Trockenen

Die bundeseigene Förderbank KfW soll Arcandor einen Kredit geben

Die bundeseigene Förderbank KfW soll Arcandor einen Kredit geben

Wesentlicher und womöglich entscheidender Streitpunkt wird das Ansinnen des Bundesfinanzministers Peer Steinbrück (SPD) sein, dass der KfW-Anteil am Massekredit vorrangig gegenüber den anderen bedient werden soll (F.A.Z. vom 26. Juni). Bayern will über die LfA 21 Millionen Euro bereitstellen, Sachsen über die Sächsische Aufbaubank (SAB) 4 Millionen Euro. Der Finanzminister befindet sich jedoch in einer guten Ausgangsposition. Denn die bayerische Regierung wird den von ihr so vehement vertretenen Notkredit nicht an dieser Frage scheitern lassen und eher klein beigeben, vermuten Beobachter. Der Massekredit dient der kurzfristigen Finanzierung eines insolventen Unternehmens. Er wird aus der Insolvenzmasse vor allen übrigen Forderungen bedient.

Während erst am Freitagabend zu der Sitzung des Ausschusses an diesem Montag eingeladen worden war, nahmen die Nervosität und die Unsicherheit über die Zukunft des insolventen Fürther Versandhauses am Wochenende weiter zu. Meldungen, wonach der ebenfalls insolvente Mutterkonzern Arcandor unmittelbar vor dem Insolvenzantrag Bargeld von Quelle abgezogen und damit das Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit getrieben habe, wurden energisch von den Unternehmen wie auch vom Sprecher des Insolvenzverwalters zurückgewiesen. Es habe sich um einen routinemäßigen Vorgang im Rahmen der Liquiditätssteuerung im Konzern gehandelt (Cash Pooling), erklärten sie.

Danach werden tägliche Geldeinnahmen an den Konzern überwiesen, der im Zuge der Optimierung Mittel wieder an die Tochtergesellschaften zurück überweist. Das gleiche Verfahren habe es bei den Karstadt-Häusern auch gegeben. Bei Quelle spitzte sich die Liquiditätsknappheit jedoch zu, weil das Versandhaus im Gegensatz zu Karstadt keine täglichen Einnahmen hatte. Da die Valovis Bank, die nach dem Insolvenzantrag den Geldhahn von den finanzierenden Banken zugedreht bekommen hatte, keine Zahlungen mehr leistete, sitzt Quelle auf dem Trockenen.

Massekredit kurzfristig genehmigen

Wird der Massekredit an diesem Montag abgelehnt, bedeutet das quasi das Ende der operativen Tätigkeit. Daher wuchs am Wochenende besonders unter den Mitarbeitern von Quelle die Nervosität. Für die Beschäftigten seien die immer neuen Hiobsbotschaften hart, sagte Gesamtbetriebsratsvorsitzender Erich Sindel. Die Überweisung an Arcandor werde der Betriebsrat überprüfen lassen: „Wir wollen auf Cent und Euro wissen, wie diese letzten Tage verlaufen sind“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. In Interviews betonte Sindel, dass die Geschäfte nach wie vor normal verlaufen würden, im Versand- wie im Onlinehandel. Gleiches gelte für die Auslieferung weißer Ware (Kühlschränke, Waschmaschinen). Quelle ist einer der größten Verkäufer der Geräte in Deutschland.

Die am Freitag um 20 Uhr begonnene Auslieferung des überlebenswichtigen Herbst/Winter-Katalogs verpuffte vor diesem Hintergrund als positives Signal. Die Druckerei Prinovis informierte am Freitagabend über den Start: „Wir tun dies, weil wir uns als Dienstleistungsunternehmen in der Pflicht sehen, unseren Kunden Quelle in der aktuellen Situation zu unterstützen“, sagte Winfried Marquardt, Geschäftsführer von Prinovis Nürnberg. Andererseits würde dies im Vertrauen auf den politischen Willen des Freistaates Bayern und der Bundesrepublik Deutschland erfolgen, alles daranzusetzen, den avisierten Massekredit kurzfristig zu genehmigen. Allerdings behalte sich Prinovis vor, die Auslieferung auszusetzen, falls sich die Situation verschlechtere oder es Signale gebe, dass Quelle den Massekredit nicht erhalte.

Unfaire Unterstützung durch den Staat?

Ein Teil des Herbst/Winter-Katalogs wurde jetzt doch ausgeliefert

Ein Teil des Herbst/Winter-Katalogs wurde jetzt doch ausgeliefert

Die Schlott-Gruppe als zweite Druckerei hat bislang nicht ausgeliefert. Eine Sprecherin sagte, der Papierlieferant habe Eigentumsvorbehalte angemeldet. Das weitere Vorgehen werde juristisch geprüft und am Montag entschieden. Offenbar sorgt sich der Lieferant um die Bezahlung. Im Druckgeschäft ist es üblich, dass er direkt mit dem Kunden – in diesem Fall mit Quelle – einen Vertrag schließt und das Papier an die Druckerei liefert.

Hennig Koopmann, Chef der früheren Schwestergesellschaft und des heutigen Konkurrenten Neckermann, wandte sich mit aller Schärfe gegen staatliche Hilfen. „Ich finde es unfair, wenn Quelle vom Staat unterstützt wird“, sagte er in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Ein Staatskredit mache momentan vielleicht 8000 Arbeitsplätze bei Quelle sicherer, gleichzeitig mache er aber 72.000 Arbeitsplätze bei den anderen Versendern unsicherer.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

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