
Hat als Befürworterin der "Kinderschule" ihre erste Niederlage schon vor Amtsantritt kassiert: Dorothea Henzler, designierte Kultusministerin Hessens
30. Januar 2009 Kompetent, selbstbewusst und resolut in der Durchsetzung ihrer Ziele, so wird Dorothea Henzler von Fraktionskollegen in Wiesbaden beschrieben. Mit diesen Eigenschaften bietet die 60 Jahre alte FDP-Politikerin aus Oberursel beste Voraussetzungen für den Kraftakt, der vor ihr liegt. Als designierte Kultusministerin hat sich Henzler nicht nur eine bahnbrechende Reform des hessischen Bildungssystems zur Aufgabe gemacht, sie will ihr Ziel zudem ohne größere Verwerfungen an den Schulen erreichen. Grundsätzlich sei der Veränderungsdruck für Lehrer, Eltern und Schüler in den vergangenen Jahren nämlich zu groß gewesen, meint die bildungspolitische Sprecherin ihrer Partei im Landtag.
Dass Henzler bei der Präsentation ihrer schulpolitischen Vorstellungen dennoch gern von einem notwendigen „Paradigmenwechsel“ spricht und gelegentlich gar das Wort „Revolution“ in den Mund nimmt, mag als Beleg dafür dienen, mit welchem Ehrgeiz sie an ihre künftige Aufgabe herangeht. Eine hundertfünfprozentige Lehrerzuweisung, kleinere Klassen und mehr Eigenverantwortung der Schulen – das sind die Versprechen, mit denen die FDP im Wahlkampf für sich geworben hat und die Henzler nun in ihrem „Traumjob“ einlösen will. Eine erste Niederlage musste die große Gewinnerin der Koalitionsverhandlungen allerdings schon hinnehmen: Die von ihr befürwortete Einführung einer „Kinderschule“, eines verpflichtenden Vorschuljahres für alle Fünfjährigen, wird es nicht geben. In diesem Punkt setzte sich der Koalitionspartner CDU durch, der eine obligatorische Regelung abgelehnt und stattdessen für eine verbesserte Betreuung in den Kindergärten plädiert hatte.
Gegen schulpolitische Grabenkämpfe
Ansonsten blickt Henzler guten Mutes in die Zukunft. Schluss mit der von Ideologie geprägten Bildungspolitik, lautet ihr Motto für die nächsten fünf Jahre. Sie weiß, dass gerade für die Schulen nicht die Devise „Weiter so“ gelten darf. Veränderungen werde es unter ihrer Verantwortung aber nur im Konsens mit den Betroffenen geben. Die Zeit der „schulpolitischen Grabenkämpfe“ in Hessen müsse vorbei sein. Sie wolle Eltern, Lehrern und Schülern mehr Freiheit geben und ihnen so ein besseres Arbeiten ermöglichen.
Über die Dimension der vor ihr liegenden Herausforderung ist sich die Liberale durchaus im Klaren. Das Kultusministerium sei „ein nicht einfaches Ministerium“, in dem man viel erreichen, aber auch grandios scheitern könne – eine Anspielung auf die CDU-Politikerin Karin Wolff. Die hatte als Kultusministerin von 1999 bis 2003 dem dramatischen Unterrichtsausfall zu Zeiten der rot-grünen Vorgängerregierung ein Ende bereitet und damit den Grundstein für die absolute Mehrheit ihrer Partei bei der Landtagswahl 2003 gelegt, agierte in den folgenden fünf Jahren bei der Einführung einer „Unterrichtsgarantie plus“ und der Umstellung auf die um ein Jahr verkürzte Gymnasialzeit (G 8) dann aber so unglücklich, dass sie nach hohen Verlusten der CDU bei der Wahl Anfang vergangenen Jahres ihren Rücktritt erklären musste.
Großmutter von vier Enkeln
Die im bayerischen Türkheim geborene gelernte Ingenieursassistentin Henzler ist seit 1981 Mitglied der FDP und sitzt seit 1995 im Landtag. Dort war sie von 1999 bis 2003 Parlamentarische Geschäftsführerin, dann wurde sie zur stellvertretenden Vorsitzenden der Fraktion gewählt. Sprecherin für Bildungs- und Schulpolitik ist die Mutter von drei erwachsenen Kindern und Großmutter von vier Enkeln seit acht Jahren. Als Abgeordnete habe sie unzählige Schulen besucht, zugehört und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass sich die meisten Schulleiter und Lehrer von Ministerium und Verwaltung zu sehr gegängelt fühlten, sagt sie und zieht daraus den Schluss: „Das muss ein Ende haben – Schule braucht Freiheit.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ©Helmut Fricke